Ja doch - dies ist ein typisches Album der zweiten Hälfte der Neunziger. Na und? Ja doch - die Stimme und der Gesangsstil lässt einen an Dolores O'Riordan denken. Aber so sehr dann auch wieder nicht. Groß' Stimme hat ein dunkleres Timbre, ist technisch weniger ausgefeilt, aber wirkt dafür natürlicher. Und musikalisch besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen "Read My Sign" und den um diese Zeit erschienenen Alben der Cranberries,
To the Faithful Departed - The Complete Sessions und
Bury The Hatchet: The Complete Sessions 1998-1999. Aber genug davon: "Read My Sign" hat nämlich eine ganze Menge zu bieten und braucht sich nicht um diese oder jene Anklänge zu kümmern! Für einen Erstling klingt es überraschend kontrolliert und ausgewogen. Man merkt, dass die Bandmitglieder keine 20 mehr sind - das ist eben das Angenehme.
"Hurry Up" ist ein ausreichend elektronischer und zugleich ausreichend stimmbetonter Opener. Auf höchstem Niveau geht es weiter mit "Read My Sign", eigentlich noch besser als "Rescue Me", wenn auch nicht ganz so emotionsgeladen prickelnd. "Rescue Me" selbst wäre aber auch nie so ein Erfolg geworden ohne diese einprägsame Gitarre. Na gut, und dann fragte sich wohl jeder, was die Frau da singt, wenn der Song wie so oft schon mal wieder durch den Rundfunk geschickt wurde. "Lädiö? Rannaiezment? Sind das Elemente einer exotischen Fremdsprache? Aber der Rest ist komplett englisch!" Ach so: "Let your amazement grow!" Mach ich. ;-)
Die beiden Instrumentaltitel sind nicht unbedingt notwendig, dennoch gelungen und zeigen, dass die Sängerin eben nicht die Band ausmacht. Schön ist außerdem der Übergang von dem plätschernden "Still Points" zu "Heyo", das ein rasches Tempo vorlegt. Die Spannung bleibt erhalten, denn es folgt das sensationelle "Imagine" - keine Worte, man muss es einfach anhören und auf sich wirken lassen! "Realize" rockt danach sehr aufgeweckt weiter. Es nimmt sich in dieser zentralen Stellung wunderbar aus. Was "Rhapsody In Blue" angeht, so kann man sich leicht schuldig fühlen, wenn man so angesprochen wird. Die Intensität bleibt erhalten! Auch dann, wenn "See Ya" kommt und vielleicht ein kleines bisschen kitschig ausfällt. Am Anfang lugt Enya (um nun doch noch einen Vergleich zu bemühen) erschrocken um die Ecke, doch die Strophen steigern sich zum Refrain, zur Bridge hin immer mehr, sodass es doch ein schöner Popsong wird. Schade, "Hear Me" kann sich hingegen wohl nicht ganz entscheiden, in welche Richtung es gehen will. Ganz im Gegensatz zu "So Right", womit sich die drei ein einziges Mal zu übergroßer Simplizität herabgelassen haben. Das gilt für Lyrics und Sound gleichermaßen. Alles hört sich nach grölendem Stadtfest an. Zum Glück ist aber nicht das der Abschluss, sondern "Destiny". Ein Titel von Sheryl Crow, der von der Stimmung auch auf deren Album
The Globe Sessions gepasst hätte. Aber im Ernst: sie wird von der Umsetzung der Berliner bestimmt nicht enttäuscht gewesen sein. Es passt sich hervorragend ins Gesamtgefüge ein und setzt trotzdem noch einen interessanten neuen Akzent.
Bei den Texten insgesamt fällt auf, dass sie keine weitschweifigen Überlegungen präsentieren, aber ihre Bedeutung trotzdem nicht in ein offenes Buch eingeschrieben ist. Es werden keine Geschichten erzählt, sondern alles konzentriert sich auf Gedanken und Gefühle. Und die bringen Bell Book & Candle wirklich glaubwürdig und nicht abgedroschen rüber!