Wer Menschen zu emotionalen Lebensthemen beruflicher oder privater Art beraten will, steht immer zu aller Erst vor der Aufgabe, die Verhaltensmuster, bzw. die "innere Landkarte" oder "das Modell der Welt" seines Gegenübers zu erfassen und zu verstehen. Sehr hilfreich ist - ergänzend zu vielen anderen Methoden - die Einbeziehung der vorliegenden Forschungsarbeit von Frank Sulloway aus folgenden Gründen: Die hohe Bedeutung unserer Primärsozialisation für die Entwicklung des (Sozial-)verhaltens ist inzwischen allgemein anerkannt. Einig ist sich die Forschungsgemeinschaft auch darin, dass die ersten Lebensjahre noch stärker prägend sind, als die späteren Jahre. Dies leuchtet ein, wenn man bedenkt, dass wir Menschen in den ersten zwei/drei Lebensjahren unsere Muttersprache und damit einhergehend die Basis unserer Körpersprache erlernen, vermittelt durch das vorgelebte Verhalten (wie Beziehungs- Liebes- oder Konfliktverhalten), vorgemachte Gestik und Mimik, die wir als einzige und richtige Wahrheit aufnehmen, so wie das Kälbchen das Kauen von Gras.
Es ist also nur eine logische Konsequenz, dass neben den Verhaltensvorbildern der Eltern auch die Geschwister in beachtlicher Weise die Entwicklung von Individuen prägen. Die Belege hierfür liefert Sulloway in seinem umfassenden Werk.
Dabei lassen sich folgende Kernthesen zusammenfassen: Erstgeborene sind selbstbewusster, verantwortungsbewusster und konservativer, Spätergeborene sind kreativer, flexibler und empathischer.
Warum das so ist? Erstgeborene erhalten in der frühesten Lebensphase konkurrenzlos die volle Aufmerksamkeit. Das stärkt das Selbstbewusstsein. Gleichzeitig müssen Sie nach deren Geburt ständig auf die Kleinen Rücksicht nehmen: Lass den Kleinen jetzt in Ruhe", oder sei leise" oder sei nicht so grob" oder pass mal auf"... Die Übernahme von Verantwortung, Werte- und Pflichterfüllung werden also bereits während der Primärsozilisation "antrainiert" und dadurch fest in der inneren Landkarte verankert.
Später Geborene müssen sich die elterliche Liebe und Aufmerksamkeit schon von der Geburt an (oder noch früher) teilen. Dies schwächt das Selbstbewusstsein. Besondere Aufmerksamkeit der Eltern bekommen Sie in erster Linie durch außergewöhnliches Verhalten, durch Kreativität und Regelbruch. Gegen die physisch und intellektuell überlegenen älteren Geschwister gewinnen Spätergeborene nur Punkte, wenn Sie ihr Einfühlungsvermögen ausbilden um dann gnadenlos die Schwächen der Großen" als Selbstverteidigungsinstrument gebrauchen. Jüngstgeborene gehen meist am Weitesten vom Elternhaus weg, Erstgeborene üben öfter den Beruf des Vaters aus.
Sulloways Thesen kann ich aus meiner bescheidenen Forschungstätigkeit im vollem Umfang bestätigen. Doch die Gefahr liegt immer in der Verallgemeinerung: Wenn beispielsweise ein älterer Cousin mit in der Familie aufwächst, wird aus dem objektiv Erstgeborenen ein gefühlter" Letztgeborener. Es gibt unendlich viele weitere Einflussfaktoren, die die Erforschbarkeit dieses Phänomens so schwierig macht. Beispielsweise bedeutsam ist mit unterschiedlicher Ausprägung von Kultur zu Kultur die Stellung des erstgeborenen Sohnes im Gegensatz zum erstgeborenen Mädchen. Es gibt also noch viel zu tun in der Erforschung der Bedeutung von Geschwisterkonstellationen. Sulloway hat mit seinem 591 Seiten umfassenden Werk (gebundene Ausgabe) eine beeindruckende, äußerst lesens- und empfehlenswerte Grundforschung geleistet.