Um es vorweg zu nehmen: Das Album sowie das gebotene Material spaltet. Einerseits bekommt der Käufer/Hörer einen authentischen Live-Mitschnitt (der Rezensent erlebte dies live und gibt den aufrechten Daumen) einer der innovativsten und stilbildenden Bands der späten 80er und frühen 90er Jahre mit zahlreichen "all time favorites"...
...aber wenn man die Tracklist mit dem 1993er Live-album vergleicht, wird man erschreckt große Überschneidungen feststellen und sich wundern.
Und hier liegt der Knackpunkt nicht nur dieses Albums, sondern auch der Band in den späten 90ern: Nach 1993/94 gab es von Front 242 kein neues Material - dennoch eine große Fangemeinde. Nach der 93er-Tour zu UP EVIL (veröffentlicht unter Live Code 5413356 424225) gab es daher nur Live-Auftritte, zumeist auf Festivals. Aber nach 5(!) Jahren werden auch die besten Klassiker ein wenig lau. Daher ging man für 1998 ins Tonstudio und überarbeitete das Material vehement: Weg vom industriellen, knochentrockenen EBM, mehr hin zu organischen, toxischen Klängen, die auch schon auf dem 93er-Album UP EVIL die EBM-Nation spalteten und in aktuellen Projekten wie Male or Female ihre (gelungene) Fortsetzung finden. Mit diesem Setup tourte die Band dann bis ins nächste Jahrtausend hinein weiter.
Nun denn: Re:Boot bietet Altes im neuen, erstaunlichen Gewand. M.E. ist die Operation geglückt, denn einige Stücke klingen SEHR anders, haben aber immer noch jenen besonderen, treibenden "Kern", den die 242-Stücke ausmachen. Nie zuvor kam beispielsweise "Body to Body" so brachial herüber (in dieser Form das unromantischste Liebeslieb, das ich kenne...), trockene EBM-Stücke wie First IN/First OUT bekommen vollkommen neuen Schwung und klingen wie eine Live-Mischung aus Space Invaders, Anrufbeantworter und elektronisch geregeltem Schlagbohrhammer. Cool.
Die Konzert-Atmosphäre ist außerdem sehr gut eingefangen (auch wenn das Album aus zwei Auftritten zusammengeschnitten ist) und die Tonqualität ist 1a.
Dennoch würde ich Re:Boot nicht als Einsteigeralbum in dei 242-Materie empfehlen, zu sehr entfernen sich die Stücke vom Original, das man kennen sollte, um Re:Boot zu genießen und einordnen zu können.
Etwas also für Sammler und Kenner, die außerdem nach Import-Versionen von Re:Boot Ausschau halten sollten, da diese bis zu 15 Stücke (statt der 13 der Standard-Version) aufweisen.