...diese Vision hat der selbsternannte Seelenwanderer und Scharlatan Dr.Hermes, der Mitte des 19.Jahrhunderts mit Taschenspielertricks wohlhabenden Bürgern vorgaukelt, er könne Kontakt mit den Seelen Verstorbener aufnehmen. Hermes ahnt nicht, wie recht er mit seiner Vision haben wird.
Der Ingenieur Chester Ludlow und der Phantast Joachim Lindt haben ein Konsortium von Geldgebern aufgetan, um die alte und die neue Welt mit einem Telegrafenkabel zu verbinden. Von Schiffen aus soll das Kabel zwischen Neufundland und Irland verlegt werden. Eine Herkules-Aufgabe, deren Ausgang völlig ungewiss ist. Ludlow scheitert einmal, zweimal und lässt sich auch nicht abschrecken, das dritte Mal Angriff auf seinen Traum zu nehmen. Mit der Great Eastern, dem größten Schiff dieser Zeit will Ludlow das Unmögliche erreichen.
In John Griesemers Rausch ist diese Kabelverlegung der Rote Faden in der Geschichte. Aber Griesemer lässt uns auch teilhaben an der schwierigen, teilweise dramatischen Beziehung zwischen Ludlow und seiner Frau Franny. Er erzählt uns von Ludlows Seitensprung mit Lindts Frau und berichtet über die Affäre zwischen dem Zeichner Trace und der Prostituierten Maddy. Griesemer bindet das Zeitgeschehen, wie den amerikanischen Bürgerkrieg, in die Geschichte ein. Er entwirft ein großes, wenn auch nicht bis ins letzte Detail gehende, Bild der Menschen und Gesellschaften des 19 Jahrhunderts. Vom reichen Magnaten bis zur Dirne sind alle Charkatere besetzt. Ihre Schicksale winden sich um die Verlegung des Überseekabels.
Charles Brauer liest den Text hervorragend. Der Ex-Tatortkommissar hat alles, was ein guter Erzähler braucht. Die Ruhe, Betonung und Klarheit seiner Stimme lassen Griesemers Vorstellung des Zeitgeistes vor unserem inneren Auge entstehen. Rausch ist mit Sicherheit kein ganz großer Roman der Weltgeschichte, und wird das auch nicht werden. Aber er ist interessant, unterhaltsam und lehrreich. In einigen Passagen hat Griesemer (hoffentlich zufällig) T.C. Boyles Wassermusik adaptiert. Parallelen zur Geschichte Mungo Parks sind dabei unübersehbar. Zum Beispiel in der Beschreibung des Verhältnisses zwischen Mr. Whitehouse und Maddy oder Ludlows Beziehung zu seiner Frau. Nichtsdestotrotz ist Rausch ein eigenständiger Roman und die verkürzte Hörbuchversion sehr hörenswert. Wieder einmal ein Pluspunkt für die Geo Hörwelten.