Buch der 1000 Bücher
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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Rayuela Himmel-und-Hölle
OT RayuelaOA 1963 DE 1980 Form Roman Epoche Moderne
Der zweite Roman von Julio Cortázar spiegelt den Werdegang des Autors im Paris der 1950er Jahre. Nach seiner Emigration dorthin begann er im täglichen Kontakt mit der in Lateinamerika von jeher von einer mythischen Aura umgebenen Stadt einen Roman zu konzipieren zunächst als Konglomerat einzelner Szenen und essayistischer Skizzen, die sich um den Exilargentinier Horacio Oliveira anordnen. Cortázar bezeichnete den Roman nach seinem Erscheinen als »Super-Exorzismus«, der ihm in einer existenziellen Krise das Überleben ermöglicht habe.
Inhalt: Der Titel Rayuela (spanisch für das Hüpfkastenspiel Himmel-und-Hölle) ist für den Roman in doppelter Hinsicht bedeutsam. Formal, weil er sich unmittelbar auf die Lektüre bezieht, die nicht linear fortschreitet, sondern vom Leser ein Vor- und Zurückspringen innerhalb der drei Teile verlangt. Der erste Teil schildert Oliveiras Leben in Paris, der zweite zeigt ihn nach der Rückkehr in seine Heimat; der dritte Teil enthält »entbehrliche« Kapitel, die beim Lesen der ersten beiden Teile zwischengeschaltet werden können.
Auf inhaltlicher Ebene kommt dem »Rayuela«-Spiel leitmotivische Funktion zu: Oliveira begegnet dem Kreidestrichgebilde mehrmals bei seinen ziellosen Gängen durch die Straßen von Paris und beginnt es als Symbol zu interpretieren: Himmel und Hölle der menschlichen Existenz sollen wie die Kästchen des Spiels auf einer Horizontalen liegen und so dem Individuum mühelos zugänglich werden. Oliveira sieht diese Möglichkeit in der traditionellen Metaphysik nicht gegeben. Er präsentiert sich dem Leser als ein an sich und der Welt zweifelnder sowie mehr und mehr verzweifelnder Intellektueller, der auf seiner Odyssee zwischen zwei Ländern die Kernfrage des modernen Argentiniens stellt: Wer bin ich?
Das Identitätsproblem der kulturell weitgehend von Europa geprägten La-Plata-Staaten wird an dem Einzelgänger Oliveira und seiner mit grimmigem Sarkasmus durchexerzierten mentalen Selbstzerstörung beispielhaft deutlich. Am Ende seines Pariser Wegs durch die intellektuelle Boheme, durch die Trübsal einer scheiternden Liebesbeziehung zur intuitiv glücklich lebenden Maga, erlebt Oliveira unter seiner Seine-Brücke für einen Moment die Vision eines glückseligen »Kibbutz des Verlangens«. Nach seiner Ausweisung und Rückkehr findet er in Argentinien keinen neuen Halt mehr: Er stürzt sich aus dem Fenster einer Irrenanstalt auf eine »Rayuela«, die Kinder auf das Pflaster gemalt haben.
Fortsetzung: Mit dem Roman 62/Modell zum Zusammensetzen (1968) versuchte Cortázar das literaturtheoretische 62. Kapitel aus Rayuela zu realisieren: Er führt den Leser in eine Welt, die ohne Logik und psychologische Motivation auskommt. Eine Handvoll Personen treten trotz räumlicher Trennung auf geheimnisvolle Weise miteinander in Verbindung und werden zu Spielbällen eines kosmischen Billards.
Wirkung: Literaturgeschichtlich kommt Cortázars Roman eine bahnbrechende Bedeutung zu: Rayuela gehört zu jenen Werken, die den so genannten Boom der lateinamerikanischen Dichtung in Europa auslösten. S. Ha.
Pressestimmen
"Himmel und Hölle! Der Stoff, aus dem Cortßzar diesen Labyrinth-Traum von einem wundersamen und herrlich gewitzten Buch knetet, ist fast bieder und einfach: Ein Boheme?Zirkelil im Paris der fünfziger Jahre, Schriftsteller, Künstler, verkrachte Genies aus verschiedener Herren Länder und deren Freundinnen; Gespräche über Kultur und Philosophie, Liebe und Jazz. Der 'Klub der Schlange' wird von dem Mate trinkenden Oliveira, einem Argentinier, und seiner Freundin 'Maga' dominiert. Sie kommt aus Uruguay; für den geistig gespaltenen, zynischen Freund ist sie so etwas wie die Unschuld des Lebens, sinnliche Identität. Aber er verliert sie. Der Klub zerfällt, Maga verschwindet und Oliveira, von der Polizei bei einem öffentlichen Sexualakt mit einer Clocharde ertappt, wird ausgewiesen. Zurück in Buenos Aires, trifft er seinen alten Freund Traveler wieder, in dessen Frau imaginiert er sich sehnsüchtig seine Maga. Zuerst im Zirkus beschäftigt, treffen wir die drei zuletzt als Bedienstete und Wärter eines privaten Irrenhauses und den immer tiefer in seine Wünsche verstrickten Oliveira schließlich als Patienten, der sich von einer Fensterbrüstung stürzt ... Es ist ein trauriger, skeptischer Roman, aber es ist zugleich, im Großen wie im Kleinen, ein fast Rabelaisscher humoristischer Roman. Wer sich Cortßzar zum Komplizen macht, wird in 'Rayuela' eine Schatzinsel finden." (Wolfram Schütte, Frankfurter Rundschau)