Zuerst die gute Nachricht: Dieser Filmführer verspricht über 1000 "wichtige" Filme. Sie stehen auch drin. Es sollen laut Vorwort aber nicht unbedingt die "besten" sein, sondern solche - und seien sie "trivial"-, die bedeutend oder exemplarisch sind für den Geist einer Zeit/Epoche, oder für ihr Land oder für gesellschaftliche, politische, künstlerische oder sonstige Strömungen. Das ist ein interessanter Ansatz, aber ob er funktioniert?
Beim ersten Durchgang/Blättern war ich verblüfft, wie viele Perlen der Filmgeschichte, aber auch schlichte gute alte oder tolle gute junge Filme behandelt werden. Wie vielen Meisterwerken oder Pionierfilmen eines Genres man wiederbegegnet (als ältere Dame, die seit der Kindheit Kino liebt), aber auch wie viele interessante "noch-nie-davon-gehörte-Titel" aus dem ehemaligen "Ostblock" oder aus Lateinamerika vertreten sind. Der Bogen reicht von der Stummfilm-Tragödie über Drama, Melodram, Komödie, Krimi, Erotik, Historen-/ Polit-/Sozial-/Kolonial-/Problem-/Kriegsfilm zum Helden-Epos und Western, Anti-Western, Eastern, über Gangster, Fantasy, Grusel, Horror, Avantgarde zum Sci-fi-Spektakel - echt vielseitig und global aus (fast) aller Herren Filmkunst-Länder. Eine lohnende Sache, habe ich gedacht, wenn man sich auf das Prinzip "wichtig" für eine Zeit oder Land einlassen kann, so daß z.B. "Ein andalusischer Hund" und "Mädchen in Uniform" oder "Odyssee 2001" und "Das Wirtshaus im Spessart" oder "Zum Beispiel Balthasar" und "Zur Sache, Schätzchen" oder "Ran" und "Elling" gleichwertig im selben Buche stehen, sortiert von A nach Z. Und endlich ein Filmbuch, wo "Wenn Katelbach kommt" als bekannte Größe erscheint.
Aber jetzt die schlechte Nachricht. Schon wieder ein Filmbuch, das "1984-Big Brother" (GB 1956 u. 1984), "Get Carter" (GB 1971), "Karakter" (Belgien 1998)", die "Fantome des Hutmachers" (Chabrol), "Der Saustall-Coup de torchon)" (Tavernier) und "Yol-Der Weg" (Türkei 1982) unterschlägt. Oder: Stellen Sie sich vor, Sie kaufen einen Opernführer und stellen zu Hause fest, Parzival, Der Freischütz und Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny stehen nicht drin. Dann werden Sie sich ärgern. So ist es mir beim zweiten Durchgang gegangen. Denn Alien(s), Terminator, Blade Runner, Planet der Affen, Lawrence von Arabien, Dr. Schiwago stehen auch nicht drin. Die Dämonischen fehlt. Und nun queer-Beet: Zeugin der Anklage, Gaslicht-Das Haus der Lady Alquist, Fahrenheit 451, Rebecca, Vertigo, Der Clou, Basic Instinct, Bullitt, Dirty Harry, Tootsie, Wie ein wilder Stier, My Own Private Idaho, Erbarmungslos, Natural Born Killers, Fargo, Miller's Crossing, Heat, Collateral, stehen nicht drin. Frühling-Sommer-Herbst-Winter, Tropical Malady, Cyclo, Old Boy, Ringu, In the Mood for Love: Fehlanzeige. Frühstück bei Tiffany, Die Halbstarken, Lolita (Orig. oder Remake), stehen nicht drin. Phantom(e) der Oper, Monty Python oder James Bond gibt es nicht. Beim zweiten Blättern fällt auf, was alles n i c h t drin steht, was man aber in einem gescheiten Textbuch, das sich "Filmführer" nennt, suchen würde. Z.B. Die Dämonischen (Don Siegel 1956) als Pionierfilm für die folgende Legion von Body-Snatchern. Oder Ringu (Hideo Nakata 1998) als Kick-off einer Inflation von US-Horror-Remakes subtiler japanischer Gruselfilme. Oder Zeugin der Anklage, unbestrittenes Meisterwerk mit Charles Laughton und Marlene Dietrich. Oder Lawrence of Arabia als Krönung des gigantischen Historienschinkens. Oder "1984" nach Orwell, Erfinder von "Big Brother". Oder das unvergessliche Gespann Blake Edwards/Peter Sellers mit der Pink-Panther-Serie. Oder James Bond als unsterbliche Kultfigur. Oder Die Halbstarken, Zeitgeist-Ikone der BRD. Oder das jüngere Ostasien-Kino (seit ca. 1990), das auch anders kann als Kung-Fu und bis dato leider nur als Geheimtip aufzuspüren ist. Wenn Sie verstehen, was ich meine.
Oder: Suchen Sie eine Besprechung von Filmen der Regisseure Robert Aldrich, Alejandro Amenabar, Darren Aronofski, Claude Berri, John Boorman, John Carpenter, Alfonso Cuaron, Paul Greengrass, Adrian Lyne, Michael Mann, Lukas Moodysson, Terrence Malick, Brian DePalma, Jean Penn, Martin Ritt, Kim Ki-Duk, Bertrand Tavernier, Guillermo Del Toro, Henri Verneul, Paul Verhoeven, Raoul Walsh, Michael Winterbottom, Wong Kar-Wei, dann werden Sie keine finden! Kein Film von Kenneth Branagh, Nuri Bilge Ceylan, der Dardenne-Brüder, kein Bruno Dumont, Neil Jordan, Guy Maddin, Nikita Michalkow, Park Chan-Wook.
Suchen Sie einen Film aus Korea, irgendeinen? Dann finden Sie gar keinen! Aus einem kreativen neuen Filmland, das seit Jahren gleichermaßen mit wuchtigen Dramen oder poetisch-betörenden Erzählfilmen international Preise abräumt. Da stimmt doch etws nicht mit dem Konzept des Buches, oder?
Das sind m.E. gravierende Mängel für einen Filmführer, der "Standardwerk" sein soll. Bei aller Würdigung der Bandbreite auf den ersten Blick und der zweifelsfrei hervorragenden Qualität der einzelnen Besprechungen (profund, das wesentliche in Kürze auf den Punkt gebracht) sind eine ganze Riege beachtlicher Filme, wichtiger Regisseure und ein wichtiges Land einfach nicht vertreten. Da geht m.E. die Rechnung der Autoren im Vorwort beim Benutzer nicht auf. Deshalb nur 3 Sterne, leider, leider. Aber die vielen Auslassungen reichen bei mir nicht für mehr. Daraus spricht die Erwartung, dass in einem gescheiten Filmbuch nicht alle der o.g. Werke fehlen dürften. Wie ein Opernführer ohne Freischütz. Empfehlung für die nächste Auflage: nichts streichen, um Platz für Neues zu machen, sondern 30 bis 50 Seiten/Artikel hinzufügen.