"Reflexive Anthropologie" vereint drei Bücher oder drei Einheiten, die jeweils für sich gelesen werden können, insgesamt dazu beitragen, das mitunter sehr komplexe und auch durch den Sprachgebrauch Bourdieus in den Hauptwerken (z.B. "Die feinen Unterschiede", "Sozialer Sinn") nicht leicht zugängliche Werk zu erhellen. Das ist nicht zuletzt der Unterstüzung von Loic Wacquant zuzuschreiben, einem Schüler Bourdieus und heutigem Professor für Soziologie in Berkeley (Kalifornien), der es versteht, die von Bourdieu aufgeworfenen Fragen in den Kontext der sozialwissenschaftlichen Theoriegeschichte und Forschung zu stellen.
Zunächst werden im (1) ersten Teil des Buches sieben wesentliche Charakteristika der Arbeiten Bourdieus durch Wacquant referiert. Unter der Überschrift "Auf dem Weg zu einer Sozialpraxeologie. Struktur und Logik der Soziologie Pierre Bourdieus" findet sich hier m.E. eine der konzisesten und brauchbarsten Kurzdarstellungen der Bourdieusschen Arbeiten bis ca. Mitte der 1990er Jahre. Damit ist auch klar, dass der im Spätwerk immer klarere und kritischere Ton sowie die Teilnahme an gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen (dokumentiert z.B. in "Das Elend der Welt" oder "Gegenfeuer") hier noch keinen Platz finden, auch wenn bereits teilweise Einsichten dieser Arbeiten vorweg diskutiert werden. Wacquant stellt hier den relationalen Ansatz Bourdieus heraus, der sich gegen die Festschreibung seines Werkes zum "Subjektivismus" oder auch "Objektivismus" stellt und für ein methodisches Dazwischen plädiert. Hier wird der Brückenschlag zwischen Mikro- und Makrosoziologie versucht.
In der Folge widmet sich der (2) zweite Teil dem "Ziel der reflexiven Soziologie": Bourdieu und Wacquant diskutieren an dieser Stelle Ergebnisse eines Seminars, das den Zusammenhang von sozialwissenschaftlicher Forschungslogik und Eigenlogik der untersuchten Gegenstände aufzeigt. Die Konzepte des "Habitus", des "sozialen Feldes", der "symbolischen Gewalt" sowie die Fallstricke der eigenen soziologischen Arbeit (als Imagination, Fiktion, Konstruktion, lebensferne Kritik) werden diskutiert.
Der abschließende (3) dritte Teil endlich zeigt dann das Verhältnis von Wissenschaftstheorie und außerwissenschaftlichen Einschränkungen der Wissenschaftspraxis (durch bestehende Machtverhältnisse, durch die Abhängigkeit von Forschungsgeldern, durch die Affektbeladenheit der öffentlichen Rezeption soziologischer Erkenntnis und auch durch die Neigung mancher Fachvertreter zur schnellen Pointe, statt konzisen Analyse, zum schnellen medialen Effekt, denn der steten Kritik auch der eigenen Arbeit) auf. Es geht hier um die "Praxis der reflexiven Anthropologie", dokumentiert wird die Einleitung eines Seminars, das bereits 1987 an der frz. Hochschule für Sozialwissenchaften (EHESS, Paris) abgehalten wurde. Es geht um Forschungspraxis, Selbstverständnis des Berufs des Soziologen, dem permanenten methodischen Zweifel bei der Konstruktion der Forschungsobjekte sowie der erforderlichen politischen Schärfung des Blicks (Bourdieu wandte sich stets gegen einen schein-objektiven Neutralismus der Forschung).
Ergänzt wird der Band durch ein Schriftenverzeichnis, das alle relevanten Arbeiten und Aufsätze Bourdieus bis einschließlich 1994 enthält, ein Literaturverzeichnis der verwendeten bzw. im Gespräch zitierten Sekundärarbeiten (eine wahre Fundgrube für Studenten!) sowie ein Namensregister. Leider fehlt ein Stichwortverzeichnis, das einen noch schnelleren Zugriff auf einzelne Themenspektren hätte ermöglichen können. Ein Umstand, der in Taschenbuchausgaben leider oft anzutreffen ist und nicht zuletzt auch dem Kostendruck bei der Produktion von wissenschaftlicher Literatur geschuldet ist; ich mache das an dieser Stelle Suhrkamp nicht zum Vorwurf, da es auch bei anderen Autoren der Fall ist, gleichwohl ist dies ein Manko für einen Titel, der in der Reihe "Taschenbuch Wissenschaft" erscheint. Nichtsdestotrotz hilft das sauber herausgearbeitete Inhaltsverzeichnis bei der schnellen Orientierung.
Um es zusammenzufassen: "Reflexive Anthropologie" ist ein Arbeitsbuch, das die Auseinandersetzung mit dem Werk Bourdieus stets neu anleiten kann und einen Beitrag dazu leistet, die mitunter schwer zugänglichen Ausführungen aufzulockern, damit Bourdieus (und auch Wacquants) Arbeit als soziologische Instrumente zu begreifen und die Auseinandersetzung mit den vorherrschenden sozialwissenschaftlichen Schulen zu suchen. Dies is umso mehr angeraten, als Bourdieu auch in Deutschland nach wie vor nur als Kultursoziologie rezipiert wird, der einen Beitrag zur Lebensstilforschung geliefert habe. In seiner Anthropologie wird deutlich, was die Habitus- und Feldtheorie an gesellschaftstheoretischem und zeitdiagnostischem Potenzial zu bieten hat.