Die Kontroverse um den Fall Kachelmann - und damit auch um das Buch - kann nur bedingt nachvollzogen werden. Was ist passiert? Frau C. Dinkel hat Herrn Kachelmann einer Vergewaltigung bezichtigt. Im Lauf des - im Buch ausführlich beschrieben - Prozesses, stellt sich heraus, dass diese Vorwürfe letztlich haltlos sind. Ja, Kachelmanns Verhalten, wobei es schwierig ist eine solche Beziehung zu bewerten, mag moralisch fragwürdig gewesen sein, das räumt er ja selbst ein. Aber das rechtfertigt selbstverständlich nicht eine Falschbeschuldigung, die zu einer Haftstrafe von vielleicht 15 jahren führen kann - es sei denn man hat das groteske "Rechtsverständnis" eines H. Karasek, S.325, der dies als "Rache" für legitim hält und schleunigst mal ein paar Hundert Gefängnisse bauen sollte um alle Untreuen, männlich wie weiblich, dieses Landes unterzubringen.
Erschreckend ist der chronologisch im Buch ausführlich geschilderte Verfahrensablauf: Mehrfach hat C. Dinkel im Ermittlungsverfahren nachweislich gelogen, auch die objektiven Befunde, wie die fehlenden DNS-Spuren am Messer usw., sprechen gegen ihre Schilderung der Tatversion. Was eine solche Falschbeschuldigung bewirken kann wird in dem Buch eindringlich beschrieben. Zudem zeigt es auf, wie schnell offensichtlich von manchen (nicht allen) Staatsanwaltschaften und Gerichten ein dringender Tatverdacht bejaht wird. Bei der im Buch geschilderten Beweislage kann man nur den Kopft schütteln, wie rigoros die Staatsanwaltschaft, gefangen im Klischee Frau = immer Opfer/Mann=immer Täter, hier gegen Kachelmann vorging und wie stur, trotz nachgewiesener Lügen der einzigen Belastungszeugin C. Dinkel, man an der Anklage festhielt. Es wird einem Angst und Bange wie einseitig und "ergebnis(Kachelmann ist schuld)orientiert" hier offensichtlich ermittelt wurde. Besonders aufschlussreich und lesenswert ist hier der abgedruckte Beschluss des OLG Karlsruhe (S. 101ff.). Auch die Unsachlichkeit diverser Gutachter, deren Zirkelschlüsse (die jeder Falschbeschuldigung Tür und Tor öffnen würden) und die unrümliche Rolle der Presse (allen voran Springer und Burda) werden beeindruckend dargestellt. Die Darstellungen dürften authentisch sein, zumal die einzige einstweilige Verfügung sich gegen die volle Namensnennung von C. Dinkel richtete, i.ü. aber offensichtlich niemand das Buch juristisch "angreifen" will.
Sicher, eine absolute Gewissheit, was sich in jener Nacht zugetragen hat, gibt es nicht, wie bei so vielen "4-Augen.Delikten". Aber ein Gericht muss auf Basis aller vorliegender Ergebnisse entscheiden, und es hat, wohl eher widerwillig, entschieden. Freispruch. Und genauso wie man bei einem Schuldspruch vom "Vergewaltiger Kachelmann" geredet hätte gilt es nun, ihn - und viele andere Opfer von Falschbeschuldigungen (G. Friedrichsen vom Spiegel schreibt hier ab und an immer wieder zu, etwas zum Fall Arnold, auch die Artikel/Bücher von Sabine Rückert sind sehr empfehlenswert) - zu rehabilitieren. Allen voran z.B. die ARD.
Eine Verharmlosung von Falschbeschuldigungen, die Darstellung des ganzen als Kavaliersdelikt oder die Praxis, dem nach solch einem Freispruch nicht mehr nachzugehen, ist fatal. Denn eine Falschbeschuldigung und die damit verbundene (mittelbare) Freiheitsberaubung bedeuten nichts anderes, als das ein "Leben", die berufliche wie private Existenz, vernichtet wird, die Gesunheit oft noch dazu. Schlimmer noch: der Fall Kachelmann zeigt eindringlich, dass der blosse Verdacht für eine solche Existenzvernichtung ausreichend sein kann. Wie kann man dann aber ernsthaft der Meinung sein, Kachelmann solle es nun mal gut sein lassen und die Sache nicht weiter verfolgen ?
Nun könnte man meinen, dass in der öffentlichen Wahrnehmung und seitens der Vorverurteiler Kachelmann Wiedergutmachung erfährt und der Fokus sich auf C. Dinkel richtet, die offensichtlich die Unwahrheit sagte, um Kachelmann zu schädigen. Aber Menschen, die Grundprinzipien eines Rechtsstaates nicht verstehen, nicht verstehen wollen, oder - wie Bundesverdienstkreuzträgerin und Rechtsstaatsverächterin A. Schwarzer - nur dann anwenden wollen, wenn es ins ideologische Weltbild passt, meinen, ihn weiterhin diffamieren zu müssen. Eigentlich müsste doch ein Konsens bestehen, dass - selbstverständlich - bei Tatnachweis eine Verurteilung erfolgt, das stellen auch die Kachelmanns nicht ansatzweise in Frage, s. etwa S. 267 u. 331. Aber im umgekehrten Fall, wenn viel für eine Falschbeschuldigung spricht, auch eben dies zu einer harten Verurteilung führt. Vergewaltiger gehören genauso hinter Gitter wie Falschbeschuldiger(innen). Beides schließt sich gerade nicht gegenseitig aus, und vor allem : beides darf nicht - bewusst? - gegeneinander ausgespielt werden, wie man es leider immer wieder in der öffentlichen Diskussion erlebt. Ein Rechtsstaat bestraft beides.
Das Buch liest sich unheimlich schnell, es ist spannend und wirkt authentisch, viele juristische Dokumente sind mit abgedruckt. Kritik: Manche Flapsigkeit und manche zu starke Verallgemeinerung (nicht jedes Gericht und nicht jede Staatsanwaltschaft arbeitet so fragwürdig wie die in Mannheim) finden sich darin. Man muss dies wohl größtenteils verzeihen, denn man spürt in jeder Zeile, wie Kachelmann und auch seine Frau Miriam Kachelmann das ganze mitgenommen hat, dieses persönliche Betroffensein darf man bei der Kritik nicht ausblenden.
Es wäre für ihn nun, wie er selbst auf S. 349 sagt, bequemer und einfacher, schlichtweg jetzt die "Klappe zu halten", sich nicht mit Burda/Springer u. Co. anzulegen. Es braucht viel Mut, Kraft und Entschlossenheit, diese Sache eben jetzt nicht ruhen zu lassen, sondern das Unrecht, was H. Kachelmann (mit ziemlicher Sicherheit)) widerfahren ist, zu benennen und dagegen vorzugehen. Das verdient Respekt. Er und seine Frau Miriam Kachelmann schaffen Raum für ein Thema, was gerne totgeschwiegen wird. Das Buch ist ein Beitrag zu einer längst notwendigen Diskussion zum Thema Falschbeschuldigung und deren Folgen und dafür 4 Sterne.