Man muss kein Prophet sein um vorherzusagen, dass die Alben eines gewissen Marshall Mathers stets zu den "most anticipated", den heiß erwarteten Alben des Jahres gehören. Das Album stellt in so fern ein Novum in der Discographie von Em dar, als dass er hier erstmals ein Album fast komplett von Leuten produzieren lassen hat, die nichts mit der Shady/Aftermath-Clique zu tun haben. Vielleicht auch eine Reaktion auf das teilweise etwas eintönige, von Dr. Dre produzierte Vorgängeralbum "Relapse". Zu den einzelnen Songs:
"Cold Wind Blows" ist eine hervorragende Einstimmung aufs Album, Slim Shady versprüht ein Feuerwerk von gefühlten 5000 Schimpfwörtern und zeigt auf dem klatschenden Beat sofort, wer raptechnisch den Ton angibt.
"Talkin to Myself" aus der Feder von DJ Khalil ist ein leicht rockig anmutender, mit harten Drums unterlegter Song. Den Refrain singt Kobe, den der ein oder andere wohl auch durch den Clubbanger "Imma do it" von Fabolous kennt. Am Ende des Songs zollt Mr. Mathers Rappern wie Lil' Wayne, T.I. und Kanye West Respekt.
"On Fire" ist dann ein Song, wie er auch auf Relapse hätte sein können, zumindest erinnert die Instrumentalisierung daran. Der etwas lustlose Refrain sowie der eintönige Beat mit dem Chor im Hintergrund führen leider dazu, dass das Lied nicht zu meinen Favoriten gehört.
"Won't back down" (DJ Khalil) mit Rock-Göre Pink ist ein vor Energie strotzender harter Drum-Beat, bei dem Eminem auch wieder extrem gut abgeht. Erinnert sehr an Drop The World mit Lil' Wayne, was auch schon sehr rocklastig war.
"Not Afraid" ist die 1. Single des Albums und stieg als zweiter Rapsong der Geschichte von 0 auf 1 der US-Charts ein (der andere war Puff Daddys "I'll be missing you"). Produzent Boi-1da hat bereits Drake's Hit "Forever" produziert. Mr. Mathers flowt hier über mit Synthesizern im Hintergrund unterlegten minimalistische Drums. Die Synthies geben dem Song eine mystische Note, vor allem wenn man die Lyrics über Eminems Erlebnisse der letzten Jahre beachtet. Der gesungene Refrain gibt dem Song dann noch den nötigen Feinschliff. Eines der Highlights des Albums!
Bei "W.T.P." (White Trash Party) verrät der Titel schon einiges über den Inhalt, der Song ist typisch für Shady. Insgesamt ein schnellerer Song, der wohl auch im Club durch den treibenden Beat gut abgehen würde.
"Going through Changes" beginnt mit einem alten gesampleten gesungenen Refrain von Black Sabbath, ehe der Mid-Tempo Beat einsetzt und später noch von einer Gitarre dezent unterstützt wird. Wie der Titel schon sagt, rappt Em über die im Leben unvermeidlichen Veränderungen und seine teilweise einsamen Stunden in denen er Zeit hatte über sein Leben nachzudenken.
Bei "No Love" sollten sich die Hörer festhalten: Superproducer Just Blaze hat den Klassiker "What is Love" von Haddaway als Sample verwendet und eine wahre Bombe daraus gebastelt! Sehr ruhig beginnend, entfaltet das Sample verbunden mit den düsteren Synthesizern und den energischen Stimmen der Rapstars Lil Wayne und Eminem seine volle Wirkung. Für mich der vielleicht beste Song des Albums, zumal derartige Samples sowieso mein Ding sind.
"Seduction" (ebenfalls Boi-1da) beginnt mit pompösen Synthesizern und einem mid-tempo Beat, während ein Piano dezent im Hintergrund die Melodie unterstützt. Wie üblich singt Em die Hook wieder selber. Eine sehr merkwürdige, geheimnisvolle Stimmung der Track verbreitet. Inhaltlich ist das ganze ein Anti-Liebessong, wenn man genau hinhört.
"Space Bound", produziert von Hitmaker Jim Jonsin, ist ein durch Gitarrenklänge sehr smoother, ruhiger Beat, welcher jedoch Richtung Refrain an Energie gewinnt. Der Refrain ist nicht von Eminem gesungen, sondern von Steve McEwan. Ein sehr gefühlvoller Song, der wirklich super ins Album passt!
"So Bad" ist dann ein echter Dr. Dre-typischer Brecher. Die dumpfen Bläser und der Bass erinnern sehr an "My Mom" von Relapse. Der Song besticht jedoch durch Marshalls Texte, die perfekt mit den Instrumentals harmonieren. Er lässt ein wenig sein Alter-Ego Slim Shady raushängen: "I'm so bad, I'm so good that I'm so bad, I guarantee I'm the greatest thing you ever had'" Guter Track!
"25 to Life" beginnt mit der von einer Frau gesungenen Hook, ehe ein mit Gitarren unterlegter, schneller Beat einsetzt der wiederrum auf den gesungenen Chorus zusteuert, der dann erst nur mit Claps unterlegt wird, um gefolgt von harten Synthesizern Eindruck zu schinden. Die Instrumentalisierung ist durchaus ungewöhnlich bei diesem Lied: Seichte Gitarrenklänge wechseln sich mit heftigen schnellen Synthesizern ab, ehe am Ende sogar ein Piano hinzukommt. Reinhören lohnt sich auf jeden Fall, denn es ist ein Juwel des Albums. Produzent: DJ Khalil
Wer anhand des Titels "Cinderella Man" einen ruhigeren oder kitschigen Song erwartet, hat sich getäuscht: Wuchtige Drums klatschen einem ähnlich wie "Till I Collapse" von der Eminem-Show das Trommelfell weich. Eine E-Gitarre im Hintergrund tut ihr Übriges. Ein Kracher, der die Anlage zum Beben bringt.
Es folgt mit "Almost Famous" ein wirklich toller Song: der unruhige Beat und die verstörende weibliche Stimme im Chorus lässt erahnen wo der Song hinzielt: Eminems gedankliche Reise von den Anfängen bis zu den ersten Momenten in Dre's Studio, als er almost famous war. "You wanna be famous? Be careful what you wish for!"
Ja das ist doch' Rihanna? Tatsächlich! Die Pop-Diva singt die Hook des vorletzten Songs des Albums. "Love the Way you Lie" wurde von Alex the Kid produziert. Sonst eine etwas dünne Stimem, passt Rihannas Gesang hier wirklich und ergänzt sich erstaunlich gut mit Eminems fester , eindringlicher Stimme. Definitiv ein Song der (falls er als Single kommt) in den Charts oben einsteigen wird.
In den ersten Sekunden von "You're never over" wundert man sich erstmal, was dieser merkwürdige Gesang von Marshall da zu suchen hat, denn es klingt ein wenig wie der misslungene Versuch einer Boyband eine ordentliche Hook zu singen. Dann setzen die Synthesizer und die flotten Drums ein und der Song wird deutlich besser. Man gewöhnt sich auch an den Refrain, denn die Parts dazwischen sind wirklich hörenswert. Hier wird übrigens Cry Little Sister von Gerard McMann als Sample verwendet.
Eventuell gibt's noch einen versteckten Track :) Und der ist nicht schlecht!
"Recovery" präsentiert sich als rundum durchdachtes Album, auf dem Em an die Qualität älterer Scheiben anknüpfen kann. Auf vielen Songs explodiert er geradezu, feuert eine Salve nach der andern ab. Sehr angenehm ist auch, dass der nervige Akzent von "Relapse" nun gänzlich verschwunden ist. Auch hat er die (manchmal kindisch anmutenden) Spaß-Singles weggelassen, auch wenn sie ein Markenzeichen Eminems waren ("Real Slim Shady", "Without Me" etc'). Dies ist ebenfalls ein Indiz dafür, dass dieses Album wie ein moderner Neubeginn in seiner Diskographie sein könnte. Lyrisch ist es wieder ein Beweis wie sehr sich seine Inhalte vom üblichen Mainstream-Rap abheben, dafür gebührt Mr. Mathers Respekt. Das Album ist wieder sehr persönlich gehalten, er versucht nicht irgendjemandem nachzueifern oder zwanghaft irgendwelche sinnfreien Hits zu schreiben. Die Selbstironie die ihn oftmals auszeichnet, tritt diesmal nicht so offensichtlich zu Tage wie auf anderen seiner Alben, dennoch kann man sie oft genug hören. Glücklicherweise hat Eminem genau das gemacht, was ich bei dem Vorgängeralbum vermisst habe: er hat andere Produzenten außerhalb von Aftermath ins Boot geholt. So kommt auch der moderne, abwechslungsreiche und frische Sound zustande. Für so ein gelungenes Album sollte man ruhig mal 5 Sterne übrig haben.