Um es gleich zu sagen: Filme, die in Cannes die "Caméra d'Or" gewonnen haben, sollte man anschauen - Christoffer Boes erster Langfilm "Reconstruction" von 2003 bildet da sicher keine Ausnahme.
Die interessantere Frage ist aber, was bleibt.
Die "Wiederherstellung" einer in die Jahre gekommenen Ehe auf dem Umweg über eine Affäre führt durch weder örtlich noch zeitlich geordnete Szenen zwischen dem Liebhaber Alex (Nikolaj Lie Kaas, 30) und seinen Geliebten Simone und Aimee (beide Maria Bonnevie, 30). Schwankungen in der Überzeugung der Geliebten führen zu Realitäts- und Erinnerungs-Lücken, der Film verwehrt dem Zuschauer konsequent jede Chance auf eine zeitliche oder logische Sortierung der Geschehnisse.
August (Krister Henriksson, 57), der Gatte Simones, bringt durch von ihm verlesene Szenen eines Liebes-Romans, die in die gezeigten Begegnungen hineinspielen, weitere Verschwommenheit.
All dies wird im Bild umgesetzt durch Szenen-Tafeln aus Luftbild-Sicht und durch künstlerische Verfremdungen wie Farbgestaltung, Wechsel auf Schwarz/Weiß, extrem körniges Film-Material oder auch Szenen-Replays aus verschiedenen Kamera-Stellungen. Außerdem nebeln die gefühlt ununterbrochen rauchenden Darsteller entsprechend die Bilder ein.
Das alles wirkt stimmig und führt in eine faszinierende Stimmung. Die Darsteller sind gut anzusehen und unverbraucht. Wie gesagt - ein sehenswerter Film.
Wäre da nicht die Frage, wieso man sich ständig an andere Filme erinnert. Da sind diese "noch-mal-von-vorne"-Szenen wie im "Murmeltier". Die gedeckten Farben und Stimmungen aus "Lost in Translation". Wieder mal das Adagio for Strings von Samuel Barber. Das Belmondo-Zitat "Kommst du mit nach Rom?" aus "Außer Atem". Vor allem aber die Unschärfe, das Zittern, die Surrealität und die Doppelgängerin aus Lynchs Filmen und Catherine Deneuves "Belle de Jour"-Maske sowie das Kleid mit dem bemerkenswerten Rückenausschnitt.
Verständlich, dass ein Filmstudent prägende Eindrücke aus dem Studium in seine erste Produktion mitnimmt, aber noch sind sie zu vordergründig. Vor allem aber: Wenn der Reiz des Ungewissen verschwunden ist, verpufft die Wirkung von "reconstruction". Es bleibt die Banalität der beliebigen Alltagsfrage "der Alte oder der Neue?" - nicht genug für einen Topfilm.
Es ist mit der künstlerischen Oberfläche des Films nicht anderes als mit Aimées starrer (Deneuve-) Maske: Wenn die Tünche erst mal runter ist, wenn der (Zigaretten-) Rauch verfliegt, sieht man, dass enttäuschend wenig darunter wartet.
film-jury 3* A0655 29.6.2011e 9A Genre: Drama | Romanze