Selten, ganz selten, eigentlich fast nie...passiert es, dass Du eine CD erwirbst, die Dich von der ersten bis zur letzten Note fasziniert. Noch seltener geschieht dies bei einem Album einer Gruppe, von der Du bis dato nur zwei Songs wirklich kennst. Ende 1996 widerfuhr mir einer dieser seltenen Glücksfälle: "Sequencer" von COVENANT verirrte sich in meine Anlage. Ich weiß nicht mehr, von wem ich sie damals ausgeliehen hatte - ich weiß nur noch, dass er seine CD nicht eher zurückbekam, ehe die Post mir meine zugestellt hatte (und das hat gedauert). Schon der Opener "Feedback" warf mich damals förmlich um: Harsche Krachkaskaden zu Beginn, der unmenschlichste, klinischste und geilste Chorsound seit KRAFTWERKs "Radio-Aktivität" - und doch münden diese Elemente nach und nach in einen klassischen Song, der von Sekunde zu Sekunde harmonischer wird; minimal zwar, aber harmonisch. Ein bemerkenswerter Punkt an diesem Album ist, dass es den drei Schweden damals scheinbar völlig wumpe war, ob ein Song vier, sechs oder gar acht Minuten lang wurde: Hatten sie den "Sequencer" erst angeworfen, ratterte er konsequent dahin und wollte trotz oder gerade wegen der oft völlig fehlenden Variationen einfach nicht langweilig werden. "Figurehead" toppt in der Album-Version die Single um Längen und ist ein Beispiel dafür, erst recht aber das Finale "Flux". Damals machten COVENANT nicht "Weiberelectro", nicht Pop, nicht Dance - sie waren kalt, maschinell, steril, unnahbar, klinisch, mächtig, präzise und dabei stilvoll. Sie machten mit "Flux" und "Feedback" da weiter, wo HUMAN LEAGUE mit "The Black Hit Of Space" oder "Empire State Human" Anfang der 80er aufgehört hatten und zu Poppern wurden. Schrille Sounds, die LFO nicht schräger hinbekommen hätten, ziehen sich durch die gesamte Platte, die so minimal und doch so ausbalanciert wirkt wie die Werke von KRAFTWERK in deren besten Tagen. Großartig ist zudem, dass COVENANT es schafften, all diese Unmenschlichkeit, die Präzision durch großartiges Songwriting eingängig zu gestalten. Die Titel fesseln durch eine sparsame, aber elegante Melodieführung und fast schon hypnotische Intensität; die harschen, einzeln vordergründig oft disharmonischen Sounds ergeben im Gesamtbild immer wieder ein stimmiges Gleichgewicht. Joakim Montelius' Gesang kommt auf "Sequencer" weitaus energetischer, emotionaler, entschlossener und direkter herüber als auf allen Nachfolgewerken - "Slowmotion" bildet hier den Höhepunkt. Auf der "Euro-E.P." sollten die Schweden mit dem an SUICIDEs "Frankie Teardrop" gemahnenden "Consumer" ein letztes Mal eine ähnliche Ausdrucksstärke erreichen, danach ging es endgültig in eine andere Richtung. Nicht, dass COVENANT mittlerweile schlecht sind: Im Vergleich zu 90 % der gängigen EBM-Pop-Bands sind sie noch immer eine Offenbarung - aber nach "Sequencer" sind sie anders geworden. Sie klingen heute angepasst, sauber und durchgestylt. Zur Zeit von "Sequencer" waren sie ein einzigartiger, ungeschliffener Rohdiamant.