David Byrne, Bill Gates, Molly Ringwald: Datarock setzen via Copy&Paste den Pop der 80er-Jahre wieder zusammen.
Wenn der Popkultur noch etwas gefehlt hat, dann eine Liebeserklärung an Molly Ringwald, die süße Rothaarige unter anderem aus "The Breakfast Club", dem Coming-of-age-Streifen der 80er-Jahre. Wen wundert's, dass die Hommage von Datarock kommt, für die es offiziell ohnehin nichts Geileres gibt als die Zeit bis 1985? Und doch schlüpfte das norwegische Party-Duo auf seinem zweiten Album aus der miefenden Dance-Punk-Unterhose - und das, ohne sein Trademark, die roten Jogginganzüge, auch nur anzufassen. Die funky Gitarren-Coolness der Talking Heads wird nämlich noch weiter nachgebaut, der Text von "True Stories" setzt sich gar nur aus Songtiteln von Byrne zusammen. Doch das Duo hat auch das Revival von Disco nicht verpennt - ein Umstand, der die Hits "Give It Up" und "Dance!" zu genauso unverschämt cleveren Trittbrettfahrer-Songs macht, wie es das Gesamtwerk von Calvin Harris ist. Bloß eine Band für das Internetzeitalter sind Datarock nicht, wie "The Blog" uns mit Einspielungen von Steve Jobbs und Bill Gates weismachen will. Die beiden Datas haben ja auch noch zu Jacksons "Thriller" getanzt - und zwar nicht den Jumpstyle.
Es beginnt mit rosa und grünen Lasern, die den Himmel durchkreuzen, wabernden Wolken von Trockeneisnebel und einem Scheinwerfer, der zwei sonnenbebrillte Figuren mit Kapuzen heraushebt. Über der Stadionbühne scrollen über dem Bildschirm eines Hausgroßen Commodore 64 die Worte: “Innig geliebte Anwesende, wir haben uns heute hier versammelt, um Euch DATAROCK zu geben”. “‘The Blog’ ist ein super Eröffnungssong,” erzählt mir Fredrik Saroea, Frontmann und eine Hälfte von Norwegens Dance-Rockern DATAROCK. “Denn er ist apokalyptisch, der Sound hat was Grandioses.” Inmitten einer sensorischen Übersteuerung von vorgespeichertem Applaus, plaudernden Samples von den Nu-Media Göttern Bill Gates, Steve Jobs und Tim Berners-Lee, dem Erfinder des World Wide Web, und getragen von elegischen Sign O’ The Times-Synthie-Sounds, verkünden DATAROCK ihre Ankunft im Informationszeitalter in Gänsehaut produzierender hymnischer Form. “Wir wissen, dieser ’Blog’ wird schon lange erwartet!” brüllt Fredrik in ein virtuelles Stadion von jubelnden Datarock Fans, “Er konnte halt nicht auf einem C64 programmiert werden!” Es handelt sich um den Versuch der Technologie-Fetischisten DATAROCK, die frühe, utopistische Verheißung des Internets zu romantisieren, bevor es zu etwas wurde, dass die Menschen als selbstverständlich annahmen und über das sie sich ärgern. Totaler Retrofuturismus! Das Eröffnungsstatement eines Zeitreisealbums, das den Jahren 1975 bis 1985 mit der Macht moderner Studiotechnologie die Fensterscheiben einfährt. Datarock Datarock, das Party-Album des Jahres 2005 und DATAROCKs Debüt, mischte unnachgiebigen Punk-Funk mit windschiefem Humor a la Happy Mondays. Red hat nichts von Fredriks und seines musikalischen Partners, Ketil Mosnes’, Neigung zu “So-klassisch-Du-musst-es-schonmal-gehört-haben”-Refrains verloren, aber dieser Nachfolger ist ein alles in allem mehr konzeptorientiertes Biest. Nimm’ zum Beispiel ‘Give It Up’. Die Vorabsingle war längst die Idee für ein Video, das ‘Beat It’, ‘Bad’, den 1951er West Side Story Film und den 1996er Film Romeo & Juliet umschreibt, bevor es ein Song wurde. “Du hast ein Dance Battle,” erklärt Fredrik, “bei dem eine DATAROCK-Gang auf die bösen Jungs trifft, und wir tanzen es aus. Dann werden alle zur DATAROCK-Gang und ich – wie damals Mercutio - versuche Romeo zu überzeugen, to shape up, snap out of it, give it up.” “Das Ding ist, einfach nur ein Lied über das Tanzen zu singen... das ist zu einfach. Alle tanzen sowieso. Deshalb ist es ganz gut, im Text was Verrücktes zu tun. Du weißt schon, zum Beispiel den Text von Romeo & Julia umzuformulieren!” Als Album ist Red ein durchaus schamloser Liebesbrief an die Einflüsse, die DATAROCK zu dem gemacht haben, was sie heute sind. Verweise auf Devo, Yellow Magic Orchestra, Haruki Murakami, Don Delilos Wießes Rauschen, Scott Walker und die Filme von John Hughes und Peter Greenaway findet man überall auf dem Album, aber ‘True Stories’ ist am Deutlichsten: Ein Lied, dessen Text nur aus Songtiteln besteht, Songtiteln von Talking Heads um genau zu sein. Es funktioniert als Ehrung genau deshalb, weil es dasselbe Gehirn-Jogging mit dem Thema Urheberschaft spielt, dass schon die klassischen Talking Heads spielten, als sie einen Song schrieben, der auf einer Besprechung im NME basierte, in der beschreiben wurde, wie Joy Division klingen – ein Band, die sie damals noch nicht gehört hatten – und nicht einfach weil das Lied klingt wie Talking Heads. Wenn überhaupt dann scheint sich DATAROCKs Musik weniger darum zu scheren, wie die Talking Heads klingen, als wie David Byrne tanzt. Und dann gibt es da ‘Molly’. Ein Liebeslied für Molly Ringwald. Für die, die es noch nicht begriffen haben: ein Leitmotiv erscheint! “Molly Ringwald ist immer noch irgendwo da draußen,” lacht Fredrik,” “wir müssen sie finden. Sie war das It Girl in meinem Herzen während einer sehr speziellen Zeit!” Alle Menschen unserer Generation kennen von den 80iger Jahren wage erinnerte Video Clips und die blutjungen Helden und Heldinnen der Teenagerfilme. Popkultureller Flausen, die doch bedeutend sind, denn wenn man sie jetzt als Erwachsener wachruft, sind sie eine Erinnerung aus einer unschuldigeren Zeit, daran dass wir immer mehr Spaß haben sollten, als wir es gerade tun. Man bedenke wie das erhabene ‘Amarillion’ EXAKT so klingt wie es sich anfühlen würde, zu einem Aha – Soundtrack Schlittschuh zu laufen. Plötzlich ist alles anmutig, geschmeidig und schnell, und man selbst ist Morton Harkett. Auf Eis. Ein Aha zitierendes Liebeslied ist der Titel ‘Amarillion’, zugleich der Name eines Avatars in Second Life, den Fredrik aus der Geborgenheit seines Studentenwohnheims heraus betrieb. Während des gesamten Albums verflechten sich Referenzen aus den 80ern mit denen der Jetztzeit. “Du kannst nicht auf die 80er zeigen und sagen ‘Personal Computer!’, ‘Informationsgesellschaft!’, ‘Kultureller Relativismus!’” sagt Fredrik. “Das Heute ist genauso interessant wie die 80er Jahre waren. Das ist die Aussage des gesamten Albums.” Unsere Liebe-Hass Beziehung zu Technologie und Kommunikation ist ein großer Teil dessen, was das Hier und Jetzt so interessant macht. Red’s zentrales Stück, ‘The Pretender’ ist ein Popsong wie eine Fanfare, der klingt wie Marschmusik zur Mobilisierung des gesamten Internet. “I am The Pretender!” kündigt Fredrik an, “In love with my avatar!”, bevor er eine Liste der mannigfaltigen doppelzüngigen Identitäten abspult, die ihm Online zur Verfügung stehen – Nordkoreaner? Südamerikaner? Presbyterianer? Er ist ein Gläubiger, der für eine bessere Welt betet. Echt süß und zart. Er ist genau das, was Du suchst. “Wir sind nicht politisch,” bekennen Datarock in ihrem eigenen MySpace Blog, “ wir sind eher Kulturforscher mit einer gemeinsamen Faszination für Ereignisse und Phänomene, welche die populäre Kultur und Musik verändert haben.” Natürlich ist das futuristische, anachronistische Red nicht nur eine sozio-politische Abhandlung über die flüssige Natur von Identität im Internetzeitalter. Es ist genauso eine Lobrede an die Nostalgie – eine abstrakte Idee in einer Zeit, in der Daten in Sekunden auf Knopfdruck gefunden werden – und das Party Album 2009. Es endet damit, dass sich die Welt in Pixel verwandelt, Datarock schwirren in einem fliegenden DeLorean ab in eine bessere Zeit, in eine Vergangenheit, die niemals wirklich existiert hat außer in ihren Köpfen. Die Welt endet mit Dir, jubelnd und tanzend, als könntest Du durch die Zeit tanzen.