Ich kenne Envy seit "All the footprints..." (ein wie ich finde nach wie vor großartiges Album) und habe die Entwicklung der Band seit damals mitverfolgt. Spätestens auf "Insomniac Doze" ist der Post-Hardcore endgültig einem deutlich atmosphärischer ausgelegten Stil gewichen: es ging eher in Richtung Mogwai, GYBE oder Isis und endete schließlich bei "Insomniac Doze", das für sich allein zwar interessant und alles andere als schlecht war - im Envy-Kontext für mich persönlich aber dennoch relativ schwach, da auf Albumlänge zu eintönig. Deshalb hatte ich Envy eigentlich etwas von meinem Radar verloren, bin jedoch durch eine Verkettung glücklicher Umstände über Recitation gestolpert.
Musikalisch haben Envy natürlich einen sehr eigenen, unverwechselbaren Stil. Das hat sich auch auf dem neuen Album nicht geändert. Die Gitarren erinnern mich diesmal stellenweise an Explosions In The Sky, aber im wesentlichen fühle ich mich an Envy erinnert. Das heißt: atmosphärische Gitarrenwände, weitflächige Songstrukturen und dazu das charakteristische Schreien Tetsuya Fukagawas. Doch dazu später noch mehr. Im Gegensatz zu Insomniac Doze gibt es diesmal wieder mehr Abwechslung. Zum einen innerhalb der Songs (etwa die Tempiwechsel in "Rain clouds running in a holy night"), zum anderen gibt es wieder unterschiedlichere Songs, vom entspannt-akustischen "Incomplete" (bei dem der Name durchaus Programm sein könnte, da es eher wie ein Songfragment wirkt) über Lieder wie das schon beinahe geradlinige "Peaces of the Moon I weaved" bis hin zu relativ epischen Monstern wie eben z.B. "Rainclouds...".
Langeweile kommt nur ganz selten auf, selbst unspektakuläre Passagen wie der Beginn von "Light and Solitude" haben ihre Berechtigung als kleine Inseln der Ruhe und werden glücklicherweise immer wieder durch tolle Einfälle aufgebrochen, bevor sie anfangen, störend zu wirken. Jedes Lied für sich genommen ist also ein kleines, manchmal ungeschliffenes Juwel. Im Gesamtzusammenhang jedoch ergibt sich ein nahezu perfekter Fluss des Albums, das sich zwar durch eine ganz bestimmte Grundstimmung und Atmosphäre auszeichnet, diese aber aus vielen verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet.
Diese Grundstimmung ist es dann auch, die "Recitation" letztlich zu einem beeindruckenden Hörerlebnis lassen werden. Das Album lebt von einer sich immer wieder aufbauenden und abschwellenden Präsenz und Eindringlichkeit, die in der Form selten zu hören ist. Das ganze ist kombiniert mit einer unglaublichen musikalischen Schönheit, die nur ganz selten zerrissen wird. Envy-typisch werden sämtliche Melodien an die Instrumente ausgelagert, während der Gesang noch kehliger, rauher, gutturaler als auf den vorigen Alben klingt. Kommt man das erste Mal mit Envy in Kontakt, so kann das zunächst abschreckend wirken. Trotzdem trägt diese Stimme maßgeblich zur Atmosphäre bei. Falls es so etwas wie zärtlich-gefühlvolles Schreien gibt, dann klingt das wohl so. Zudem hat der Anteil an "Spoken Word"-Passagen nochmals zugenommen, was wohl auch dem Konzept des Albums geschuldet ist. Als Gesamteindruck bleibt eine bittersüße Melancholie, die sich dem Fluss des Albums anpassend mal weniger, mal stärker durchschimmert und gleichzeitig durch und durch positiv ist. Das Album lädt also dazu ein, es einfach in einem Rutsch durchzuhören, sich von den Stimmungen treiben zu lassen und das Kopfkino anzuwerfen. Am Ende, wenn mit "Your hand" schließlich nochmal das verträumte Thema von Beginn des Albums aufgegriffen wird, schließt sich der Kreis - und ich gebe verdiente fünf Sterne.