Eminem ist objektiv betrachtet der weltbeste Rapper. Auf die Frage, ob nicht Jay-Z der Titel zusteht, gibt's eine Antwort: "Renegade". Dennoch schuf Eminem im Gegensatz zu Jay-Z nicht so oft die weltbeste Rapmusik. Hauptgrund war seine auf Dr. Dre und sich selbst beschränkte Produzentenwahl. Em's Eigenproduktionen waren während der Zusammenarbeit mit dem Funky Bass Team auf den ersten Alben amtlich, mit Luis Resto als Co-Produzent ging's kontinuerlich bergab und fand nach "Encore" seinen Tiefpunkt im katastrophalen "The Re-Up". Die kreative Krise begleitete eine persönliche, Eminem verschwand in der Versenkung und hielt Fans lange um seine Lage in Ungewissheit. Dann, nach jahrelangem Kampf gegen Tablettensucht und Schreibblockaden setzte der Elvis des 21. Jahrhunderts mit zwei Alben im Gepäck 2009 zum Comeback an. Mit "Relapse" kehrte sein zwischenzeitlich zum Serienkiller avanciertes Alter-Ego Slim Shady zurück und lieferte ein überragendes Style-Massaker auf einer toxischen Soundmixtur aus Dr. Dre's Labor.
Zumindest reichte die Musik wieder qualitativ an Eminem's Skills heran, die Kohärenz des Albums erinnerte entfernt an das Kaliber eines "Purple Tape". Em präsentierte erneut eine beeindruckende Pallette an Flows und Reimtechniken und liess in Sachen Hooks selbst einen Mann vom Fach wie 50 Cent alt aussehen. Trotzdem beschwerten sich Fans wie Kritiker massiv über die inhaltliche Leere; ausser BTM, altbekanntem Promi-Bashing und fabelhaft erzählten, aber etwas übertriebenen Mordszenarien ging da nicht wirklich viel. Den berüchtigten schwedischen Akzent abgelegt, versprach Em mit dem symbolisch von "Relapse 2" zu "Recovery" umbenannten Nachfolger wieder Songs mit emotionalem Tiefgang und, festhalten... auch noch von verschiedenen Produzenten! Diese einzig logische künstlerische Weiterentwicklung war längst überfällig, denn bisher schaffte es von ausserhalb lediglich Mark The 45 King einen Beat auf Eminem's Alben zu platzieren. Die neue musikalische Richtung für "Recovery" dagegen weist neben Executive Producer Dr. Dre ein Team aus zehn renommierten und aufstrebenden Rhythmusarchitekten. Sieht aus, als wär's die Richtige.
Ich war nach dem ersten Durchskippen dennoch ein wenig geschockt. Den stampfenden Hardcoresound auf "Relapse" gewohnt, irritierte es mich, zwischen straighten Rap-Nummern ein wildes Gemisch aus clubbigen Shynties, Black Sabbath- und Haddaway(!)-Samples und radiofreundlichen SingSang-Hooks vorzufinden, gegen die selbst "We Made You" klingt wie Motown Soul. Man ahnt erst nichts Verdächtiges, wenn die ersten Takte des Openers "Cold Wind Blows" erklingen und Em sein altbekanntes "Dededum-dum-dadum" dahinsummt. Ohne vorliegende Credits vermutet man sogar eher den Doc an den Boards anstatt Just Blaze, der sich mit klatschenden Snares und düsteren Pianoklängen sehr vom Dre'schen Sound inspiriert zeigt. Eminem wärmt sich auf mit Beschimpfungen und Provokationen wie "Might aswell let my lips pucker/Like Elton John, cause I'm just a mean c**ks*cker" oder "Won't stop til the world stop spinnin'/And Michael J. Fox come to a stand still during an earthquake". In-House Producer DJ Khalil lacet für "Talkin' 2 Myself" die obligatorische Kobe-Hook auf einem epischen Instrumental, das fast zur Nebensache wird bei dem, was Em da vom Stapel lässt: "I almost made a song dissin' Lil Wayne/I was jealous of him 'cause the attention he was gettin'/I felt horrible about myself, he was spittin' and I wasn't" und "You start dissin' people for no reason?/Especially when you can't write a decent punchline even?/You're lyin' to yourself, you're slowly dyin', you're denyin'/Your health is declinin' with your self esteem, you're cryin' out for help". Puh. So viel Ehrlichkeit ist der Rapkonsument von heute gar nicht mehr gewohnt, unfassbar.
Der über die Jahre zum Starproducer mutierte D12-Buddy Kon Artis versorgt seinen Boss mit einem zu Lyricists wie ihm am Besten passenden Soundteppich: Erdiges Vocalsample, brettharte Drums, ein wenig Detroit-Vibe und Em's mit rauer Stimme eindringlich vorgetragene Punchlines in übermenschlich komplexen Reimschemata machen "On Fire" zu einem Highlight. Khalil Nr. 2, die fetzige Rocknummer "Won't Back Down" wartet auf mit P!nk, die ruhig ein Bisschen mehr Gas hätte geben können, Eminem stiehlt ihr ein wenig die Show. Während sie auf dem aggressiv vorwärts preschenden Bassmonster etwas untergeht, zerlegt Em das Vieh mit virtuoser Leichtigkeit in noch nie gehörten Rhymepatterns und schreit nach mehr. Seine Darbietung auf dem Song kann durchaus als Manifest dieses ewig seinesgleichen suchenden Ausnahmetalents betrachtet und jeden um die Ohren gekloppt werden, der meint Rap sei nicht so kunstvoll wie Gesang. Nach dem etwas merkwüdigen, aber okayen Spasstrack "W.T.P." von Supa Dups und Ozzy auf Emile's "Going Through Changes" gibt der kanadische Senkrechtstarter Boi-1nda zwei Kostproben seiner Kunst: Als erste Single trifft die Wahl perfekt auf die rebellische Hymne "Not Afraid", in der ein von sphärischen Synthies begleiteter Eminem sich ergreifend persönlich an seine Fans wendet und u.a. für "Relapse" entschuldigt. Mit "Seduction" liefert Boi-1nda ein weiteres Albumhighlight, auf dem Em andere Leute Freundinnen Groupie-Dienste verrichten lässt. Das Instrumental klingt jedoch wie eine Offenbarung: Nachschallende Snares, hypnotische Streicher, verspieltes Piano und ein magisch über dem Beat schwebender Em machen aus dem Song ein Hörgenuss.
Bei Just Blaze' zweitem Beitrag wird's kritisch. Hat er sich denn nicht genug blamiert, als er für T.I. allen Ernstes O-Zone's unsägliches "Dragostea Din Tei" samplete? "What Is Love" ist zwar nicht ganz so peinlich, aber manche Sachen müssen einfach nicht sein. Gerade für "Nobody listen to Techno"-Eminem trashigen Eurodance zu verwerten zeugt nicht gerade von musikalischem Feingefühl. Schade eigentlich, denn "No Love" ist ansonsten ziemlich Bombe. Weezy krächzt sich einen ab, wird von Em mitsamt Evisu und Bandana verspeist, das elektrisierende Synthiegerät zeigt auch Wirkung. Neben wirbelsturmartiger Flowabfahrt haut Em Sprüche raus wie: "Get these wack c**ks*ckers off stage/Where the f**k is Kanye when you need him?". Trotzdem ist die Hook für mich unhörbar, ich verabscheue Kirmestechno. Die Amis sollen bitte weiter Soul, Jazz und Funk samplen, von guter elektronischer Tanzmusik haben die, bis auf Ausnahmen in Detroit und LA, absolut keine Ahnung. Ich kenne kaum Produzenten, die sich derart zum Negativen wandelten wie Just Blaze, der mit Kanye West fast als Einziger während des jahrelangen Dirty South-Booms regelmässig mit souligen Sample-Granaten Hits landete. Jetzt baut er Beats aus Eurodance, der mit Abstand abscheulichsten Musik des Universums. Was kommt als Nächstes? Samplet er Scooter für's neue Jay-Z-Album? Geht nicht, sowas! Im Grunde ist Just Blaze die einzige wirkliche Enttäuschung auf "Recovery". Von den fünf angekündigten Beiträgen sind drei übrig geblieben, zwei davon fahren einen komischen Style, der Dritte ist zwar gut, klingt aber wie Dre. Wie ein Kind hatte ich mich darauf gefreut, Eminem Just Blaze' energische NeoBoomBap-Bretter wie "Exhibit C" oder "Return Of The Real" killen zu hören, und wat is? "You're Never Over" ist zwar kein skandalöser Fehlschlag, kommt aber auch in diesem käsigen Soundgewand, wobei Em's schief gesungene Hook etwas von seinem verlorenen jugendlichen Charme beherbergt.
An "Space Bound" will ich mich gar nicht lange aufhalten, ich reagiere allergisch auf Jim Jonsin, er versaute das Cypress-Album und wegen ihm geht mir selbst T.I. mittlerweile auf'n S*ck. Auch der dritte Khalil-Track "25 To Life" sagt mir wenig zu. Beide Songs haben einen leicht hippiehaften "Gittarre-am-Lagerfeuer"-Vibe, der im Rap nicht klar geht. Allerdings kann auch niemand ausser Em solche Tracks machen ohne sich zu blamieren, was nur für seine enorme Vielseitigkeit spricht. Im Grunde sind diese Songs nicht objektiv wack, sondern Geschmacksache, daher möchte ich ihnen ihr Hitpotenzial nicht absprechen. Richtig angenehm ist die positive Energie auf dem bizzar betitelten "Cinderella Man", zu dem Script Shepherd aus dem Just Blaze-Umfeld Beat und Vocals beisteuert. Eminem's übersprudelne Brillanz wird diesmal von melodischen E-Gitarrenriffs auf an "'Til I Collapse" erinnernden Stomps und Claps im Queen-Style begleitet. Die Rihanna-Kollabo ist bei Weitem nicht so schlimm, wie befürchtet und wird wahrscheinlich monatelang weltweit die Charts toppen und auf einschlägigen Sendern totgespielt werden. Zum Schluss wird der ohnehin schon von Eindrücken überwältigte Hörer noch mit drei alles wegfetzenden Granaten beschmissen: Der einzige Dre-Beat auf "Recovery", das elegante "So Bad" besticht durch eine eingängige Melodie aus königlichen Horns, Piano und Strings und ist die erste Dr. Dre-Produktion mit einem gepitchten Vocalsample. Em geht drauf völlig auf und veredelt das Teil mit exzellenten Versen, Hook, Bridge und Scratchgeräuschen. Das Beste hat DJ Khalil zum Schluss aufgehoben und bringt auf "Almost Famous" genau den brachialen Brecher, den ich sonst von Just Blaze erwartet hatte. Ein alles niederwalzendes Monstrum von Beat, eine sehr nice gesungene Hook von Liz Rodrigues und ein wahnsinniger Eminem, der die immense Energie noch übertrumpft.
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