Endlich ist es da, das neue Album von Duran Duran! Viel wurde im Vorfeld geschrieben über die Kollaboration mit Timberland, Timberlake und Nate Hills. Für meinen Geschmack leider zu viel, denn Duran Duran sind nicht so hilflos, wie sie von der eigenen Plattenfirma vermarktet werden. Die Band hat seit 1980 außergewöhnliche Songs geschrieben. In Deutschland weitestgehend ignoriert, füllen sie im englischsprachigen Ausland immer noch Hallen mit 20.000 Zuschauern und mehr.
Doch leider haben sie es seit 1988 versäumt, sich zumindest innerhalb eines Albums auf einen Stil festzulegen. Weil die Band-Mitglieder unterschiedliche Vorlieben haben und die Arbeitsweise sehr demokratisch ist, umfasst ihr Repertoire diverse Musik-Genres wie Disco, Elektro, Funk, Pop, Punk, Rock und sogar Rap. Das kann den Zuhörer mitunter verwirren. Der typische Duran Duran Sound existiert also gar nicht. Immer bemüht am Puls der Zeit zu bleiben, waren sie außerdem schon immer sehr experimentierfreudig und haben sich bereits Mitte der 80er von den angesagtesten Produzenten wie Nile Rodgers und Bernard Edwards produzieren lassen. So ist es eigentlich überhaupt nicht ungewöhnlich, dass sie nun ein weiteres Mal ihren Stil ändern und mit den erfolgreichsten 'Machern' kollaborieren.
Es gibt jedoch auch einige unkaputtbare Sound-Merkmale, die sich über die Jahre gehalten haben und die für einen echten Fan den Charme dieser Band ausmachen: die außergewöhnlichen John Taylor-Basslines, Simon Le Bons unverkennbare Gesangsstimme und Nick Rhodes atmosphärischer Keyboard-Sound. Alle drei Dinge sind auf dem neuen Album vorhanden. Wer darüber hinaus ein freudiges Pop-Geseusel erwartet, hat eine völlig falsche Vorstellung von dieser Band.
DURAN DURAN's RED CARPET MASSACRE
Der Band ist mit diesem Album endlich mal wieder ein großer Wurf gelungen. Jeder Song auf Red Carpet Massacre hat auf seine Art Klasse! Bitte hört es Euch laut über Kopfhörer an! In diesem Album steckt Power!
THE VALLEY: Der Song wird von einem sehr ungewöhnlichen Rhythmus dominiert, der anfangs etwas spartanisch daher kommt und die Frage aufwirft, ob man wirklich die richtige CD eingelegt hat. Die Antwort ist 'und ob!', sobald sich Simon Le Bons unverkennbare Nasal-Stimme über diesem Gerüst ausbreitet. Darunter steigert sich langsam ein dichter Teppich aus Retortenbass und Gitarren-Loops, bis der Song schließlich in einen Killer-Refrain mündet. Ja, es sind Duran Duran, und zwar in einer ziemlich coolen Verfassung. Ein up-tempo Song mit einer sehr eingängigen Melodie und einem Refrain, der suggeriert man selbst würde gerade auf dem Rücken eines feurigen Besens über 'das Tal' fliegen ' bis man unterwegs an irgendeiner Straßenkreuzung von John Taylors Bass eingefangen und in einen Remake von High Noon verwickelt wird.
RED CARPET MASSACRE: Das Intro ist noch ein liebliches Klangspiel, doch dann mutiert der Song in das mit Abstand düsterste Stück auf dem Album. Ein roher Schlagzeug-Sound schneidet unaufhörlich Löcher in die Luft, während Simon Le Bon mit Kreischfaktor 10 die Geschehnisse auf den roten Teppichen dieser Welt karikiert. 'Applying lipstick for dying in public...'
NIGHTRUNNER: Dies ist die Nummer mit dem höchstens Chrom-Gehalt. Wenn Duran Duran durch die Zusammenarbeit mit Timbaland, Justin Timberlake und Nate Hills die Hip Hop-Behandlung erhalten haben, dann ist es am deutlichsten auf diesem Track zu hören. Eine coole, sehr nüchterne Dance-Nummer mit Killer-Groove und einem Refrain, der sich tief in Dein Unterbewusstsein gräbt, verstärkt durch Timberlands tiefergelegte Sprech-Passagen, die das perfekte Gegengewicht zu den 'zarteren' Falsetto-Gesängen von Le Bon & Timberlake bilden. 'Ride into your nighttime world...' Der perfekte Soundtrack, um durch die Nacht zu cruisen.
FALLING DOWN: Dies ist die bereits veröffentlichte Single, die Duran Duran mit Justin Timberlake geschrieben haben. Schade nur, dass Duran Duran Justin Timberlake für diesen Song überhaupt nicht gebraucht hätten. Eingängige Melodien mit großer Detailsorgfalt arrangiert sind ein klassisches Duran Duran-Markenzeichen. Das können sie einfach, mit oder ohne Hilfe. Sieht man einmal von dem schlechten Video ab, ist es also eine ganz nette Nummer. Ich hätte zwar nicht unbedingt die erste Single daraus gemacht ' es gibt bessere Songs auf dem Album, aber Sony/BMG wird sich irgendwas Schlaues dabei gedacht haben. Der Text handelt von Menschen, die den Boden unter den Füßen verlieren und schildert die Gedanken, die Simon Le Bon hatte, als er einst den unfreiwilligen Abflug von seinem Motorrad machte.
BOX FULL O'HONEY: Damit es gleich klar ist: ALLES IST PERFEKT AN DIESEM SONG. Die wunderschöne Melodie, der geradezu peinlich intime Text, die sehr harmonische Orchestrierung mit Akustikbass und -gitarre, Piano und Schlagzeug und die glasklare Gesangsleistung von Simon Le Bon. MR. LE BON KANN nämlich entgegen aller Unkenrufe WUNDERBAR SINGEN. Besser geht es fast nicht. Der Text ist übrigens eine Liebeserklärung an seine Frau Yasmin und damit eine Hymne auf ihre 'lifelong love affair' (O-Ton Mr. Le Bon).
SKIN DIVERS: Dies ist der mit Abstand coolste Track auf dem Album. Wer hier regungslos auf seinem Stuhl kleben bleibt, ist längst tot. Ein von Timberland produzierter mid-tempo dance track, der von einer starken Bassline getragen wird und durch Timberlands Sprech-Einlagen noch weiter an Dynamik gewinnt. Persönlich bin ich davon überzeugt, dass Simon Le Bons Stimme am außergewöhnlichsten in den unteren Tonlagen klingt ' und davon gibt es in diesem Song gleich drei ganze Strophen zu hören. Ein Titel, der so schnell nicht mehr aus Deinem Kopf herausgeht, wenn er erst einmal hineingetaucht ist.
TEMPTED: Wer in diesem Song den typischen John Taylor-Bass-Sound vermisst, hat ein gutes Gehör. Hier ist tatsächlich keiner zu hören. Das macht aber nichts, denn der Meister steht neben Nick Rhodes an den Keyboards und sorgt hier für den technoartigen Backtrack. Das kommt LIVE besonders geil herüber. Dieser Song ist eine starke Elektro-Pop-Nummer, die wiederum durch eine besonders eingängige Melodie auffällt und sich tagelang in Deine Gedanken gräbt. Ich liebe diese Nummer!
TRICKED OUT: Endlich mal wieder ein Instrumental-Stück auf einem Duran-Album. Hier zelebrieren Duran Duran ihre Punk-Wurzeln. Da sie jedoch die Meister des cross-over sind, mischen sie das Ganze mit einem ordentlichen Schuss 'Zeitmaschinen-Sound' und geisterlich anmutenden Cemballo-Akkorden. Und so klingt es dann auch: The FUTURE meets PUNK meets ROCCOCO.
ZOOM IN: Es geht weiter mit einer unglaublich dynamischen Elektro-Pop-Nummer, die von Second Life handelt. Der Text 'I'm zooming in and out on you' könnte jedoch auch wunderbar zu jedem Duran Duran-Konzert passen, denn hier halten für gewöhnlich hunderte von Linsen aus dem Publikum minutiös fest, was auf der Bühne passiert.
SHE'S TOO MUCH: Ähnlich stark wie Box Full O'Honey. Ein sehr gefühlvoller, melodiöser Song, in dem Simon Le Bon über seine Tochter Saffron, die ein kleiner troublemaker ist, philosophiert.
DIRTY GREAT MONSTER: Hier geht Duran Duran doch etwas die Elektro-Pop-Puste aus. Sie machen einen kurzen Ausflug in den Blues Rock. Das ist aber gar nicht schlimm. Es passt wunderbar an dieser Stelle und die starke Melodie reiht sich nahtlos in die Reihe von brillianten Songs ein, die dieses Album zu bieten hat. Am Schluss gibt's ein Saxophon-Solo. Das musste ja kommen.
LAST MAN STANDING: Zum Schluss hören wir noch einmal eine sehr melodiöse Elektro-Pop-Ballade. Witzigerweise ist dies der einzige Song, bei dem es sich ohne Zweifel um einen klassischen Duran Duran-Song handelt.