Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Red Rabbit von Tom Clancy, Kirsten Nutto, Sepp Leeb, Petra R. Stremer. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
DER GARTEN HINTERM HAUS
Mulmig wurde ihm vor allem bei dem Gedanken ans Autofahren. Jack Ryan hatte sich schon einen Jaguar gekauft - hier, wohl gemerkt, Dschäg-juh-ah ausgesprochen - und war auf dem Hof des Händlers zum Einsteigen wiederholt nach links statt auf die rechte Seite gegangen. Der Händler hatte ihn zwar nicht direkt ausgelacht, doch Ryan war sich darüber im Klaren, dass nicht viel gefehlt hätte. Daran musste er unbedingt denken: Die »rechte« Spur war hier die linke. Rechtsabbieger kreuzten Gegenverkehr. Auf den Autobahnen - die hier nicht interstates, sondern motorways hießen - war links die langsame Spur. Die Steckdosen in den Wänden hatten drei Löcher. Trotz der stolzen Preise fürs Wohnen gab es hier keine Zentralheizung. Auch keine Klimaanlage, die sich aber wahrscheinlich sowieso erübrigte. Klimatisch zählte die Insel nicht gerade zu den heißesten Ecken der Erde. Hier kippten die Ersten schon tot auf der Straße um, wenn das Quecksilber die Fünfundzwanzig-Grad-Marke überstieg. Jack fragte sich, wie sie mit dem Wetter in Washington zurechtkommen würden. Der Song von den »Mad dogs and Englishmen« gehörte offenbar der Vergangenheit an.
Doch es hätte noch schlimmer kommen können. Immerhin hatte er einen Passierschein für den Exchange Service - besser bekannt unter dem Kürzel PX - der Air Base bei Greenham Commons, wo er wenigstens anständige Hotdogs würde kaufen können und überhaupt Lebensmittel, wie er sie von zu Hause in Maryland gewohnt war.
Andersartiges gab es mehr als genug. Das britische Fernsehen zum Beispiel. Nicht, dass er damit rechnete, viel Zeit vor der Röhre abhängen zu können, aber die kleine Sally brauchte ihre Ration an Cartoons. Und außerdem: Wenn es etwas Wichtiges zu lesen galt, waren die Hintergrundgeräusche irgendeiner albernen Show auf ihre Weise durchaus wohltuend. Die TV-Nachrichten waren im Übrigen gar nicht so schlecht, die Tageszeitungen sogar ausgesprochen gut - besser als die gängigen Blätter zu Hause. Allerdings würde ihm die allmorgendliche Comic-Serie Far Side fehlen. Vielleicht aber, so hoffte Ryan, gab es sie ja auch in der International Tribune. Und die würde er am Bahnhofskiosk kaufen können. Schließlich wollte er ja über die Baseball-Ergebnisse auf dem Laufenden bleiben.
Die Möbelpacker - nicht movers, wie sie in Amerika hießen, sondern removers - plackten sich unter Cathys Anleitung ab. Das Haus war nicht schlecht, allerdings kleiner als ihr Wohnsitz bei Peregrine Cliff, der jetzt an einen Colonel der Marines und Dozenten der Naval Academy untervermietet war. Vom Elternschlafzimmer aus konnte man auf einen kleinen Garten blicken, der zwar nur rund 100 Quadratmeter maß, dem Makler aber besonders erwähnenswert war. Die Vorbesitzer hatten offenbar viel Zeit darin verbracht. Er war voller Rosen, hauptsächlich in den Farben Rot und Weiß - den Adelshäusern Lancaster und York zu Ehren, wie es schien. Dazwischen gab es auch ein paar pinkfarbene, vielleicht zum Zeichen dafür, dass sich diese beiden zum Königshaus der Tudor zusammengeschlossen hatten. Das wiederum machte nach dem Tode Elisabeths I. jenem neuen Adelsgeschlecht Platz, dem Ryan aus gutem Grund herzlich zugetan war.
Auch das Wetter war hier gar nicht so schlecht. Sie waren jetzt seit drei Tagen auf der Insel, und es hatte noch kein einziges Mal geregnet. Die Sonne ging sehr früh auf und spät unter, und wie Jack gehört hatte, tauchte sie im Winter nur eben kurz auf, um gleich wieder zu verschwinden. Einige der neu gewonnenen Freunde aus dem Außenministerium hatten gemeint, dass die Kinder mit den langen Nächten womöglich Probleme haben könnten. Das mochte auf Sally mit ihren viereinhalb Jahren zutreffen. Der kleine Jack, erst seit fünf Monaten auf der Welt, würde den Unterschied aber wahrscheinlich gar nicht registrieren. Er schlief durchweg gut, so auch jetzt, beaufsichtigt von dem Kindermädchen Margaret van der Beek, einer jungen Frau mit roten Haaren, deren Vater als Methodistenpfarrer in Südafrika amtierte. Sie hatte vorzügliche Referenzen und ein einwandfreies Führungszeugnis, ausgestellt von der Metropolitan Police. Dass sich ein Kindermädchen um ihren Jungen kümmern sollte, passte Cathy eigentlich überhaupt nicht. Schon der Gedanke war ihr zuwider. Doch hier war eine solche Art der Betreuung sehr angesehen, und sie hatte sich unter anderem bei einem gewissen Winston Spencer Churchill als durchaus zweckmäßig erwiesen. Miss Margaret war von Sir Basils Dienststelle auf Herz und Nieren überprüft worden, und im Übrigen war die Agentur, die sie vermittelt hatte, von der Regierung Ihrer Majestät offiziell beglaubigt - was aber im Grunde nicht viel zu besagen hatte, wie sich Jack erinnerte. Er war in den Wochen vor seiner Überfahrt aufs Gründlichste vorbereitet worden. Die »Opposition« - ein hiesiger Ausdruck, der mittlerweile auch in Langley Verwendung fand - hatte den britischen Geheimdienst mehr als einmal infiltriert. Nach Ansicht der CIA war ihr das in Langley noch nicht gelungen, was Jack allerdings kaum glauben mochte. Der KGB war verdammt gut, und gierige Leute gab es überall auf der Welt. Zwar zahlten die Russen nicht viel, aber manche verkauften Seele und Freiheit für Peanuts. Und sie trugen schließlich auf ihren Sachen kein Abzeichen mit der Aufschrift ICH BIN EIN VERRÄTER.
Von all den Briefings, die er sich hatte anhören müssen, waren diejenigen zum Thema Sicherheit die mit Abstand ermüdendsten gewesen. Obwohl sein eigener Vater Polizist gewesen war, hatte sich Jack nie mit der speziellen Art polizeilichen Denkens anfreunden können. Aus einer Flut von Blödsinn verwertbare Daten zu schöpfen war eine Sache. Etwas ganz anderes war es, alle Kollegen mit Argwohn zu betrachten und dabei vorzugeben, ganz freundschaftlich mit ihnen zusammenzuarbeiten. Er fragte sich, ob man ihm gegenüber ähnliche Vorbehalte hegte, was er aber dann doch nicht glauben mochte. Nicht nach dem, was er durchgemacht hatte, wovon die Narben auf der Schulter zeugten, ganz zu schweigen von den Alpträumen nach jener Nacht am Chesapeake Bay, den Träumen, in denen seine Waffe einfach nicht losgehen wollte, so oft er auch abdrückte, in denen Cathys Entsetzensschreie schrill in seinen Ohren nachhallten. Dabei hatte er den Kampf doch gewonnen, oder etwa nicht? Warum unterstellten seine Träume etwas anderes? Darüber würde er vielleicht einmal mit einem Psychiater sprechen müssen. Aber wie gesagt: Wer zu einem Seelenklempner geht, muss verrückt sein
Sally wieselte durchs Haus, erkundete ihr neues Zimmer und bestaunte, wie die Möbelpacker ihr Bett zusammenschraubten. Jack sah zu, dass er niemandem im Wege stand. Cathy hatte ihn darauf hingewiesen, dass er nicht einmal Aufsicht führen könne, trotz seines Werkzeugkastens, ohne den sich ein echter Amerikaner nicht so recht wie ein Mann fühlen kann und der deshalb als eines der ersten Dinge ausgepackt werden müsste. Die Möbelpacker hatten natürlich ihr eigenes Werkzeug - und auch sie waren vom SIS unter die Lupe genommen worden, um auszuschließen, dass sich ein vom KGB gesteuerter Agent anschickte, das Haus zu verdrahten. Nein, daraus wird nichts, mein Guter.
»Wo ist denn der Tourist?«, fragte eine amerikanische Stimme. Ryan trat in die Diele.
»Dan! Du hier? Wie geht's?«
»Ich hatte einen langweiligen Tag im Büro, also sind wir, Liz und ich, hergekommen, um zu sehen, wie's bei euch so läuft.« Und tatsächlich, jetzt tauchte hinter dem Rechtsattache auch dessen Frau auf, St. Liz, die leidgeprüfte Schönheitskönigin unter den FBI-Frauen. Mrs Murray und Cathy begrüßten sich mit einer schwesterlichen Umarmung und gingen gleich darauf nach draußen in den Garten. Cathy war von den Rosen überaus angetan, was Jack recht sein konnte. Sein Vater hatte alle Gärtner-Gene der Familie Ryan auf sich vereint, sodass für seinen Sohn keine übrig geblieben waren. Murray musterte seinen Freund. »Du siehst zum Fürchten aus.«
»Der lange Flug und eine langweilige Lektüre
«, erklärte Jack.
»Hast du denn nicht geschlafen?«, fragte Murray überrascht.
»Im Flieger?«, entgegnete Ryan.
»Ist es so schlimm?«
»Auf einem Schiff sieht man wenigstens, was einen hält. Aber im Flugzeug
«
Murray schmunzelte. »Daran solltest du dich gewöhnen. Du wirst jede Menge Vielflieger-Punkte sammeln.«
»Vermutlich.« Seltsam, das war Jack gar nicht bewusst gewesen, als er die Versetzung angenommen hatte. Zu dumm, erkannte er jetzt, zu spät. Er würde wenigstens einmal im Monat nach Langley fliegen müssen - keine besonders schöne Aussicht für jemanden, der sich nur widerwillig in ein Flugzeug setzte.
»Und der Umzug läuft klar? Auf die Männer ist jedenfalls Verlass. Basil arbeitet schon seit über zwanzig Jahren mit ihnen zusammen, und auch meine Freunde vom Yard sind voll des Lobes. Jeder zweite war früher selbst Bulle.« Und Bullen, das musste nicht ausdrücklich erwähnt werden, waren sehr viel verlässlicher als Spione.
»Keine Wanzen im Badezimmer? Prima«, sagte Ryan. Er war noch nicht lange dabei, wusste aber inzwischen, dass seine Arbeit beim Geheimdienst mit der als Geschichtsdozent an der Naval Academy nur wenig gemein hatte. Wanzen gab es mit Sicherheit -in Basils Büro
»Wie auch immer, ich habe eine gute Nachricht für dich: Du wirst mich häufig zu sehen bekommen - wenn's recht ist.«
Ryan nickte müde und rang sich ein Lächeln ab. »Na, dann hab ich wenigstens jemanden, mit dem ich anstoßen kann.«
»Dazu wird es reichlich Gelegenheit geben. Hierzulande werden mehr Geschäfte im Pub abgeschlossen als im Büro. Pubs sind die hiesige Version unserer Country Clubs.«
»Hauptsache, das Bier schmeckt.«
»Jedenfalls besser als das Gesöff bei uns zu Hause. In der Hinsicht hab ich mich schon komplett umgestellt.«
»In Langley war zu hören, dass du für Emil Jacobs jede Menge Aufklärungsarbeit leistest.«
»Hin und wieder, ja.« Murray nickte. »Tatsache ist, dass unsereins in der Hinsicht mehr leistet als die meisten bei euch. Eure Agenten haben sich von der Pleite 1977 immer noch nicht erholt und werden, wie mir scheint, auch noch lange daran zu knacken haben.«
Ryan musste ihm Recht geben. »Admiral Greer ist derselben Meinung. Bob Ritter hat zwar einiges auf dem Kasten - vielleicht sogar ein bisschen zu viel, wenn du weißt, was ich meine , aber es mangelt ihm an Freunden im Kongress, die helfen könnten, seinen Apparat so auszubauen, wie er sich das vorstellt.«
Greer war Chefanalyst der CIA, Ritter der Operationschef. Die beiden kamen sich häufig in die Quere.
»Im Unterschied zum DDI genießt Ritter nur wenig Vertrauen. Dass dem so ist, hat immer noch mit dem Church-Committee-Fiasko vor zehn Jahren zu tun. Der Senat scheint sich einfach nicht daran erinnern zu können, wer die Operationen damals geleitet hat. Der Boss wird heilig gesprochen und die Truppen kreuzigt man, wo sie doch nur seine Befehle ausgeführt haben - wenn auch zugegebenermaßen schlampig. Mann, war das ein
« Murray suchte nach dem treffenden Ausdruck. »Die Deutschen nennen so was eine Schweinerei. Genau lässt sich das nicht übersetzen, aber der Klang spricht für sich.«
Jack grunzte belustigt. »Ja, und passt besser als fuckup.«
Der zu jener Zeit von Camelot vom Büro des Generalstaatsanwalts aus lancierte und von der CIA durchgeführte Versuch, Fidel Castro zu töten, wirkte im Nachhinein, als hätten die Autoren von Woody Woodpecker und The Three Stooges das Drehbuch dazu geschrieben: Politiker versuchten, James Bond zu imitieren, die von einem gescheiterten britischen Spion erfundene Figur. Aber das Kino war einfach nicht mit der wirklichen Welt zu vergleichen, das hatte Ryan auf die harte Tour erfahren müssen, zuerst in London, dann in seinem eigenen Wohnzimmer.
»Wie gut sind sie nun wirklich, Dan?«
»Die Briten?« Murray führte Ryan auf das Rasenstück vor dem Haus. Die Möbelpacker waren vom SIS überprüft worden, Murray aber gehörte zum FBI. »Basil ist absolute Spitze. Deshalb hat er sich so lange halten können. Er war ein hervorragender Agent und der erste, der gerochen hatte, dass an Philby was faul war. Man bedenke, damals war Basil noch ein Frischling. Er ist ein tüchtiger Verwaltungsbeamter und einer der schnellsten Denker, die mir je begegnet sind. Politiker beider Lager schätzen ihn und vertrauen ihm. Das hat man nicht oft. Auf Anhieb fällt mir da nur Hoover ein, abgesehen davon, dass um ihn damals ein regelrechter Kult betrieben wurde. Ich mag Basil. Man kann gut mit ihm arbeiten. Und er ist sehr von dir angetan, Jack.«
»Warum?«, fragte Ryan. »Ich hab doch nicht viel getan, was für mich spräche.«
»Basil hat ein Auge für Talente. Er hält dich für den Richtigen und ist im Übrigen ganz begeistert von dem, was du dir da im vergangenen Jahr ausgedacht hast, um undichte Stellen aufzuspüren - du weißt schon, die Singvogelfalle. Und ihren zukünftigen König zu retten hat schließlich auch nicht geschadet, oder? Du bist im Century House ein gefragter Mann, und wenn du die Erwartungen, die man an dich stellt, erfüllst, wirst du als Spion noch ganz groß rauskommen.«
»Prächtig.« Ryan war sich nicht sicher, ob das überhaupt das war, was er sich wünschte. »Dan, ich bin ein zum Geschichtslehrer mutierter Börsenmakler. Du erinnerst dich?«
»Das ist Vergangenheit, Jack. Schau nach vorn. Du hast nicht schlecht verdient bei Merrill Lynch, nicht wahr?«
»Es sind ein paar Dollars für mich abgefallen«, gab Ryan zu. Tatsächlich waren es eine Menge, und sein Portfolio nahm immer noch an Umfang zu. An der Wall Street verdienten sich manche dumm und dämlich.
»Dann setz dein Hirn jetzt für wirklich Wichtiges ein«, schlug Dan vor. »Ich sag's nicht gern, Jack, aber die Geheimdienstgemeinde hat nicht allzu viele kluge Köpfe. Ich weiß, wovon ich spreche. Da sind Massen von Drohnen, eine Menge durchschnittlich Begabter, aber nur verdammt wenige Stars. Du hättest das Zeug zu einem Star. Der Meinung ist Jini Greer. Und auch Basil. Du denkst um die Ecke herum. Das tue ich übrigens auch. Deshalb ist es vorbei damit, dass ich Bankräubern in Riverside, Philadelphia, hinterher jage. Leider habe ich keine Millionen zusammenspekuliert.«
»Einfach nur Glück gehabt zu haben macht noch keinen tollen Hecht aus einem Menschen, Dan. Cathys Vater Joe hat viel mehr Geld gescheffelt als ich, und er ist ein rechthaberischer, anmaßender Schnösel, wenn du mich fragst.«
»Immerhin hast du seine Tochter zur Frau eines Geadelten gemacht. Oder etwa nicht?«
Jack grinste. »Tja, so ist es wohl.«
»Das wird dir hier einige Türen öffnen, Jack. Die Briten lieben ihre Titel.« Er stockte. »Nun, wie wär's, wenn ich euch zu einem Pint einlade? Es gibt da oben auf dem Hügel ein nettes Pub, The Gypsy Moth. Dieses Umzugstheater macht einen ja ganz verrückt. Ist fast so schlimm wie ein Hausneubau.«
Aus Sicherheitsgründen, die ihm nicht näher erklärt wurden, lag sein Büro im ersten Tiefgeschoss der so genannten Zentrale. Wie sich herausstellte, gab es im Hauptquartier des Erzfeindes exakt den gleichen Raum. MERCURY hieß die entsprechende Einrichtung auf der anderen Seite, Götterbote - ein passender Name, wenn man denn dort die Vorstellung eines Gottes gelten ließ. Die von den Spezialisten für Codes und Chiffren entschlüsselten Meldungen landeten auf seinem Schreibtisch, und er durchforschte sie nach Informationen und Schlüsselwörtern, bevor er sie an die zuständigen Stellen weiterleitete. Deren Reaktion schickte er dann auf umgekehrtem Weg zurück. Die Arbeit wurde schnell zur Routine. Morgens war für gewöhnlich der ankommende, nachmittags der hinausgehende Verkehr zu regeln. Am mühseligsten gestaltete sich natürlich die Kodierung, denn die meisten Agenten draußen im Einsatz verwendeten ihre eigenen Schlüssel - deren einzige Kopien in den rechterhand angrenzenden Räumen aufbewahrt wurden. Die Angestellten dort verwalteten Geheimnisse, die von den sexuellen Vorlieben italienischer Parlamentarier bis hin zu präzisen Details amerikanischer Atomkriegspläne rangierten.
Seltsam, aber niemand verlor ein Wort über das, was da, rein- oder rausgehend, ver- beziehungsweise entschlüsselt wurde. Die Angestellten waren allesamt ziemlich einfältig, ja, vielleicht gerade deshalb für diesen Job ausgewählt worden. Es hätte ihn nicht gewundert. Dieses von Genies konzipierte Amt wurde von Robotern betrieben. Wenn es solche Roboter tatsächlich gäbe, wären sie ganz bestimmt hier im Einsatz, denn Maschinen spulten immer nur ihr Programm ab. Darauf war Verlass.
Aber Maschinen konnten eben auch nicht denken, und zumindest für seine Aufgabe waren Denk- und Erinnerungsvermögen unerlässlich. Ohne sie würde der ganze Apparat nicht funktionieren, und funktionieren musste er. Er war sozusagen Schild und Schwert des Staates. Und er selbst diente diesem Apparat als eine Art Postverwalter, der jederzeit nachvollziehen musste, was wohin gelangt war. Er wusste beileibe nicht alles, was in diesem Haus vor sich ging, aber doch sehr viel mehr als die meisten anderen. Bekannt wurden ihm nicht nur Operationsbezeichnungen und Einsatzorte, sondern manchmal auch Inhalte und Zielsetzungen bestimmter Missionen. Die echten Namen und Gesichter der Offiziere im Einsatz kannte er für gewöhnlich nicht, wohl aber ihre Aufgaben, die Decknamen der von ihnen rekrutierten Agenten und zum Teil auch das, was diese Agenten an Informationen lieferten.
Er war nun schon ziemlich genau seit neuneinhalb Jahren für diese Abteilungen tätig. 1973 hatte er angefangen, gleich nach dem erfolgreichen Abschluss seines Mathematikstudiums an der Universität Moskau, wo er schon früh einem KGB-Scout für junge Talente aufgefallen war. Er hatte sehr gut Schach zu spielen gelernt, worauf er nicht zuletzt auch sein ausgeprägtes Erinnerungsvermögen zurückführte, hatte er doch alle wichtigen Partien der Großmeister auswendig gelernt, um sein eigenes Spiel danach auszurichten. Er hatte sogar daran gedacht, Profi zu werden, und entsprechend hart trainiert, aber nicht hart genug, wie es schien. Boris Spassky, damals selbst noch ein junger Spieler, hatte ihn in sechs Spielen geschlagen, nur zwei Remis zugelassen und somit all seine Hoffnungen auf Ruhm, Reichtum und ausgedehnte Reisen zunichte gemacht. Er seufzte. Reisen
Seine Erdkundebücher hatte er verschlungen, und wenn er jetzt die Augen schloss, konnte er sich immer noch die Abbildungen in Erinnerung rufen: Schwarzweißbilder des Canal Grande von Venedig, der Regent Street in London, der Copacabana von Rio de Janeiro oder der Südostflanke des Mount Everest, über die Hillary aufgestiegen war, als er selbst gerade zu laufen gelernt hatte. All diese Orte würde er nie zu Gesicht bekommen. Er nicht. Nicht ein Geheimnisträger seines Ranges. Nein, mit solchen Leuten ging der KGB sehr behutsam um. Niemandem war zu trauen. Warum nur gab es so viele, die aus dem Land zu fliehen versuchten? Und doch hatten viele Millionen Menschen im Kampf für die rodina, die Heimat, ihr Leben gelassen. Der Militärdienst war ihm erspart geblieben, vielleicht wegen seiner Fähigkeiten als Mathematiker und Schachspieler, vor allem aber, so vermutete er, weil ihm Aufgaben in der Zentrale am Lubjanka-Platz Nummer 2 zugedacht waren. Dazu bekam er eine hübsche Wohnung, volle 75 Quadratmeter in einem neu gebauten Apartmenthaus. Und befördert wurde er. Nur wenige Wochen nach seiner Volljährigkeit durfte er sich schon Major nennen. Nicht schlecht. Und was noch besser war: Sein Sold wurde in frei konvertierbaren Rubeln ausbezahlt, sodass er auch in den Transitläden, die für andere gesperrt waren, Konsumgüter aus dem Westen kaufen konnte - und das, ohne Schlange stehen zu müssen, was vor allem seiner Frau gefiel. Schon bald fand er Zugang zur Nomenklatura, sah die Karriereleiter vor sich aufragen und fragte sich, bis zu welcher Sprosse er wohl kommen würde. Dass darüber nicht wie früher bei den Zaren die Herkunft entschied, sondern allein die eigenen Verdienste, motivierte ihn, Major Zaitzew, umso mehr.
Ja, er hatte sich seine Sporen verdient, und allein darauf kam es an. Deshalb war er auch Geheimnisträger. Zum Beispiel wusste er von einem Agenten mit dem Decknamen CASSIUS, einem in Washington lebenden Amerikaner. Der hatte offenbar Zugriff auf wichtige politische Informationen