Paul Bernheims Kindheit war sorglos. "Er war der Enkel eines Pferdehändlers, der ein kleines Vermögen erspart hatte, und der Sohn eines Bankiers, der nicht mehr zu sparen verstand, aber vom Glück begünstigt wurde." Der junge Mann beginnt ein Studium in Oxford, muss jedoch zurückkehren als unerwartet sein Vater stirbt. Der Beginn des ersten Weltkrieges bietet ihm einen Ausweg: er geht an die Front. Die Situation nach Kriegsende ist nicht einfach. Die Familie muss sich einschränken.
Ein rettendes Stellenangebot erhält Paul Bernheim schließlich von einem Mann, der ihm bzw. seinem Bruder Theodor schon einmal geholfen hat: Nicolai Brandeis, ein Exilrusse. "Lehrer, Student, Bauer, Zarist, Mörder und Verräter". Ein Mann mit einem Händchen für lohnende Geschäfte und der Fähigkeit sich schnell zu entscheiden. Mit siebenunddreißig Jahren beschließt er, dass er in fünf Jahren unabhängig sein will. Geld haben und frei sein. Seine unerschütterliche Gleichgültigkeit ist die Gewähr für seinen Erfolg. Drei von den fünf Jahren sind vorbei und er beginnt reich zu werden.
Was nicht gleichzusetzen ist mit Geiz. Als Theodor, Pauls jüngerer Bruder, in Nöten ist ob seiner politischen Gesinnung, ist Brandeis kurzfristig mit zweitausend Dollar eingesprungen. Nicht nur, weil er Pauls Hilfe benötigte, sonder auch, weil er die Arbeit der Polizei erschweren wollte. Die Lebenseinstellung des Nikolai Brandeis ist überaus pragmatisch. "Glauben Sie nicht, daß es sogenannte schädliche Ideen sind, die diese jungen Leute treiben! Angst und Durst treiben sie wie Tiere. Ideen sind Vorwände - immer Vorwände gewesen" Brandeis erkennt, dass er Theodor keinen Gefallen erweist, indem er ihm finanzielle unter die Arme greift. "Sie sind ja so unglücklich, diese Leute! Sie haben keine Freuden mehr, nur Ideale. Ach, wie traurig sind Idealisten!"
Brandeis, Paul und Theodor Bernheim, von diesen drei Männern handelt der vorliegende Roman. Sie treffen aufeinander. Für eine gewisse Zeit sind ihre unterschiedlichen Lebensentwürfe, ihre unterschiedlichen Ziele miteinander verflochten. Drei Charakterstudien.
Allerdings hat dieses Buch keinen dramatischen Schlusspunkt. "Ihren alten, langweiligen Gang geht die Welt." So schreibt der Autor auf den letzten Seiten. Spannung bietet dieser Roman nur demjenigen, der sich für menschliches Verhalten interessiert. Joseph Roth, so scheint es, ist ein Meister im Beobachten. Als zum Beispiel Paul Bernheim bei Nikolai Brandeis vorstellig wird, darf er umgehend nach wenigen Minuten Wartezeit sein Anliegen vortragen. Sein Bruder Theodor hingegen muss warten bis er vorgelassen wird. Joseph Roth inszeniert genüsslich die unterschiedlichen Szenen, bis ins Detail. Nichts wird dem Zufall überlassen, jede Geste passt zu einem stimmigen Gesamtbild.
In seiner Geschichte finden sie sich alle wieder: die Neureichen und die verarmten Familien. Die Idealisten, diejenigen, die sich nicht entscheiden können und die Glücklichen, die pragmatisch das Beste aus ihrer Situation machen, auch wenn sie Inflationsgewinner oder Piraten des Geschäftslebens genannt werden. Das Porträt der Zwischenkriegsgesellschaft. Vor allem zeigt Roth mit Nikolai Brandeis einen Menschentyp, der trotz äußerem Erfolg erkennt, wann es Zeit ist neu anzufangen. Kein Festhalten an Bestehendem, sondern die Fähigkeit aufzuhören, weiterzuziehen.
Entstanden ein Jahr vor
Hiob.