Das Buch von Erhard Tietel und Roland Kunkel-van Kaldenkerken ist ein Plädoyer für eine professionelle Beratung von Gewerkschaften und betrieblichen Interessenvertretungen, die über die Hinzuziehung von Sachverstand und Fachberatung bei rechtlichen und betriebswirtschaftlichen Problemen hinaus geht. Es wirbt für eine ganzheitliche Beratung, die die interne Organisation, die strategische Herangehensweise der Interessenvertretungen, die Gestaltung der inneren Beziehungen sowie die Sozial-, Methoden- und Selbstkompetenz der Beteiligten in den Blick nimmt und dafür, diese Beratung als Interessenvertretung auch tatsächlich einzufordern und in Anspruch zu nehmen.
Es geht dabei von der Grundthese aus, dass im Zug der Globalisierung in den Unternehmen nicht mehr nur ein Interessengegensatz zwischen Arbeitgeber und Beschäftigten besteht, sondern immer stärker auch zwischen einzelnen Beschäftigtengruppen. Hinzu kommt, dass die vielfältigen neuen Managementstrategien - von Zielvereinbarungen über Flexibilisierung der Arbeitszeit bis hin zu leistungsabhängigen Entgelten u.v.m. - die Interessenvertretungen vor neue Herausforderungen stellt. Sie sollen in Steuerungs- und Projektgruppen beteiligt Mitverantwortung am unternehmerischen Geschehen übernehmen und sind lt. Tietel/Kunkel dabei nicht selten die einzige Instanz, die den Betrieb als Ganzes ins Auge fassen und gegen die Partialinteressen sowohl des Managements und der Shareholder als auch einzelner Belegschaftsgruppen sowie weiterer interner und externer Akteure zu vertreten suchen.
Eine mehr als ambivalente Rolle, die, wie Bernhard Pöter in seinem Beitrag "Coaching-Gruppen für Betriebsratsmitglieder" im vorliegenden Buch beschreibt, oft dazu führt, dass die Interessenvertretungen sich als hin- und hergerissen erleben zwischen gleichzeitig auftretenden, kaum zu vereinbarenden Ansprüchen. Sie geraten in einen Entscheidungs- und Wertekonflikt, der sich im Gremium häufig zwischen verschiedenen Fraktionen oder Personen aus unterschiedlichen Wählerschichten zuspitzt.
Wenn dann noch, wie Tietel/Kunkel in ihrem Vorwort treffend schildern, die Beschäftigten selber die Regelungen ignorieren, die eigentlich zu ihrem Schutz vereinbart worden sind, laufen die bewährten Formen der Gegenmacht von Interessenvertretungen und Gewerkschaften ins Leere. Interessenvertretung ist damit zu einem hohen Anteil "Beziehungsarbeit" geworden. Soziale und persönliche Fähigkeiten wie Selbstreflexion, Kommunikationsvermögen, Kooperations- und Teamfähigkeit sowie konstruktives Konfliktverhalten werden dabei immer wichtiger.
In dem vorliegenden Buch sind theoretische Überlegungen und praktischen Erfahrungen unterschiedlicher Beraterinnen gesammelt, wie man die Entwicklung dieser Kompetenzen unterstützen kann. Es richtet sich lt. den Herausgebern an "Lehrende und Studierende in den Erziehungs-, Sozial- und Arbeitswissenschaften, an Psychologen, Supervisoren, Mediatoren und Organisationsberater sowie an Gewerkschafter, Betriebsräte und Personalverantwortliche". Das Spektrum der einzelnen Beiträge reicht deshalb von sehr komplexen Abhandlungen auf einer eher wissenschaftlichen Diskursebene - so z.B. der Beitrag von Hans Pongratz "Reflexive Beratung und gewerkschaftliche Interessenvertretung - Hindernisse und Chancen", bis hin zu sehr praxisnahen und leichter verständlichen Erfahrungsberichten bzw. Empfehlungen.
Als nicht so sehr wissenschaftlich interessierte Leserin muss man sich deshalb durch das ein oder andere Kapitel, vor allem am Anfang, etwas durchbeißen. Man erhält dafür vielfältige Anregungen und Denkanstöße, wozu professionelle Beratung von Interessenvertretungen dienen kann, die den Raum bietet, sorgfältig die eigene Strategie, Position und Rolle sowie die verschiedenen Umfeldbedingungen zu reflektieren und das Ergebnis dieser Reflexion mit strategischen Überlegungen zum eigenen Vorgehen zu verbinden.
Damit empfiehlt sich dieses Buch gerade auch für die Interessenvertretungen, die bisher nicht daran dachten, sich Beratung zu den eher weichen Faktoren ihrer Arbeit wie z.B. zwischenmenschlichen Problemen zu holen - sei es individuell oder als Gremium, sei es von von externen Beratern oder Gewerkschaften.
Der Beitrag "'Gruppenfindungsdingsbums' - Erfahrungen von Interessenvertretern/innen" von Simone Hocke z.B. schildert auf amüsante und erkenntnisreiche Weise, wie schwer sich manches Gremium damit tut, sich an eine solche Beratung heranzuwagen und welch positiven Erfahrungen es aus solchen Prozessen mitnehmen kann.
Bei denen, die bereits Beratungserfahrung haben, wird der Blick für die Verbindung von Strategie und Reflexion und der Schaffung des nötigen Raums dafür geschärft. Darüber hinaus bietet das Buch einen reichen Schatz an gut erklärten und ausführlich beschriebenen Werkzeugen bzw. Herangehensweisen, die auch direkt selbst in die eigene Arbeit übernommen werden können, so z.B. die Beiträge von Erhard Tietel "Teambildung mit Betriebsratsgremien" oder von Roland Kunkel-van Kaldenkerken, Carla von Kaldenkerken und Susanne Legler "Konfliktfähiger werden - Unterstützung bei Machtkämpfen".