Der Klassiker "Rebel without a cause" hat solch einen Kultstatus, dass man vergessen kann, wie gut und vor allem wirklich intensiv er ist. James Dean konnte als Darsteller viel mehr als nur das berühmte posing mit der Zigarettenhaltung (oder für "Giant" mit dem Gewehr auf dem Rücken und dem aufgeknüpften Hemd, was so übrigens im Film nie zu sehen ist). Das ist für diesen Film auch nötig, der trotz gewisser Neigungen zum Exzessiven ein letztlich doch komplexes und scheinbar paradoxes Bild eines verzweifelten Jugendlichen zeichnet.
Jemand hat diesem Film einmal eine Neigung zu Klischees vorgeworfen - die verweichlichten Eltern, der rebellische Jugendliche... . Hierin steckt aber eine doppelte Wahrheit. Zum einen gibt es solche Eltern, zum anderen hat deren Wankelmütigkeit genau die Wirkung bei Kindern und Jugendlichen, die sie bei dem von Dean gespielten Jim Stark hat. Außerdem ist die Art und Weise, in dem Regisseur Nicholas Ray und sein Team das darstellen, grandios, schon zu Beginn: Solch ein rotes Rot haben wir selten gesehen, groß in den Credits, klein in der Mütze eines Gartenzwerges, an den sich der im wahrsten Sinne des Wortes gefallene Jim klammert wie an den sprichwörtlichen letzten Strohhalm. Anschließend sehen wir Natalie Wood alias Judy in einem ähnlich exzessiven Rot, Kleidung wie Lippenstift betreffend. Es ist die Farbe des Sich-Öffnens, auch des dadurch Verwundbar-Seins, der Gefahr, der Liebe, des Blutes, des Herzblutes. Die Jugendlichen, das macht Ray (vielleicht zu) deutlich klar, schreien nach Liebe. Und nach Halt. Jim hält sich an diesem kitschigen Gartenzwerg fest - wie verzweifelt muss ein Mensch sein, dass ihm so ein Ding alles bedeutet, dass er kaum etwas Anderes zum Greifen findet? Dabei versucht er es immer wieder, und wir können fasziniert sehen, wie junge Menschen scheinbar das Gegenteil von dem sagen und tun, was sie meinen. Oftmals setzt Jim ein etwas gaga bis fies wirkendes Grinsen auf, ist aber eigentlich innerlich am Weinen statt am Lachen. Oftmals tut Jim etwas Aggressives, möchte aber einfach nur vom "Gegner" gehalten werden, statt ihn niederzuschlagen. Was wie Hass wirken könnte, ist die Suche nach Liebe.
Aber wie kann man sie bekommen, wenn alle Menschen aneinander vorbeileben und -reden? Dass dem so ist, macht Ray durchaus subtil klar, nicht nur auf der Tonspur und im direkten Dialog, sondern auch indirekt in Bildkompositionen. Gerade in der längeren Eröffnungsszene auf der Polizeiwache sehen wir immer wieder, wie sich Wege und Schicksale verschiedener Personen kreuzen, die einander aber (noch) nicht wahrnehmen, von denen wir aber um die heimliche Seelenverwandtschaft schon wissen. Judy und Jim werden jeweils durch ein längeres Gespräch mit einem gleichsam verständnis- wie kraftvollen Beamten der Jugendfürsorge eingeführt; wir kennen schon ihre parallelen Probleme (und das Rot der Gartenzwergkappe ähnelt nun einmal demjenigen von Natalie Woods Mantel und Lippenstift...). Wenn sie aber zusammen ins (klug gefüllte CinemaScope)-Bild geraten, nehmen sie einander nicht wahr. Der Dialog zwischen Jim und dem später wichtigen, schüchtern-rätselhaften Plato (Sal Mineo) wird von Ersterem immerhin versucht ("Hier, nimm meine Jacke, sie ist warm" - doch, dieser Jim hat etwas zu geben, Plato wird es leider erst am Ende annehmen können), aber kommt noch nicht zustande. Hier ist niemand "bei sich", gleichzeitig im Bild Anwesende kommen nicht zusammen, bemerken einander nicht, manche Jugendliche sind "ganz unten" (Froschperspektive der Kamera), manche Menschen betrachten die Szene "von oben herab" (leichte Vogelperspektive der Kamera). Später, als Jim völlig derangiert ist und sein Liebesschrei in eine Attacke gegen die Eltern kulminiert (die maximale Gegensätzlichkeit zwischen äußerer Handlung und innerem Bedürfnis erreichend), wird die Kamera in für 1955 sehr ungewöhnliche Schräglage kippen. Menschen verlieren geraden Boden unter den Füßen.
Und sie "treten ins Fettnäpfchen", der entwurzelte Jim, der andauernd umziehen muss, am ersten Schultag noch vor dem Betreten des Gebäudes, als er auf das im Boden eingelassene Schulwappen tritt. Die Halt gebenden Eltern scheinen so weit entfernt wie die Sterne am Firmament, in Wirklichkeit unerreichbar, nur sichtbar gemacht mit einem Fake, im Observatorium, zu dem ein Schulausflug führt und vor/in dem sich am Ende Dramatisches ereignen wird. Jim verzweifelt, weil ausschließlich ein Tisch statt endlich einmal ein Mensch es ist, der seinen frustrierten Fausthieben standhält (dass das Prügeln auf den Tisch auch ganz schön weh tun muss, ist zweitrangig). Der Polizist aus der Anfangsszene, der ihn verstanden hat und einem Angriff endlich mal Paroli geben konnte, ist zwar eine Art Ersatzvaterfigur, aber seine Rolle ist wider Erwarten dann doch recht klein, und weil er später in einem wichtigen Moment halt gerade keinen Dienst hat, ist auch er ein "abwesender Vater". Jims Eltern sind sowieso abwesend. Meisterhaft wird gezeigt, wie nicht nur Menschen aneinander vorbeigehen, in Fettnäpfchen treten etc., sondern auch aneinander vorbei leben, vor allem aneinander vorbei reden. Offensichtlich verstehen sich die Eltern von Jim untereinander nicht gut. Wenn sie sich an Jim wenden sollten, auch wenn sie direkt etwas gefragt werden, wenden sie sich immer nur zu dem jeweils anderen Ehepartner, um sich in die Wolle zu bekommen, mal notdürftig verdeckt, mal hemmungslos offen. Ray lässt hier nichts aus, auch nicht, dass die Eltern und die Großmutter gerade des "Skandals" und der "Schande" wegen Jim davon abhalten wollen, einmal das Richtige zu tun und einen tragischen Vorfall bei der Polizei zu melden (wo ja der potenzielle Ersatzvater in der Abteilung Jugendfürsorge tätig ist). Wer das klischeehaft nennt, übersieht, dass diese Eltern und die Großmutter nicht als "böse" dargestellt werden, sondern als Menschen, die schlicht Fehler machen, aus persönlichen Gründen oder wegen ihrer Sozialisation, aus der sie nicht ausbrechen können. Wenn Jims Vater einen "When I was your age"-Satz beginnt, kann Jim nur ausrasten. Man erwartet die West-Side-Story-Antwort "You never was my age", die dann auch kommt, nicht wörtlich, aber sinngemäß. Vielleicht stimmt das nicht, aber es erregt eher Mitleid mit als Feindseligkeit gegenüber den Eltern, dass sie längst vergessen haben, wie das war, als sie jung waren. Der Graben ist so tief, dass die Eltern heute kaum noch anders KÖNNEN. Und eben nicht "wissen, was sie tun". So wie der Rebell eigentlich keiner sein möchte und without a cause ist, ist auch der zunächst seltsame deutsche Bibelzitattitel ausnahmsweise einmal stimmig.
Was die unwissend gewordenen Eltern alles so tun oder nicht tun - das alles gibt es: den Kindern keinen Halt geben können, weil man nicht mit einer Stimme spricht. Das Kind für alles Mögliche verantwortlich machen, für das es nichts kann ("Deine Mutter wäre fast bei Deiner Geburt gestorben."). Das Kind als Vorwand für dies und jenes benutzen (nicht "wegen Jim" müssen die Eltern andauernd umziehen, sondern weil sie selbst nicht mit ihrem Leben zurechtkommen). Dem Kind alles an materiellen Werten zu geben und dadurch tatsächlich zu denken, ihm "alles zu geben".
Ja, kann man in einer solchen Welt nicht verrückt werden? Jim und Judy können nur mit dem vermeintlich verrückten Plato in Kontakt treten, einem Jungen, den "niemand versteht", der dem Fürsorgebeamten nicht erklären kann, warum er auf junge Hunde geschossen hat*, der -vielleicht - wirklich auf einer so schwierigen Sinnsuche ist wie der gleichnamige griechische Philosoph. Seine Eltern sind ebenfalls abwesend, seine Haushälterin und Ersatzmutter hat als Farbige keinen guten Stand in der Kleinstadt. Von den Eltern hat er nur das riesige, opulente Haus (so wie Jims Eltern alles mit Geld und Geschenken kompensieren wollen) - und die Tatsache, dass in selbigem Waffen herumliegen, was gegen Anfang und gegen Ende dramatische Bedeutung hat. Plato wird beinahe zur heimlichen Hauptfigur, er ist vielleicht noch verzweifelter auf der Suche als Jim - und in einer verlassenen Villa kommt es zu einer erst schönen, zärtlichen, dann tragischen Ambivalenz. Ein bißchen sieht Plato das etwas ältere Paar Jim und Judy als Ersatzeltern, aber dann scheinen diese beiden auf einmal auch den negativen Teil der Elternrolle zu übernehmen. Sie haben sich kurzzeitig von Plato entfernt, wirklich gar nicht lange, aber wenn man abwesende Eltern gewohnt ist, so können eben auch nach fünf Minuten des Alleingelassenseins die Alarmglocken angehen. Plato droht an diesem "sei mein Vater, aber sei nicht so WIE mein Vater" zu zerbrechen. Wird er zu den unerreichbaren Sternen des Planetariums flüchten oder die Nähe von Jim und Judy, die ihm wirklich helfen wollen, zulassen?
Rays Film mag an der einen oder anderen Stelle nicht perfekt gealtert sein. Das Bild des "weibischen" verweichlichten Vaters, der als Gipfel der Demütigung eine Frauenschürze trägt und Hausmann sein muss, ist in heutiger Zeit fragwürdig. Doch auch noch heutzutags ist bei Trennungen der Eltern (äußeren wie inneren) die Emanzipation schnellstens vorbei und es gibt eben mehr abwesende Väter als abwesende Mütter. Nehmen wir es dem Film also nicht krumm!
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