Der Wert mancher Schrift liegt nicht so sehr in ihrem unmittelbaren Nutzen - darin, was sie uns für die Weltenlage oder unsere Lebenssituation zu sagen vermag - sondern, umgekehrt, gerade in der Distanz oder Fremdheit, die aus ihr spricht. Das gilt auch für Paul Lafargues wieder aufgelegte kleine Streitschrift Das Recht auf Faulheit. Deren provokative Wirkung erschöpft sich weitgehend in dem Titel, der auch heute nur wenig an Sprengkraft eingebüßt hat. Was Lafargue mitzuteilen hat, besticht indes weder durch herausragende intellektuelle Brisanz noch durch sonderliche Aktualität. Nein, der Reiz der Lektüre dieses kleinen Büchleins liegt paradoxerweise gerade darin, dass es heute so fremd, so weit weg erscheint.
Der Name Paul Lafargue wäre wohl kaum über die Archive zur Geschichte der Arbeiterbewegung hinaus bekannt geworden, hätte er nicht einen höchst berühmten Schwiegervater gehabt: Karl Marx. Lafargue wurde 1842 in Santiago de Chile geboren, kam aber bald nach Paris, wo er sich dem radikalen Flügel der Arbeiterbewegung anschloss und nach 1871 wegen seiner Beteiligung am Kommuneaufstand für elf Jahre das Land verlassen musste. Seine politische Tätigkeit brachte ihn in Kontakt mit den Sozialisten um Marx, dessen zweite Tochter Laura er heiratete. 1883 erschien seine Schrift Das Recht auf Faulheit erstmals in französischer Sprache. Die deutsche Übersetzung erschien zunächst im Feuilleton des Sozialdemokrat, 1891 publizierte Eduard Bernstein dann die "kleine Schrift meines Freundes" in Buchform. 1966 wurde sie mit einem Nachwort von Iring Fetscher neu aufgelegt und erlebte mehrere Auflagen. Wenn dieser schon damals schrieb, dass die Schrift nicht mehr so recht in die Zeit passen will, so gilt dies heute umso mehr. Daran ändert auch Bundeskanzler Schröders Ausspruch nichts: "Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft." Auch wenn die Europäische Verlagsanstalt einen Bezug herstellen wollte - es ist eine andere Debatte.
Dem Autor geht es, so der Untertitel der Originalausgabe, um eine "Widerlegung des Rechts auf Arbeit' von 1848". Dabei bewegt er sich auf schmalem Grat zwischen Satire und Pamphlet, nicht nur einmal Gefahr laufend, nach der einen oder der anderen Seite hin abzustürzen. Aber auch logisch ist seine Argumentation nicht stimmig. Sie schwankt zwischen verklärendem Romantizismus und knallharter Kapitalismuskritik. "Eine seltsame Sucht" beherrsche die Arbeiterklasse aller kapitalistischen Länder, schreibt Lafargue. Es sei dies "die Liebe zur Arbeit, die rasende, bis zur Erschöpfung der Individuen und ihrer Nachkommenschaft gehende Arbeitssucht". Das Proletariat habe sich vom Dogma der Arbeit verführen lassen, alles individuelle und soziale Elend entstamme letztlich dieser Leidenschaft für die Arbeit. Da hält es der Autor eher mit den alten Griechen, die für die Arbeit (und die Arbeitenden) nur Verachtung übrig hatten - und mit Gott, der "das erhabendste Beispiel idealer Faulheit" gegeben habe, indem er es bei sechs Tagen Arbeit bewenden ließ, um danach auf alle Ewigkeit auszuruhen.
Aber nicht nur eine romantische Sehnsucht nach einer vermeintlich heilen Arbeitswelt lässt Lafargue gegen die Arbeit polemisieren. Anders als der Titel glauben macht, geht es ihm nicht um eine Begründung eines Menschenrechts auf Faulheit. Sein Angriffsziel ist vielmehr der Kapitalismus. Dessen Ideal bestehe darin, die Bedürfnisse der arbeitenden Menschen "auf das geringste Minimum zu reduzieren, seine Genüsse und seine Leidenschaften zu ersticken und ihn zur Rolle einer Maschine zur verurteilen, aus der man ohne Rast und ohne Dank Arbeit nach Belieben herausschindet". Das unerbittliche Gesetz kapitalistischer Produktion sei die Wurzel des Übels: "Arbeitet, arbeitet, Proletarier, ... um, immer ärmer geworden, noch mehr Ursache zu haben, zu arbeiten und Elend zu sein.
" Und dieses Gesetz gelte es zu durchbrechen. Wenn die Arbeiter weniger arbeiteten, dann entwickele sich die industrielle Technik schneller. Wenn dann noch die Arbeiter in den Genuss ihrer eigenen Produkte kämen, dann strömten so viele Arbeitskräfte auf den Arbeitsmarkt, dass "man schier gezwungen sein wird, die Arbeit zu verbieten". In der kommunistischen Gesellschaft, "die wir errichten werden", höre die Erde dann auf "das Tal der Tränen" für die Arbeiter zu sein. Dann nämlich hätten "die menschlichen Leidenschaften freien Spielraum". Weitsichtig erkannte Lafargue Arbeitszeitverkürzung und Massenkonsum als die entscheidenden Hebel zur Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen. Nur: dass es dazu allein unter sozialistischer Ägide kommen könne, diesen Irrtum teilt er mit seinem Schwiegervater. Und so erinnert eine Gesellschaft, die den menschlichen Leidenschaften freien Spielraum lässt, doch sehr an den modernen Kapitalismus unserer Tage, der aus den daraus erwachsenden Bedürfnissen einen nicht unwesentlichen Teil seiner Werte schöpft. Der Kapitalismus ist offensichtlich kommunistischer als wir dachten.
Auf Lafargues Vision, dass man einst "ein ehernes Gesetz" werde schmieden müssen, "das jedermann verbietet, mehr als drei Stunden pro Tag zu arbeiten", werden wir wohl noch länger vergeblich warten. Dafür diskutieren wir heute, ob diejenigen, deren Arbeitskraft für die automatisierte Produktion nicht mehr benötigt wird, auch rechtschaffen faul sein dürften. Lafargue würde die Welt nicht mehr verstehen.
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-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.