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Ray. Die Autobiographie
 
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Ray. Die Autobiographie [Taschenbuch]

Ray Charles , David Ritz
4.6 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (8 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Er gilt als Erfinder der Soul-Musik, gewann bis zu seinem Tod im Juni 2004 zwölf Grammys und war einer der ersten schwarzen Musiker, die es in einem von Weißen beherrschten Geschäft zum Superstar brachte. Mit einer intimen und direkten Stimme erzählt Ray Charles in seiner packenden Autobiographie die Geschichte seines Lebens, von der Chronik seiner musikalischen Entwicklung über seine Heroinabhängigkeit bis zu seinem ausschweifenden Liebesleben.

Klappentext

»Wenn es Grammys für Bücher von Musikern gäbe, wäre Ray ein klarer Anwärter.«
L.A. Times

»Ein emotionaler Paukenschlag, der so lebendig und echt, so verschwitzt und direkt ausfällt, wie der Mann selbst.«
San Francisco Chronicle

»Direkt, unverblümt, manchmal fast entblößend, oftmals zum Schreien komisch, immer warmherzig, berührend, und zutiefst menschlich - ganz wie seine Musik.«
Chicago Sun-Times

Über den Autor

David Ritz verfasste als Co-Autor die Autobiographien von u. a. B. B. King, Smokey Robinson und Etta James. Zuletzt war er als Co-Autor bei dem Lebensbericht von Walter Yetnikoff beteiligt. Er verfasste auch die hochgelobten Biographien »Divided Soul: The Life of Marvin Gaye« und »Faith in Time: The Life of Jimmy Scott«. David Ritz lebt in Los Angeles.

Auszug aus Ray. Die Autobiographie von Ray Charles, David Ritz. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Vorwort von Ray Charles
Bevor ich beschloss, dieses Buch zu schreiben, dachte ich lange darüber nach. Ich überlegte, was für positive und negative Auswirkungen es für mich haben könnte.
Würde ich mir selbst schaden? Das war die erste Frage. Würde ich jemand anderem schaden? Hatte ich wirklich etwas zu verbergen, etwas, das ich nicht erzählen könnte, etwas, für das ich mich schämte?
Die Antwort auf diese Fragen ist Nein. Im Rückblick konnte ich nichts finden, was ich zensieren müsste. Es gab keinen Grund, nicht völlig offen zu sein. Was geschehen ist, ist geschehen. Es gibt kein Zurück. Ich muss und werde meinen Weg weitergehen. So bin ich eben. Außerdem: Mein Auftritt ist schon vorbei. Deshalb beschloss ich, alles zu erzählen, so gut und wahrhaftig ich mich erinnern kann.
Ich hatte niemals vor, ein Buch über mein Leben zu schreiben. Hatte nicht die geringste Absicht. So war ich recht nachlässig beim Aufbewahren meiner Sachen – sogar was meine eigenen Schallplatten betrifft – und ich bin unvorbereitet an diese Angelegenheit herangegangen. Keine Notizen, keine Tagebücher.
Es kommt alles aus meinem Kopf, nach monatelangen Gesprächen, bei denen ich meinen Gedanken freien Lauf ließ. Manchmal ist mein Gedächtnis scharf wie ein Messer; dann wieder lässt mich mein Kopf im Stich, und ich habe eine Mattscheibe. Ich habe mich bemüht, mich an alles zu erinnern – an das Gute und an das Schlüpfrige –, aber ich weiß, dass es mir nicht gelungen ist.
Es wurde viel über mich geredet. Einiges von dem, was die Leute sagen, ist einfach ihre Meinung, gut oder schlecht. Einige Dinge sind in hohem Maß ungenau oder irreführend. Und es gibt auch überschwängliches Lob – Leute, die mich einen Meilenstein der Musik oder eine Legende zu Lebzeiten nennen.
Das sind starke Worte, und kürzlich habe ich versucht herauszufinden, was ich darüber denke. Wie sehe ich mich? Tja, um das herauszubekommen, muss ich in mich hineinsehen.
Dazu ist es notwendig, dass ich zurückgehe. Dass ich alles in die richtige Perspektive rücke. Dass ich sehe, woher ich komme und was ich durchgemacht habe. Das erfordert Zeit und Reflexion.
Ich will im Geiste zurückgehen und alles noch einmal erleben. Und ich bin froh, dass Sie mir dabei folgen, froh, dass Sie genügend Interesse haben, mir beim Erzählen zuzuhören.


Zuhause
Bevor ich beginne, möchte ich gleich mal an dieser Stelle sagen, dass ich ein Junge vom Land bin. Mann, ich meine wirklich das platte Land! Das gleich mal vorneweg, und das ist der Kern der Sache. Das Einzige, was ich je sah – und ich meine das im wörtlichen Sinn –, war das Land.
Ich verlor mein Augenlicht erst mit sieben. Es passierte ganz allmählich. So habe ich in meinem Bewusstsein Jahre mit Bildern von Orten auf dem Land, Menschen auf dem Land, Tieren auf dem Land.
Ich wurde am 23. September 1930 in Albany, Georgia, geboren. Ein paar Monate später zogen wir in eine kleine Stadt im Norden Floridas, nur dreißig oder vierzig Meilen von der Grenze zu Georgia entfernt. Auf der Landkarte heißt sie Greenville, aber wir sprachen es immer Greensville aus, mit einem s. Das war das Zuhause. Greensville ist Plains in Georgia sehr ähnlich, wenn Sie mir den Vergleich gestatten. Das Land ist gleich, und es ist der gleiche winzige ländliche Ort.
Die Leute reden immer darüber, wie es ist, arm zu sein. Aber glauben Sie mir: Wenn ich sage, wir waren arm, dann meine ich es in Großbuchstaben. Sogar im Vergleich zu den Schwarzen in Greensville waren wir auf der untersten Stufe. Wir schauten zu jedem auf. Unter uns war nur noch der Boden.
Ich war wirklich schon ziemlich groß, als ich mein erstes Paar Schuhe bekam. Und sanitäre Anlagen im Haus waren etwas, wovon wir nur träumen konnten. Und doch kümmerte man sich um mich. Zwei Frauen liebten mich. Es erscheint merkwürdig, aber ich hatte tatsächlich zwei Mütter.
Mein Vater hieß Bailey Robinson. Um die Wahrheit zu sagen: Ich würde nicht um viel Geld wetten, ob er und meine Mutter je verheiratet waren. Meine Mutter hieß Aretha. Jeder nannte sie ’Retha.
Der Alte war kein Teil meines Lebens. Der Kerl war groß – daran erinnere mich ich. Aber er war kaum jemals da. Er transportierte Stahl oder Schwellenbolzen auf der Eisenbahnstrecke zwischen Perry in Florida und Adel in Georgia. Manchmal kam er vorbei, um Mama zu sehen, aber nicht sehr oft. Er war so groß und sie so klein, dass die Leute sie oft für Vater und Tochter hielten.
Ich erinnere mich an einen Morgen – ich muss noch ein sehr kleines Kind gewesen sein –, als er wegging und ich ihn fragte, ob er sich auf Mama legen und mit ihr spielen würde. Ich wusste, dass sie so was immer machten, wenn sie glaubten, dass ich schlief. Aber ich wusste nicht genau, was es war.
Diese klapprigen Schuppen waren so winzig, dass man eigentlich immer gleich aufeinander lag.
Auf diese Weise kam und ging Bailey. Ich lernte den Mann nicht wirklich kennen. Vielleicht, weil er bei der Eisenbahn arbeitete und immer fort war, vielleicht, weil es ihm egal war. Keine Ahnung.
Aber auf dem Land gab es zwei Arten des Verheiratetseins – nach dem Gesetz und wie es üblich war. Beziehungen zwischen Mann und Frau sind jedenfalls Dinge, die ein kleines Kind nur schwer versteht, und bis heute bin ich nicht sicher, worum es bei diesen verwickelten Sachen ging.
Ich weiß sicher, dass Baileys erste Frau – sie hieß Mary Jane – jemand war, der mich liebte, und dass sie sich um mich sorgte wie eine Mutter. Vielleicht hatte Bailey während der Ehe mit ihr ein Verhältnis mit ’Retha – und deshalb bin ich auf der Welt. Bailey hatte eine andere Frau, nachdem er sich von Mary Jane trennte. Sie hieß Stella, aber ich kenne sie eigentlich nicht.
Ja, Mary Jane mochte mich, als wäre ich ihr eigenes Kind. Sie hatte einen Sohn namens Jabbo verloren, und vielleicht wurde ich ein Ersatz. Wer weiß?
Es gibt vieles in diesem Abschnitt meines Lebens – den frühesten Jahren –, was ein Geheimnis bleibt, aber Sie dürfen nicht vergessen, dass ich zu jung war, um ernsthaft Fragen zu stellen. Und außerdem sollte ein kleines Kind keine Fragen stellen.
Trotz all dieser Verwirrung – wer liebte wen, wer lebte mit wem, wer verließ wen – weiß ich, dass zwei Frauen, Mama und Mary Jane, mich mit Liebe überhäuften und sich um mich kümmerten, solange sie lebten. Tatsache ist: Ich nannte ’Retha »Mama« und Mary Jane »Mother«.
Mama war klein – sie wog ungefähr einhundertzehn Pfund –, und sie war auch kränklich. Es war nicht so, dass sie nicht arbeiten konnte. Sie arbeitete sogar ihr ganzes Leben lang. Sie verließ die Schule nach der fünften Klasse und arbeitete auf den Tabakund Baumwollplantagen, entstielte Bohnen und enthülste Erbsenschoten.
Aber nun war ihre wichtigste Beschäftigung das Waschen und Bügeln. Andere Frauen in unserer Nachbarschaft gaben ihr etwas von der zusätzlichen Arbeit, die sie von den Weißen bekamen. Es war wie ein Subunternehmen. Sie verdiente kaum Geld dabei, aber was immer dabei rauskam, wurde für meine Kleidung und Ernährung ausgegeben.
Mama war ein einzigartiger Mensch. Sie war nicht verweichlicht, sie war wirklich streng wie der Teufel. Ich meine, Disziplin war ihr zweiter Vorname. Sie zeigte mir, dass Disziplin eine Art Liebe ist. Und das ist etwas, woran ich bis heute glaube. Mama lehrte mich alles Mögliche – wichtige Lektionen und weniger wichtige Lektionen –, die mich begleiten und die ich jeden Tag meines Lebens anwende.
Sie war eine schwache Frau, aber nur körperlich. In jeder anderen Hinsicht war sie stark. Sie trank nicht, rauchte nicht, fluchte nicht. Viele Regeln und eine Menge an praktischem, nüchternem Menschenverstand. Und obenauf in dieser Liste stand: Man bittet nicht und man stiehlt nicht.
Wir – Mama und ich – schliefen im selben Bett, bis ich elf oder zwölf war. Oder ich schlief auf dem Boden, besonders in heißen Sommernächten.
Wir wohnten an den verschiedensten Orten, als ob wir von Pontius zu Pilatus ziehen würden. Oft fanden wir uns in Schuppen von der Art wieder, die durch ein weggeworfenes Streichholz in Brand gesetzt werden können.
Aber irgendwie kamen wir durch.
Mary Jane und Mama waren zwei sehr unterschiedliche Frauen. Mary Jane hatte ein paar gute Jobs. Ihre erste Arbeitsstelle war bei Weißen, den Osbys, angeblich einer der ältesten Familien der Gegend. Und sie arbeitete auch im Sägewerk. Greensville war nämlich eine Stadt mit Sägewerk, und die Frauen arbeiteten an der Seite der Männer. Die Wahrheit ist: Die meisten Männer heutzutage würden sich vor der Art von Arbeit drücken, die Mary Jane verrichtete: riesige nasse Bretter heben und sie in die Dampfkesselheizung werfen.
Das überrascht Sie jetzt vielleicht: Aber Mary Jane und Mama kamen gut miteinander aus. Mama war viel strenger, und Mary Jane viel nachsichtiger – aber das machte überhaupt nichts. So zum Beispiel erlaubte Mary Jane nicht, dass Mama mich schlug. Und gewöhnlich stritt Mama nicht mit ihr. Vielleicht, weil sie wusste, dass mir Mary Jane immer was zusteckte – kleine Leckerbissen, was zum Anziehen.
Ich erinnere mich auch, als Bailey und Mary Jane noch beisammen waren, führten sie ein kleines Café, nicht weit vom Haus meiner Großmutter, ein Ort, wo es Süßigkeiten, Brötchen und Bier gab. Ich muss damals drei Jahre alt gewesen sein.
Mary Jane nannte mich ihren monkey doodle. Jawohl, das war ihr Kosename für mich, und sie war eine schrecklich fürsorgliche Frau. Andererseits hatte Mama die klareren Vorstellungen davon, mich auf die wirkliche Welt vorzubereiten. Sie ließ mich umherstreifen, ließ mich meine eigenen Fehler machen, ließ mich die Welt allein entdecken.
’Retha hatte zwei Söhne – meinen Bruder George und mich. George war ein Jahr jünger als ich, und er war ein äußerst bemerkenswertes Kind. Mit drei Jahren konnte er addieren, multiplizieren und dividieren. Die Nachbarn kamen vorbei, nur um ihm beim Rechnen zuzuschauen. Sie waren von ihm fasziniert.
George hatte auch ein hoch entwickeltes Talent, sich Spiele auszudenken und Spielzeug zu konstruieren. Da es für solches Zeug kein Geld gab, musste man das selber machen. Und genau das tat George, er setzte kleine Autos und andere Geräte aus Schnüren und Drähten zusammen. Das Kind war erfinderisch und in vieler Hinsicht außergewöhnlich. Ich konnte beobachten, dass Mama über George staunte, und das taten alle, die in unserer Nähe wohnten.
Wir zwei waren ungebundene kleine Geister. Wir liefen in die Wälder hinaus, warfen Kieselsteine in den Bach. Wir pflückten Brombeeren und lachten, als Mama schrie: »Raus mit euch aus den Beerensträuchern, bevor eine Klapperschlange kommt und euch den Kopf abbeißt!«
Ich kann die Landschaft vor mir sehen – die Hickorybäume, die Chinabeerensträucher, die Föhren, die Schweine und Kühe und Hühner. Ich erinnere mich an die Zeit des Sauschlachtens. Ich sehe Männer, die Schweinen ins Ohr schießen und ihnen die Kehlen durchschneiden, um das Blut rausfließen zu lassen. Und dann, kurze Zeit später, kauten wir beim Abendessen an genau diesem Tier.
Die Leute auf dem Land verwerten alles vom Schwein – Ohren, Füße, Innereien und »Äußereien«. Wir aßen alles vom Schwein, außer sein Grunzen. Knochen vom Genick, Kutteln, dazu Grünkohl, Reis, der in Zwiebelsoße schwimmt, Kohl mit dicken Schinkenstücken, süße Wassermelonen…
Mann, wir mögen arm gewesen sein, aber wir aßen gut.
Wenn wir Hühnchen aßen, dann musste es Sonntag sein, der Tag des Kirchgangs. Ja doch, Jesus, Mama glaubte an die Kirche. Unsere Kirche war die Shiloh Baptist Church, und ich mochte sie vor allem wegen des Gesangs.
Die Kirche war einfach: Der Prediger sang oder las vor, und die Gemeinde sang ihm nach. Selten mit Begleitung – erst als ich viel älter war, bekamen wir ein Klavier in der Kirche –, der Gottesdienst war schmucklos und einfach. So bekam ich meinen ersten Religionsunterricht und meinen ersten Musikunterricht.
Ich war ein neugieriges Kind, ein kleiner Schlingel, aber im Wesentlichen mit guten Manieren. Ich wurde erzogen, meiner Mama zu gehorchen. Auf dem Lande tat man das, was einem die Erwachsenen befahlen. Wenn man das nicht tat, bekam man den Hintern voll. So einfach war das!
Ich war ein glückliches Kind. Ich liebte das Land mit all seinen Farben und Geheimnissen. In der Nacht, wenn ich die Hand nicht vor Augen sehen konnte, schlich ich mit einer Schachtel Streichhölzer raus und steckte sie alle an. Meine Augen glänzten voll Verwunderung, und ich kam mir vor, als würde ich die ganze Welt erleuchten.
Am Tag starrte ich in die Sonne – wahrscheinlich mehr als mir gut tat. Und während eines Gewitters wartete ich auf den Blitz. Die meisten Kinder fürchteten sich vor dem Blitz, aber für mich war er schön. Ich versuchte, auf ihn draufzuspringen – so dumm war ich. Der weiße Streifen, der über den schwarzen Himmel schoss, erregte mich. Und dasselbe galt für den glühenden Glanz der Sonne. Wenn ich zurückdenke, wird mir klar, dass ich ein Brandstifter hätte werden können. Es war ein Wunder, die Kraft des Lichtes und der Hitze zu erleben.
Und dann gab es die Musik. Ich hörte sie schon sehr früh, genauso früh wie ich sah oder sprach oder ging. Sie war immer da – alle Formen, alle Arten, alle Rhythmen. Die Musik war der einzige Grund für mich, morgens aufzustehen.
Ich kam mit Musik in meinem Inneren zur Welt. Das ist die einzige Erklärung, die ich geben kann, da keiner meiner Verwandten singen oder ein Instrument spielen konnte. Die Musik gehörte zu meinem Körper wie die Rippen, die Leber, die Nieren, das Herz. Wie mein Blut. Sie war eine Kraft in mir, die schon da war, bevor ich die Szene betrat. Sie war eine Notwendigkeit für mich – wie Nahrung oder Wasser. Und von dem Augenblick an, als ich erfuhr, dass es Klaviertasten zum Hämmern gab, begann ich auf ihnen zu hämmern, und versuchte, meine Gefühle in Töne umzuwandeln.
Manchmal werde ich nach dem wichtigsten musikalischen Einfluss meiner Kindheit gefragt. Ich nenne immer einen bestimmten Namen: Mr. Wylie Pitman. Ich nannte ihn Mr. Pit.
Sie werden Mr. Pit natürlich in keiner Geschichte des Jazz finden, und der Mann ist nicht in der Hall of Fame des Down Beat. Aber, ihr Lieben, ihr könnt mich beim Wort nehmen: Mr. Pit konnte einen ordentlichen Boogie-Woogie auf dem Klavier spielen. Und – was am besten war – er wohnte in derselben Straße wie wir.
Red Wing Café. Ich kann dieses große rote Schild vor mir sehen, in genau diesem Augenblick. Das war Mr. Pits Geschäft. Es war ein kleiner Laden, wo er und seine Frau, Miss Georgia, ihre Waren, wie Limo, Bier, Süßigkeiten, Kuchen, Zigaretten und Petroleum verkauften. Mr. Pit vermietete auch Zimmer.
Mama und ich waren dort immer willkommen, und als wir einmal total abgebrannt waren, wohnten wir tatsächlich eine Zeitlang im Red Wing Café.
Mr. Pits Geschäft war das Zentrum der schwarzen Gemeinde von Greensville. Und wenn man ins Café ging, sah man zwei Dinge – sofort beim Eintreten! –, die mich für den Rest meines Lebens beeinflussten.
Ich spreche von einem Klavier und einer Jukebox.
Oh, dieses Klavier! Es war ein altes ramponiertes Pianino und der wunderbarste Apparat, den meine Augen je erblickten. Boogie-Woogie war damals modern, und das war der erste Stil, den ich kennen lernte. Mr. Pit gehörte zu den Besten. Er war einfach an einer musikalischen Karriere nicht interessiert. Wenn er es gewesen wäre, hätte er großen Erfolg gehabt, das weiß ich. Er wollte einfach in Greensville bleiben und ein einfaches Leben führen.
Als Mr. Pit also eines Tages zu spielen begann, watschelte ich zum Klavier und starrte ganz einfach vor mich hin. Es erstaunte und faszinierte mich, wie seine Finger dahinflogen, wie all diese Akkorde zusammenkamen, wie die Töne auf mich einströmten und in meinen Ohren klangen.
Sie glauben nun, ein älterer Typ würde durch dieses kleine herumstehende Kind abgelenkt werden. Nicht Mr. Pit. Vielleicht, weil er und Miss Georgia keine eigenen Kinder hatten. Aber aus welchen Gründen auch immer, der Mann behandelte mich wie einen Sohn. Er hob mich auf den Stuhl und setzte mich richtig auf seinen Schoß. Dann ließ er meine Finger die Tasten rauf- und runterlaufen. Das war ein schönes Gefühl, und fünfundvierzig Jahre später ist es noch immer genau so.
Ich versuchte herauszufinden, wie er es schaffte, dass all diese Töne zusammenkamen. Ich war nur ein Knirps, aber ich versuchte selbst einige kleine Boogie-Woogie-Figuren zu erfinden.
An manchen Tagen war ich draußen im Hinterhof des Hauses. Wenn ich Mr. Pit den schönen Boogie-Woogie hämmern hörte, ließ ich immer alles fallen und rannte in seinen Laden hinüber. Der Mann ließ mich jedes Mal spielen.
»So geht’s, kleiner Mann! So geht’s!«, rief er dann immer und spornte mich an, als ob ich sein Sohn oder sein Schüler gewesen wäre.
Er sah, dass ich gerne die üblichen Kinderspiele für das Klavier liegen ließ. Deshalb glaubte er, ich liebte die Musik genauso wie er. Und all das geschah, als ich erst drei Jahre alt war.
Ich konnte einfach nicht genug davon bekommen. Ich war stundenlang dort – ich saß auf seinem Schoß, schaute ihm beim Spielen zu oder spielte selber. Er war ein geduldiger und liebevoller Mann, dem es mit mir nie langweilig wurde.

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