"Marktformen und Wirkungsweisen" lautet der Untertitel, und genau so geht der Autor an die "Rauschdrogen" heran: Er liefert eine Fülle an Details zur Geschichte, Verbreitung, Soziologie, politischen und rechtlichen Konsequenzen - das ist eine Quelle, wie man sie in deutscher Sprache definitiv nirgends sonst findet.
Beispiel: Hätten Sie gewusst, dass in der DDR eine spezielle Schlafmohnsorte mit extremem Codein- statt Morphin-Gehalt gezüchtet wurde? Bitte nicht falsch verstehen: Es ist nur eins von Tausenden Detail-Infos, deren Konzentration hier wirklich schier unglaublich ist. Der Verfasser hat auch exakt gespürt, wo die Gefahr liegt (im "Verzetteln"), und darum ein Randnummern-System verwendet, das die Gliederung begleitet und die Navigation - so muss man das Lesen hier nennen - passabel macht.
Sein Ansatz ist überzeugend: Ausgehend von der gesellschaftlichen Rolle der Rauschdrogen erschließt er die Effekte der Substanzen, d.h. er charakterisiert sie quasi "ganzheitlich", sowohl somatisch-medizinisch als auch bezogen auf die Persönlichkeits- oder Gruppenstruktur, übrigens ohne die alten Stereotypen zu akzentuieren (etwa "Junkies" o.ä., wenngleich die "klassischen 'Karrieren'" natürlich ihren Platz haben).
Damit trifft er definitiv am besten die aktuellen, sehr heterogenen Verhältnisse in der User-Szene. Letztlich wird somit auch klar, warum der anfangs fast erschlagende Detailreichtum zwingend nötig ist: Weil es sonst kaum möglich wäre, die Konsummuster zu erkennen und die daraus folgenden spezifischen Risiken (bspw. "dissoziative" Drogen in Kombinationen).
Die Ausführlichkeit folgt im großen und ganzen der medizinischen und gesellschaftlichen Problematik, d.h. die besonders komplikationsträchtigen Abhängigkeiten (vgl. Heroin) nehmen den meisten Raum ein. Kritisch anmerken könnte man, dass die ebenfalls sehr verbreiteten "legalen" Varianten oder missbrauchten Stoffe (Benzodiazepine u.a.) in Relation dazu etwas kürzer kommen. Doch auch hierbei ist das Buch immer noch aussagekräftiger als z.B. Pharma-Standardwerke. Und das, obwohl diese Substanzen nicht zum Kernthema gehören - den eigentlichen Rauschdrogen.
Alles in allem eine echte Bereicherung, immer wieder gern drin gelesen. Man darf eben nie vom Äußeren auf den Inhalt schließen, diese unscheinbare Broschur hat es gewaltig in sich! Ohne überflüssige Farb-Illustrationen oder sonstigen Zierrat - einfach geballte Fakten.