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Eminem hat noch nie den Weg des geringsten Widerstands gewählt: Der Rapper aus Detroit hätte sich nach seinem Comeback-Album Relapse auch einfach wieder zurücklehnen können – schließlich hat er dafür mal eben zwei Grammys abgeräumt und wurde somit offiziell zum erfolgreichsten Musiker des letzten Jahrzehnts. Doch was zählen schon Grammys, Charterfolge und Millionenverkäufe (erfolgreichstes Rap-Album des letzten Jahres), wenn man selbst nicht so ganz zufrieden ist mit dem Ergebnis? Nicht viel, wie er zu berichten weiß: „Im Nachhinein betrachtet muss ich sagen, dass ich nicht gerade der größte Fan meinem letzten Album bin. Ich finde Relapse zwar schon okay, weil das Album echt lustig ist und viele gute Pointen hat, aber der Witz ist irgendwann auch ausgelutscht.“ Darum legt Eminem nur 13 Monate nach Relapse sein neuestes Werk vor: Sein siebtes Studioalbum Recovery kommt pünktlich zum Sommeranfang raus – und dieses Mal knüpft er ganz klar an die Gradlinigkeit seiner frühen Rap-Hits an und macht zugleich Platz für eingängige Refrains.
Das AlbumRecovery (übersetzt: Die Genesung) steht somit für eine neue Eminem-Ära: Nachdem er auf seinem letzten Album noch die dunkle Seite von Abhängigkeit zu Medikamenten und seinen Ängsten thematisiert hatte, dreht sich dieses Mal alles um den Weg aus der Misere: Das beweist er schon mit der ersten Singleauskopplung Not Afraid, die in den USA direkt auf Platz 1 der Charts eingestiegen ist. Auch im grandiosen Videoclip zur Single stellt er sich seinen Ängsten und aktiviert dadurch regelrechte Superkräfte. Wie das gesamte Album, ist auch die aktuelle Single mit ihrem überdimensionalen Hymnen-Refrain ein positiver Aufruf, sein Leben zu verändern und es in den Griff zu bekommen, selbst wenn der Weg dorthin manchmal beschwerlich sein kann.
„Ich habe mit vielen verschiedenen Produzenten gearbeitet, um einen abwechslungsreichen Sound zu schaffen und viele unterschiedliche Stimmungen einzufangen“, erklärt er weiterhin. Während zu diesen Produzenten neben Executive Producer Dr. Dre auch DJ Khalil, Just Blaze, Jim Jonsin, Boi-1da und Alex da Kid zählen, teilt sich Em das Mikrofon auf Recovery unter anderem mit Lil Wayne, Rihanna und Pink. Sein Kommentar zur Arbeit mit den beiden Ladys: „In beiden Fällen schrie der Track förmlich nach ihnen – ich musste sie einfach anrufen und fragen, ob sie dabei sind.“ So ist Won’t Back Down featuring Pink ein weiteres Beispiel für die bereits erwähnte Mischung aus aggressivem Rap und einem eingängigen Refrain.
Nach dem Relapse befindet sich Eminem also auf dem Weg zur Recovery – er ist auf dem Wege der Genesung: „Es fühlt sich gut an, eine andere Richtung einzuschlagen und mehr als bloß ein paar gute Wortspiele abzuliefern. Natürlich hat auch Recovery seine lustigen Momente, aber ich hatte einfach das Gefühl, dass ich mal wieder etwas Ernsthaftes loswerden musste.“
motor.de
Was Eminem als Genesung ("Recovery") etikettiert, mag vielleicht auf seinen Gesundheitszustand zutreffen, die offensichtliche Kehrtwende zu überproduziertem Pop ist jedoch keinesfalls als solche anzusehen. Daher auch die Empfehlung, wenn sich schon die neue Shady-Scheibe in den Player verirrt hat, nach dem Opener sofort den Stop- oder Eject-Knopf zu betätigen - Untätigen und "Skippern" drohen flache Gewässer. Das anschließende "Talking To Myself featuring Kobe" leitet nämlich mit unspektakulären E-Gitarren und dem Autotune-Gesäusel des Gastsängers das Stell-Dich-Ein der beliebigen Mainstream-Nummern ein. Stellvertretend seien hier auch die Auftritte von P!nk und Rihanna genannt, erstere, die ohne große eigene Note, den Chorus des rockigen "Won't Back Down" bedient, letztere, deren Organ die seichten Harmonien aus Synthieflächen und Akustikgitarreneinsatz abrunden soll. Trostpflaster stellen auf "Recovery" Songs wie "So Bad" dar, dass an Dre-Produktionen à la "What's The Difference" anknüpft, da es das Gefälligkeitsmaß nicht zu überspannen weiß. Was dem Fass letztendlich dennoch den Boden ausschlägt ist "No Love", eine auf Haddaways "What Is Love" aufgebaute Zusammenarbeit mit Lil Wayne. Schleppend rappen sich beide über die Eurorave-Samples, die konsequent verhindern, dass ihre durchaus energiegeladene Mittelfingerattitüde glaubhaft rübergebracht wird.
2010 sind also Ironie und Selbstkritik des Vorgänger "Relapse" samt seiner kompromisslosen Instrumentierung Geschichte. (Ganz nebenbei brachte das unserem Oscarpreisträger dennoch zwei Grammys und den Titel "erfolgreichsten Musiker des letzten Jahrzehnts" ein). Stattdessen distanziert sich Eminem in allen aktuellen Statements von seinem 2009er Wurf und propagiert mit "Recovery" eine neue Ära, die inhaltlich weniger auf reines Wortspiel und Pointen bedacht und musikalisch lieber profillos daherkommt. Den Kurswechsel untermalt Slim Shady zudem recht unbescheiden im aktuellen Clip "Not Afraid", wo er seinen inneren Dämonen entkommt und sich zum fliegenden Superhelden mausert. Dass er sich da mal nicht an der Sonne verbrennt...