Ort bemüht sich um eine sehr fundamental ansetzende Neubegründung der Semiotik. Die in der Literaturwissenschaft gängigen semiotischen Theorieoptionen, den Strukturalismus, die Dekonstruktion und die Systemtheorie, hält sie aus unterschiedlichen Gründen für unbrauchbar: Der Strukturalismus lasse der Interpretation keinen Spielraum, die Dekonstruktion sei logisch schlecht begründet, und die Systemtheorie vereint, so Ort, gleich beide Übel gleichzeitig auf sich. Zur Begründung einer schlüssigen Alternative entfaltet sie das Programm einer relationslogischen Semiotik auf der Grundlage der Theorien von Gotthard Günther und Charles S. Peirce. Am Ende schließt sich ein Kapitel über zwei Erzählungen Kafkas an, die nicht mit den Mitteln der vorgestellten Theorie interpretiert werden, sondern die zeigen sollen, dass die Gedanken, die Ort als Kernaussagen von Günther und Peirce identifiziert hat, vermittelt über die Form auch in der avancierten Literatur zu finden sind. Die semiotische Theorie begründet hier also nicht das Verfahren der Interpretation, sondern erscheint am Ende noch einmal als Objekt der theoretischen Begierde selbst.
Grundsätzlich hoch anzurechnen ist der Autorin, dass sie die Ideen Gotthard Günthers, die bislang eher von technisch interessierten Philosophen oder philosophisch interessierten Naturwissenschaftlern rezipiert und weitergedacht wurden, in den literaturwissenschaftlichen Diskurs einspeist. Gerade die Diskussion um die Konstitution von Subjektivität ist im Streit zwischen möchtegernrevolutionären Postrukturalisten auf der einen Seite und einer leicht angestaubt daherkommenden subjektphilosophischen Orthodoxie auf der anderen Seite kaum weiter gekommen. Auf der Grundlage der relationslogischen Theorie von Günther eröffnen sich, dies zeigt Ort relativ anschaulich, interessante Perspektiven für eine Neufassung des Subjektbegriffs - mit interessanten Implikationen für eine rezeptionsorientierte Semiotik, was einen der Übergänge schafft zur Semiotik von Peirce. Wer Willens und in der Lage ist, sich auf die sehr anspruchsvollen logischen, subjektphilosophischen und letztlich auch semiotischen Überlegungen einzulassen, findet bei Ort eine Reihe interessanter Anregungen.
Leider hat das Buch aber auch große Schwachstellen. Der gravierendste ist wohl die kaum überzeugende Auseinandersetzung mit Luhmanns Systemtheorie. Treffend ist zwar der Vorwurf an Luhmann, er habe Günther ungenau und verfälschend in seine Theorie eingebaut. Dieser Vorwurf ist kaum zu widerlegen. Luhmann jedoch vorzuwerfen, seine Theorie sei geradezu ein Paradebeispiel für eine zweiwertige Theorie", auf deren Grundlage es vollkommen unmöglich sei, Temporalität oder das Problem des Neuen" überhaupt zu denken, ist zumindest nicht überzeugend. Dass Luhmann immer wieder mit binären Begriffspaaren arbeitet und argumentiert, macht ihn nicht automatisch zu einem zweiwertigen Theoretiker im Sinne Günthers. Nina Orts Luhmann-Kritik greift hier allein darum schon deutlich zu kurz, weil sie sich weder mit dem dreipolaren Beobachtungsbegriff, noch mit dem ebenfalls dreipoligen Kommunikationsbegriff Luhmanns auch nur in Ansätzen auseinandersetzt. Einigermaßen inkonsequent erscheint es auch, dass sich Ort mehrfach ungebrochen positiv auf Spencer-Browns Kalkül (in den Laws of Form) und auf von Foesters Konzept der nicht-trivialen Systeme beruft, aber mit keinem Wort darauf eingeht, dass Luhmann eben die Laws of Form zur Grundlage seiner Thesen über Beobachtung und Kommunikation macht und auch von Foersters These von der Nicht-Trivialität sinnhafter Systeme zu den Prämissen von Luhmanns Systemtheorie zählt. Um hier den Anschein einer groben Inkonsequenz zu vermeiden, hätte Ort zunächst den Abstand zwischen Luhmann und Spencer-Brown und von Foerster und dann auch die Unhaltbarkeit der abweichenden Aspekte nachweisen müssen. Das tut sie aber leider nicht. Um Luhmann schließlich nachzuweisen, er könne aus logisch zwingenden Gründen zu den Themen der Temporalität und des Neuen eigentlich nichts Überzeugendes sagen, müsste sie erstens die Evolutionstheorie Luhmanns wenigstens zur Kenntnis nehmen, zweitens die Bedeutung des Erwartungsbegriffs für jede Rede von Neuheit selbst berücksichtigen und drittens nachweisen, dass Luhmanns Überlegungen zu diesem Thema (u.a. in Soziale Systeme) nicht überzeugend sind. All das tut Ort nicht und so bleibt sie die wesentlichen Argumente für die immer wiederholte These von der Überlegenheit einer genuin dreiwertigen" Theorie gegenüber Luhmanns Systemtheorie schuldig.
Selbst diese lange Auflistung von Ungenauigkeiten und Inkonsequenzen allein bei der Auseinandersetzung mit Luhmann ist nicht vollständig. Als Beleg für die Nachlässigkeit der Argumentation soll sie genügen. Dass sie Günther und Peirce durch eine naiv anmutende Begeisterung für die freie Entscheidung" in eine problematische Nähe zur Existenzphilosophie drängt, ist ein Aspekt, der auch jenseits von Orts Auseinandersetzung mit Luhmann bedenklich erscheint und m. E. an entscheidenden Intentionen nicht nur von Günther sondern vor allem auch von Peirce vorbei geht.
Und der Zugang zu Kafkas Geschichten? Natürlich ist es nicht uninteressant, wenn Ort den Leser darauf hinweist, dass sich neue Gedanken auch in älteren Texten bereits nachweisen lassen und dass Kafka nicht nur für Theologen, Psychoanalytiker, Gesellschaftskritiker (usw.), sondern auch für den gegenwärtigen philosophischen Diskurs über die mehrwertige Logik ein interessanter Gesprächspartner ist. Angesichts dessen jedoch, dass Ort eigentlich angetreten ist, um eine Semiotik zu begründen, die der Interpretation einen neuen Freiraum eröffnen sollte, muss der Zugang zu Kafkas Texten enttäuschen. Man glaubt Ort, dass sich die Philosopheme, die sie in Kafkas Texten entdeckt, wirklich nachweisen lassen. Das ist aber nicht nur - interpretationstechnisch - etwas wenig (weil allzu eindimensional orientiert an Aussagen über semiotische Fragen), sondern steht auch im Widerspruch zu wesentlichen interpretationstheoretischen Thesen der Autorin. Jenseits der von Ort versprochenen neuen Freiheit der Interpretation bietet der Text Auskünfte über interessante philosophische Thesen, über mehr oder minder klare Aussagen zum philosophischen Diskurs also. Impulse für den Nachweise einer unendlichen Semiose und für die textvermittelte Konstitution von Subjektivität als Prozess sucht man am Ende umsonst. Die relationslogischen Thesen sind gefunden, und damit hat es sich. Statt der versprochenen unendlichen Dynamik der Interpretation offeriert Ort dem Leser eine philosophische Fest-Stellung der Aussage der Texte. Nach den schönen Visionen von der Freiheit der Interpretation endet das Buch der exemplarischen Arretierung zweier literarischer Texte, denen man die Freiheit eigentlich durchaus gegönnt hätte.
Unterm Strich bietet Ort dem philosophisch und semiotisch interessierten Leser durchaus viele Anregungen. Ihrem Anspruch allerdings, der Literaturwissenschaft weit über dem Niveau von Strukturalismus, Dekonstruktion und Systemtheorie eine semiotische Theorie vorzustellen, die einzig in der Lage wäre, Temporalität, Subjektivität und eine unendliche Semiose überzeugend zu begründen, wird die Autorin kaum gerecht.