Wer im Mahler-Jahr 2010 mit bereits abwinkender Mimik durch die Musikabteilungen, Konzertsäle und feuilletonistisch anmutenden Artikeln in so mancher Intellektüllenzeitschrift stolpert, mag sich des Eindrucks nicht erwehren, daß sich das Wähnen nach Formvollendung und Wiedergutmachung hinsichtlich des bis in die 2. Hälfte des vergangenen Jahrhunderts stiefmütterlich behandelten Österreichers weniger zu einer Frage des guten Geschmacks, denn zu einem populären Trend entwickelt hat. Da steht neuerdings der Versuch einer auf Zelluloid gebannten Psychoanalyse von Mahler durch Siegmund Freud auf dem Programm, da jagt eine Subprominentenaussage zu Mahlerschen Musikerfahrungen die nächste - und da schickt sich ein Matthew Herbert an, der obskuren Recomposed" - Reihe der DGG, die durch Craigsche, Oswaldsche und Tenorsche Simplifizierung klassischer Musik bereits ihren Einstand bei einem komplexer Tonkunst eher ausweichenden Publikum gefunden haben dürfte, die monolithische Zehnte in seiner ganz persönlichen Interpretation hinzuzufügen. Doch halt, soviel muß an dieser Stelle dem Pedanten Spielraum gelassen werden; die unheils- bis bedeutungsschwangere Schwarzweißphotographie des Toblachschen Komponierhäuschen Mahlers, die auf der vorliegenden Einspielung prangt, lädt den Lauscher lediglich zu einer Bearbeitung des Kopfsatzes, des Adagios, ein - danach ist schon Schluß. So reduziert sich die transzendentale Erfahrung auf 37 1/2 Minuten, die aber - Mahlerianer werden es schon vermuten - über die übliche Einspielungslänge des Adagios hinausgeht. Dies liegt daran, daß Herbert den Satz regelrecht zerpflückt und, einem Puzzle mit dem Bildnis eines strahlend blauen Himmels gleich, das beim Zusammensetzen einige nicht passende, aber mit Gewalt in die Lücken gezwängte Versatzstücke aufzuweisen hat, re-konstruiert, re-komponiert. Insofern die erste CD der Reihe, die dem namentlichen Anspruch gerecht wird. Sicher, die Vorlage (verwendet wurde hier übrigens die großartige Sinopoli-Einspielung mit dem Philharmonia Orchestra) ist weiterhin -und glücklicherweise!- dominant. Doch alles ist auch irgendwie anders, ferner, toter, einsamer, schmerzhafter, strahlender, sanfter. Matthew gelingt im Folgenden nichts weniger als das Kunststück, das Adagio Mahlers 10. im Jenseits aufzuführen.
Logische, zur Satzstruktur passende Kniffe sind so behutsam in das Gefüge eingeflochten, daß die Homogenität eines im Sinn stets strebenden Flusses beibehalten wird. Da wird das kongeniale Anfangsthema beispielsweise mit einer Solobratsche neu eingespielt, während man irgendwo fern im Hintergrund dem sonoren Brummen eines Verbrennungsofens im Krematorium lauscht". Da werden in den Momenten der schmerzhaften Überdehnung in den hohen Violinstimmen die Noten auf einmal länger und länger, die Zeit scheint förmlich erstarrt, einer Kälte, dem Kayschen Eisklumpen im Herzen nicht ungleich, remonstrierend, schwach und immer schwächer gegen die Häßlichkeit der Realität ankämpfend, zuletzt verstummend - und abermals auflebend, diesmal von Herbert dumpf unter jenes Eis gelegt, hervorbrechend - verlöschend. Das stetige Auf und Ab der Musik des Adagios, das unstete Hasten des Un- oder Halbwissenden, wieder das eingangs erwähnte Wähnen von Erschütterndem, gleichzeitig aber der Wunsch nach Vollendung - all dies, das in jeder halbwegs guten Einspielung der Zehnten dem letzten Gelegenheitslauscher klar werden dürfte, wird hier zu einer Gigantomanie der Überspitzung exponiert. Die simple Formel heißt: Effekte, wann die Musik einen Effekt nahebringen möchte. Die Überlegung liegt nahe, daß Mahler, mit den technischen Möglichkeiten der heutigen Zeit ausgestattet, die ein oder andere Herbertsche Nuance durchaus selbst zur Erprobung ins Notengewebe gesponnen hätte - sei es auch nur aus Jux - gerade Mahlers Oeuvre strotzt vor solchen Späßen.
So bleibt Herbert dem riesenhaften Torso linientreu, markiert gewissermaßen in einem Sütterlin-Manuskript die wichtigsten Aspekte mit neonfarbendem Edding. Schade nur, daß er bei der Kulmination nach Satzmitte lediglich beim altbekannten Neuntonakkord die Sau rausläßt (da dann aber auch das einzige Mal unter Zuhilfenahme des vollen DJ-Equipments!), den vorherigen, die Katastrophe erst so richtig grausam einleitenden Ausbruch nach as-moll jedoch weitestgehend ignoriert, indem er ihn in den Hintergrund blendet, den ahnungsvollen Mahler-Kenner (und nur solche sollten sich die vorliegende Einspielung zulegen) also gewissermaßen Luft holen läßt. Hätte ich anders gemacht, weil ich Mahler anders verstanden habe / zu haben glaube. Hier -und nur hier- werden sich die Geister scheiden.
Ansonsten hat Herbert aber etwas errichtet, was ich einem sicher als Tonkünstler zu bezeichnenden Mitglied der heutigen Mischpultgattung nicht zugetraut hätte: Wie weiland Deryck Cooke rekonstruiert er aus Mahlers Hinterlassenschaft zur Zehnten eine spezielle Aufführungsversion. Seine jedoch ist postmortem, posttraumatisch, ein im schönsten Licht verkokelnder Schmetterling. Tod & Wiedergeburt, die diese Musik ausmacht, wurden nie aussagekräftiger dargestellt.
4 1/2 Sternchen, weil der as-moll - Effekt keiner ist und hier EINMAL wider die Partitur gehandelt wird. :-)