Es gibt zur Zeit nur eine der ganz großen, zeitgenössischen Vokalistinnen des Jazz, die sich so intensiv mit den Wurzeln ihres Jazz einerseits, und mit ihrer eigenen Vergangenheit und Identität andererseits, beschäftigt, wie die in Memphis geborene, heute in Paris lebende Sängerin Deedee Bridgewater. Nach ihren Hommages an Ella Fitzgerald, Horace Silver, Kurt Weil und an swingende französische Liebes-Chansons, wuchs seit Jahren in ihr der Wunsch, ihre eigenen Wurzeln in Afrika zu erforschen. Sie hörte sich Musiken aus verschiedenen schwarzafrikanischen Ländern an: in der Hoffnung, dass mich eine von ihnen mit einer besonderen spirituellen Kraft ansprechen würde. Und genau das tat die Musik aus Mali." Der Keyboarder Cheick Tidiane Seck, der schon das ausgezeichnete ,Sarala'-Projekt des Pianisten Hank Jones ko-produziert hatte, stand nun der Sängerin Bridgewater bei ihrem neuen, und in vielerlei Beziehung fulminanten ,Red Earth' Album zur Seite. Die Tradition, die schwarze Jazzmusiker nach ihren afrikanischen Wurzeln suchen lässt, ist ja schon über 50 Jahre alt und hatte in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und in den bahnbrechenden Jazz-Alben von John Coltraine oder Yusef Lateef ihren Ursprung. Die Bevölkerung des westafrikanischen Mali setzt sich aus rund 30 verschiedenen Ethnien zusammen und diese kulturelle Vielfalt spiegelt sich natürlich in der Musik des Landes wieder, die eine ganze Reihe international bekannter Musiker/innen hervorgebracht hat. Bridgewaters instinktives Verständnis des malischen Blues", die magische Anziehungskraft des roten afrikanischen Erdbodens, der übrigens große Ähnlichkeit mit der Bodenfarbe ihres Heimatstaates Tennessee hat und ihre äußerliche Ähnlichkeit mit den Frauen des malischen Peul-Stammes, das alles sprach ihre Seele an", sagt sie, wann immer ich diese Musik hörte, war es , als hätte ich einen Stromschlag erhalten." Auf ,Red Earth' unterstützen Bridgewater eine Vielzahl malischer Künstler, wie die Mandingo-Sängerinnen Oumou Sangare, Ramata Diakite, der Nachwuchsstar Mamani Keita und die goldene Stimme Malis" Fatoumata Mama" Kouyate, die sich alle vehement für die Rechte der Frauen einsetzen. Die Stücke Bani (Bad Spirits)", Sakhodougou (The Griots)" und Massane Cisse (Red Earth)" werden in der oralen Tradition der Griots erzählt, die mündlichen Bewahrer der Geschichte, Literatur und Musik ihrer Völker. Bei der Bearbeitung der Griots geht Bridgewater sehr behutsam vor streut hier und da ein heutiges Jazz-Element ein und wird wiederum von Größen des Genres, wie Kasse Mady Diabate, Bassekou Kouyate oder Babba Sissoko eindrucksvoll begleitet. Das wunderbare Children Go 'Round" entstand aus einer Jamsession mit Bassekou Kouyate und Bridgewaters Sohn Gabriel Durand an Gitarre und wurde an einem Stück, außerhalb des Studios eingespielt. Natürlich sind Bridgewaters exzellentes Trio, der Puertoricaner Pianist Edsel Gomez, der Bassist Ira Coleman und der Argentinische Schlagzeuger Minio Garay mit von der Party. Die neu arrangierten Jazzklassiker Afro Blue", Four Woman", Footprints" und Compared To What" stellen weitere Höhepunkte. Über allem aber dominiert die hintergründig dunkle und doch so explosiv kraftvolle Stimme von Deedee Bridgewater, der man getrost unterstellen darf, dass sie sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere eingefunden hat. Ich versuche nur meine Stimme und meine Daseinsberechtigung zu finden", meint eine bescheiden nachdenkliche Ausnahmesängerin, Während ich dieses Projekte machte, fand ich etwas Unglaubliches - meine afrikanischen Wurzeln und meine Heimat ... Mali."
Superb!