Unter den zahlreichen Büchern von Zeitzeugen, Historikern und an den Auseinandersetzungen direkt beteiligten "Führungsfiguren", die in diesem Frühjahr, 40 Jahre nach 1968" auf dem Buchmarkt erscheinen, ragt das vorliegende von Peter Schneider in mehrfacher Hinsicht besonders positiv heraus. Geschrieben hat er es als "autobiographische Erzählung". Er stützt sich dabei auf seine damaligen Tagebuchaufzeichnungen, die er neben den sehr viel später veröffentlichten und von etlichen, unter anderen auch von Jutta Ditfurth regelrecht für ihre Interessen ausgeschlachteten Tagebüchern von Rudi Dutschke als wohl einziger systematisch verfasst und vor allen Dingen aufgehoben hat. Immer wieder druckt er Passagen aus diesem Tagebuch kursiv in seinem Buch ab und vermittelt so dem heutigen Leser auch sprachlich einen Eindruck von den damaligen Geschehnissen und wie vor allen Dingen Peter Schneider sie erlebte und teilweise mitgestaltete.
Neben der rasanten politischen Entwicklung und der sich immer mehr zuspitzenden Situation durch das Attentat auf Rudi Dutschke und vieles andere, auf das hier in der Rezension nicht eingegangen wird, beschäftigt den Autor damals eine Amour Fou, die ihn nicht weniger aufwühlte als seine revolutionären Leidenschaften.
Peter Schneiders Buch ist kein nostalgischer Rückblick, es ist die Dokumentation des inneren Streits des nunmehr 68-jährigen mit dem
68 -er von damals. Er macht dabei radikal ernst mit dem damaligen Anspruch, das Politische sei privat und das Private politisch. Bei keinem anderen Autor habe ich in diesem Frühjahr eine ernsthaftere und auch intellektuell und für ihn als Autor auch künstlerisch anspruchsvollere und selbstkritischere Darstellung der damaligen Ereignisse gelesen als bei Schneider.
Während Jutta Ditfurth nach wie vor die Revolution und die revolutionäre Gewalt verklärt, und Götz Aly vor allem sich an seinem Vorwurf abarbeitet, 1939 und 1968 seinen sozusagen geistige Geschwister gewesen, während Thomas Schmid in einem persönlichen Editorial in der Welt am Sonntag erläutert, warum er das geworden ist, was er ist, nämlich Chefredakteur im damals heftig bekämpften Springer-Konzern, erzählt Peter Schneider einfach, wie er das selbst erlebt hat. Dabei mischt sich der 68-jährige immer wieder skeptisch in die Erinnerungen des 68er, wobei er sowohl die glorifizierende als auch die radikal verdammende Ex-Post-Betrachtung wohltuend vermeidet.
Das tut dem Leser gut. Schneider erzählt von Begebenheiten, die ich in keinem der bisher auch schon 1978, 1988 und 1998 erschienenen Bücher über 1968 gelesen habe. Ich halte das Buch sowohl für die Jahrgänge ab etwa 1954, die wie der Rezensent die Nachwirkungen der 68-er Bewegung an der Universität und auch im privaten Leben erlebt haben, aber auch für die jungen Leser, die schon in einer durch 1968 mit veränderten Kultur und Gesellschaft aufgewachsen sind, für eine hervorragende Lektüre. Man muss das einfach kennen, was damals geschehen ist, sonst begreift man vieles von heute nicht.
Auf zwei Hinweise Peter Schneiders will ich hier näher eingehen, weil ich so vorher noch nie beschrieben las.
Zum einen befasst er sich immer wieder mit der Rolle Hans-Magnus Enzensbergers, und seinem Einfluss auf die "Bewegung":
"Es war Enzensbergers Pech, dass jedes, auch jedes unbedachte Wort von ihm kraft seiner enormen Autorität Folgen hatte. Man würde gern einen glitzernden Essay von Enzensberger über seine Einlassungen in der Spät- und Verfallszeit der antiautoritären Bewegung lesen, eine Abrechnung mit seinen eigenen ideologischen Verrennungen. Er fand nie etwas dabei, eine alte, inzwischen überlebte Erkenntnis durch eine neue zu ersetzen. Rückbesinnung und Selbsterforschung gehören nicht zu seinen Stärken. Sobald eine alte Überzeugung Risse zeigte, ist er, ohne sich noch einmal umzudrehen, zu neuen Ufern aufgebrochen. Im Nouvel Observateur hat Enzensberger sich kürzlich - am 26. September 2007 - als einen ,Beobachter' der revolutionären Wirren jener Jahre bezeichnet. Ich halte diese Selbsteinschätzung - mit Verlaub- für ein Understatement. Nein, ein Beobachter ist Enzensberger nicht gewesen , sondern ein mutiger, manchmal tollkühner Antizipator der revolutionären Ideen jener Zeit. Wie andere, weniger berühmte Intellektuelle hat er sich dabei verirrt und Konzepte vertreten, die nicht mehr in sein Selbstbild passen. Aber was ist eigentlich so schlimm an seinen Irrungen und Wirrungen ? Nächst den Erkenntnissen gehören eingestandene und intelligent analysierte Irrtümer zum besten, was Intellektuelle zum Fortschritt beizutragen haben."
Ja, denkt der Rezensent, das würde man sich wohl bei dem ein oder anderen wünschen. Mit Bloßstellungen öffentlicher Art, wie das Götz Aly in seinem Buch "Unser Kampf" besonders am Anfang tut, ist dieser Sache aber nicht gedient, im Gegenteil.
Zum anderen will ich hinweisen auf eine Begebenheit mit Rudi Dutschke, die Peter Schneider schildert und in der es um den Holocaust geht, den die 68-er nun überhaupt nicht auf ihrer Agenda hatten.
Tilman Fichter, der durch das Buch 'Aufstieg und Fall des Dritten Reiches' von William Shirer früh auf das Nazithema gestoßen war, erinnert sich eines denkwürdigen Gesprächs mit Rudi Dutschke. Der lesebegierige Dutschke, der damals wie Fichter im SDS-Zentrum wohnte, habe eifersüchtig auf den 1000-Seiten-Wälzer von Shirer geblickt und gefragt, was Fichter denn da lese. Fichter habe mit einer Gegenfrage geantwortet: Ob es nicht einmal an der Zeit sei, ,vom SDS aus etwas über den Judenmord zu machen', statt immer nur über Afrika und Vietnam. Nach einer Pause, nach langem Überlegen habe Dutschke geantwortet: Wenn wir das anfangen, verlieren wir unsere ganze Kraft. Eine solche Kampagne ist von unserer Generation nicht zu verkraften, aus dieser Geschichte kommen wir nicht mehr heraus. Man kann nicht gleichzeitig den Judenmord aufarbeiten und die Revolution machen. Wir müssen erst einmal etwas Positives gegen diese Vergangenheit setzen.
Vierzig Jahre später darf man -ohne gleich den von der 'political correctness' gestreckten Zeigefinger zu erheben - fragen, ob Dutschkes Einschätzung nicht ziemlich realistisch war.
Sicher: Hätten die 68er ihre Kräfte auf die Erforschung und Aufarbeitung der Naziverbrechen konzentriert, so wären die Al-Fatah-Schals, die Dieter Kunzelmann und viele Linke nach dem Sechstagekrieg trugen, wohl nicht so schick gewesen; der vom Genossen Henryk M. Broder früh bemerkte 'linke Antisemitismus' und die falsche Unschuld, mit der sich Berliner Revoluzzer als 'neue Juden' stilisierten, hätten sich nicht so leicht entfalten können; der Brandanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin im Herbst 1969, die von Ulrike Meinhof gebilligte Mordaktion gegen israelische Sportler in München 1972, die Selbstverständlichkeit , mit der sich die RAF von arabischen Terroristen und geschworenen Judenfeinden in Jordanien ausbilden und finanzieren ließ, wären wohl auch von der radikalen Linken als ungeheuerlich empfunden worden und hätten die Sympathien für die RAF von Anfang an gestoppt. All diese unverzeihlichen Verirrungen hätte es so nicht geben können. Aber auch nicht den Traum, eine neuen Gesellschaft nach neuen Regeln aufzubauen."
Die letzten Sätze dieses wegen seiner grundsätzlichen Bedeutung langen Zitats sind ganz typisch für das ganze Buch Schneiders. Ehrlich und teilweise betroffen über soviel historischen und politischen Unverstand, verteidigt er dennoch immer wieder den Versuch so vieler Menschen, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Man möchte so manchem Vertreter der neuen linken Szene" um Attac herum dieses Buch ans Herz legen; der dort um sich greifende Antisemitismus und die Verklärung der Palästinenser und ihres Terrors ist besorgniserregend.
"Es war eine schöne und schreckliche Zeit", beendet Peter Schneider sein sehr empfehlenswertes Buch. "Meinen Kindern sage ich: Es ist nötig - und wird immer wieder nötig sein und Mut erfordern-, gegen selbsternannte Herren der Welt und eine feige oder übergeschnappte Obrigkeit zu rebellieren. Aber noch mehr Mut gehört dazu, gegen die Führer in der eigenen Gruppe aufzustehen und zu sagen: 'Ihr spinnt! Ihr seid verrückt geworden!' - wenn eben dies der Fall ist."