Anno 1991, als ganz Europa Melodien gegen Eurodance-Beats eintauschte, entdeckte ein neunjähriger italienischer Junge die Harmonienvielfalt des Pianos. Nun genau zwanzig Jahre später, sitzt eben dieser "Junge" an seinem Klavier auf der Riesenbühne des Düsseldorfer Eurovision Song Contests und tritt mit einem wunderbaren, gefühlvollen und jazzigen Blues-Song gegen die dicken, größtenteils fiesen Beats, wallenden Mähnen und tief ausgeschnittenen Tänzerinnen einiger Mitkonkurrenten an. Und der Song "Madness Of Love" wird - für mich überraschend ' sogar zweiter. Und das nur, weil sich die nationalistische Ost-Connection diesmal für einen beliebigen, schon tausend Mal gehörten Pop-Song aus Aserbaidschan entschieden hat. Raphael Gualazzis Musik voller Soul, Blues, Boogie und Jazz im Ragtime Klavierstil steht in der Tradition des italienischen "Canzone", erinnert aber auch an die großen Jazzer wie Dave Brubeck, Ray Charles oder Scott Joplin; und natürlich muss man an den großen Paolo Conte denken. Nur, das sein Style irgendwie nicht so fein, sondern irgendwie rotziger, und auch moderner, nujazziger und abwechslungsreicher ist. "Reality and Fantasy" ist eine Platte voller leidenschaftlicher Grooves, zeitloser Melodien irgendwo zwischen afroamerikanischer und italienischer Musikkultur.