Alan Wilder legt nach über 2 Jahrzehnten Recoil nun also seine Werksschau vor und gibt einen gelungenen Überblick über sein Schaffen. Dem einen oder anderen wird er sicherlich vor allem aus seiner Zeit bei Depeche Mode ein Begriff sein. Da Recoil aber nicht über die Maßen bekannt ist, ist es vielleicht ein guter Start zu erwähnen, woran man erahnen kann, ob einem Recoil insgesamt zusagt.
1) Ein Interesse an experimenteller (nicht zwingend ausschließlich elektronischer) Musik ist von Vorteil. Als Beispiele können herhalten, alte Pink Floyd Scheiben wie Meddle, Kraftwerks Autobahn (das ganze Album) oder vielleicht auch Ernst Horns 'Helium Vola' Projekt.
2) Unabdingbar ist auch, sich von einer männlichen Stimme in Bariton Lage (Dave Gahan) lösen zu können, die gibt es bei Recoil nicht und da mag sich der eine oder andere Depeche Mode Fan mit schwer tun. Dafür erfreuen jedoch die Sänger und Sängerinnen die bei Recoil zum Einsatz kommen, mit recht individuellen und nicht alltäglichen Stimmen.
3) Soweit nicht durch Punkt 1) bereits angedeutet, muss man die Bereitschaft mitbringen, sich von klassischen Songstrukturen zu lösen. Sonst wartet man doch nur vergeblich auf die nächste Refrain-Runde inkl. Mitsingcharakter.
4) Recoil lebt von komplexen Soundstrukturen die den Songs ihre Schärfe und Bestimmung geben. Demnach ist sicher auch eine Vorliebe für Soundtracks oder Musicals wie "War of the Worlds' von Jeff Wayne, nicht von Nachteil.
In jedem Fall erwartet den geneigten Hörer keine leichte Kost und es ist erforderlich, sich Zeit für die dargebotenen Stücke zu nehmen.
Kommen wir zu den einzelnen Formaten. Da wäre zum einen die Standard-CD, die die neu editierten (und sicher den Recoil Fans bestens bekannten) Songs in frisch gemastertem Gewand beinhaltet. Zu erwähnen ist, dass viele Stücke im Vergleich zur Albumversion gekürzt und verändert wurden. Da das aber insgesamt gut gemacht wurde, ist es mir einzig bei 'Edge of Life' wirklich aufgefallen. Dies ist allerdings nicht das einzige Merkmal das im Vergleich zu anderen Best-ofs hervorzuheben wäre. Auch die Produktion (was auch für die Deluxe Edition gilt) spielt in der Oberliga und das hörbar.
Musik-Empfehlung aus der Standard-CD:
Jezebel
Der Song erzählt die Geschichte einer Frau die etliche Sünden auf dem Kerbholz hat und kommt in einem elektronischen Gospel Gewand daher. Was soll ich sagen? Es groovt und groovt und groovt....
Want
Nicole Blackmann haucht ihren Text ins Mikrophon, dass es nur so eine Freude ist. Dazu ein grandioser Spannungsbogen im Sound, der in treibenden spährischen Klängen gipfelt.
Zusätzlich enthält die Deluxe Edition eine Remix-CD die es aus meiner Sicht absolut in sich hat und die schon allein den Kauf lohnt. Ich hatte ursprünglich bereits beim Hören von CD 1 erwartet, dass die Stücke ineinander übergehen. Dies ist jedoch "erst" bei den Remixen auch tatsächlich der Fall. Es muss Alan einiges an Zeit und Energie gekostet haben, die Stücke in gelungener Reihenfolge zu arrangieren und wie aus einem Guß abzumischen. Respekt - Aufgabe voll erfüllt. Für eine Hörprobe empfehlen würde ich die folgenden Stücke:
Prey (Shotgun Mix)
Die bluesige Stimme von Joe Richardson macht diesen Sang bereits in der normalen Version zu einem echten Erlebnis. Der Shotgun Mix ist mit einem treibenden und faszinierenden Beat unterlegt, der das Stück antreibt wie eine gut geölte Maschine. Herrlich!
Allelujah (Noisy Church Mix)
Dieser Mix könnte so auch mit Dave Gahans Stimme den Song Pimpf auf der 'Music for the Masses' vollwertig ersetzen und würde dafür dann heute als Depeche Mode Track über den grünen Klee gelobt werden. Zeigt er doch, wo gewisse Dinge aus den alten Mode Scheiben unverkennbar herkommen.
Black Box (excerpt)
Black Box könnte ich stundenlang hören. Die Funksprech-Samples erinnern mich an die russischen Sprachfetzen aus 'to have and to hold'. Thematisch geht es bei diesem Song aus dem Liquid Album um die Verarbeitung eines Flugzeugabsturzes. Alan Wilder hat zwar damals nicht in der Maschine gesessen, wurde aber beinahe von Trümmerteilen der Maschine getroffen. Entsprechend düster und bedrohlich klingt hier der Sound.
5000 Years (A romanian elegy for strings)
Nochmal ein Song mit der Stimme von Joe Richardson. Im Gegensatz zum Sub-Human Album bekommt der Track in diesem Mix allerdings eine klassische Untermalung mit Streichern verpasst. Eine gelungene Abwechslung zu den anderen rein elektronischen Stücken.
Missing Piece (Night Dissolves)
Während dieser Track läuft, richt man förmlich den verbrannten Diesel des laufenden Zweitaktmotors. Natürlich ist die Verwechslungsgefahr zu Daves Porsche (Stripped) ausgeschlossen. Auch die immer wieder eingestreuten Pianoklänge sind ein Erlebnis wären an anderen Stellen auch für künftige Depeche Mode Alben eine eindeutige Bereicherung.
Am 17. Mai erscheint im Exklusivvertrieb des 'Mute record store GB' eine Special Edition Box in einer Auflage von 1000 Stück. Damit verdient diese dann im Gegensatz zur gefühlt 200.000 mal produzierten SOTU Box von DM das Label Limitiert auch wirklich (nicht mißzuverstehen, die SOTU Box ist cool! nur halt nicht rar). Insgesamt ist einiges an Exklusivmaterial enthalten (DVD mit den Videos aus den Selected Events, eine weitere CD mit Exklusivtracks die es nur mit der Box zu kaufen gibt, ein Autogram von Alan Wilder). Grade die zusätzliche CD lässt mich wegen der tollen Remix-CD aus der Deluxe Edition die Erwartung hochschrauben.
Zum Preis: Die Box ist teuer. 99 Pfund schlagen zu buche. Davon sind 60 für die Box und 39 für den Versand per Kurier. Auf Nachfrage hat Mute mitgeteilt, dass 'Royal Mail' leider aufgrund des Gewichts der Box den versicherten Versand dieses Produkts ablehnt. Daher gibt es wohl laut deren Aussage keine Alternative die man anbieten kann. Was solls? Mir ist es das in diesem Fall wert. Aber für jemanden der sich eventuell unsicher ist ob die Musik insgesamt etwas für ihn ist, ist die Box klar zu teuer.
Mein Gesamtfazit für Recoil Fans und solche die es werden wollen, besteht in einer Kaufempfehlung für die 2-CD Version - immer vorausgesetzt natürlich, es gefällt. Ansonsten kann man ja zunächst eimal einzelne Stücke als mp3 kaufen und sich probeweise ein Bild machen.