Wenige Künstler sind auf ihrem Weg so sehr in ständiger Metamorphose wie Madonna. So hat sie, ohne jemals den Pfad des Mainstreams zu verlassen, immer so viel Avantgarde, um ein breites Publikum anzusprechen
Auch wenn allerorts ihr starker Einfluß an den eigenen Alben gerühmt wird, so sind es doch die hinzu gezogenen Produzenten, die den Alben ihren Stempel audrücken, sei es Jellybean, Nellee Hooper oder hier William Orbit. Er verhilft der damals fast 40-jährigen auf "Ray of Light" zu einem ungeahnt frischen, progressiven und zeitgemäßen Album, ohne sich beim Zeitgeist anzubiedern, wie andere alternde Künstler es zu oft versucht haben.
Größtes Kapital sind die starken Songs. Allein die erste Single "Frozen" mit ihrer orientalisch anmutenden Melodie zeigt, das hier exzellentes Songwriting als Basis dient. Darüber schichtet Orbit sein typisches Klangfeuerwerk aus Bleeps und Blings, weite Synthyflächen mit exzessiven Filtersweeps, häufige Tempo- und Stimmungswechsel innerhalb der Songs und verzwickte Rhythmen Trotzdem ist die Tonalität der Stücke keineswegs maschinenhaft.
Schon der Opener "Substitute of love" fängt getupft poetisch an, um sich dann langsam zu einem großen Breitwandfinale aufzubauen. "Ray of light" beeindruckt mit treibendem Tempo.
Das beschwörende "Shanti" mit seinem dunklen Industrial-Beat hätte auch gut von einem Depeche Mode-Album stammen können.
Die Stimme, die auf früheren Alben wenig Tragweite hat wird hier vorteilhaft in Szene gesetzt. Durch diverse Effektfilter gedrückt bekommt Madonnas Stimme fast etwas instrumenthaftes, ohne das die Effekte wie bei Cher bis zur Karikatur übertrieben werden. Sogar ein Song wie "Ray of Light" funktioniert auf seine Weise, obwohl die Sängerin hier teilweise jenseits ihrer stimmlichen Möglichkeiten agiert. Richtig fesselnd wird sie dort, wo sie für Intimität sorgt, z.B. bei "Frozen" mit dem sanft gesummten Refrain, oder bei "Little star", wo sie von ihrer Tochter singt.
Die Produktion ist detail- und effektverliebt, gönnt den Songs aber genug Raum zum Atmen. Anders als beim unglaublich cool-relaxten Vorgänger "Bedtime stories" hat die Musik hier auch in ruhigen Passagen einen unterschwellig nervösen Herzschlag, der die Songs nach vorne treibt.
Die Texte sind seit je her zu vernachlässigen, so auch hier. Eine etwas krude Mischung aus Selbstverwirklichung, religiösen Anwandlungen sind zwar ein Schritt weg von früheren "Steh-auf-hab-Spaß" Texten, machen aus ihr aber noch keine Carole King.
So ist dieses Album einer ihrer Höhepunkte, ein perfekter Spagat zwischen Kommerz und Independent, spröde und trotzdem zugänglich, modern aber nicht modisch: so Björk war Madonna niemals zuvor oder danach. Ein Album ohne Hänger von der Queen of Pop.