Das Schöne an Tuamusik ist, dass er nicht angekommen ist. Er hat einen sehr, sehr eigenen Sound, aber er begrenzt sich nicht damit, indem er versucht ihn enger zu fassen und zu perfektionieren, sondern er nimmt ihn und zerhackt ihn oder dehnt ihn oder bricht ihn oder wasauchimmer, jedenfalls experimentiert er damit herum, wie er gerade lustig ist und sorgt für Spannung, Abwechslung, Facettenreichtum wie kaum ein anderer Künstler im Musikgeschäft. Facettenreichtum heißt nämlich mehr als in einer Castingshow zu stehen und nach 10 Partyhits auch mal eine Ballade zu singen.
Ich fang mal bei DEIN LÄCHELN von Tuas 2009er-Album GRAU an, auch wenn die Grundsteine für das, was er jetzt als RAUS releast hat sicher noch weiter zurückliegen. DEIN LÄCHELN war der einzige Song auf GRAU, auf dem Tua nicht gerappt, sondern von vorne bis hinten gesungen hat und ich fand es furchtbar. Der Gesang war scheußlich, der Beat war scheußlich, der Text war scheußlich, alles an diesem Ding war scheußlich. GRAU ist ein Meisterwerk, wie es bis heute seinesgleichen sucht und Ausnahmen bestätigen die Regel. DEIN LÄCHELN war diese Ausnahme. Aber es gab auch schon damals einen Punkt, den ich aller Gruseligkeit zum Trotz anerkennen musste, nämlich dass sich er dort an etwas anderes herangewagt hat und die Eier hatte einen Song aufs Album zu packen, der mit dem gängigen Image von Tua als Rapper radikal bricht. Seitdem ist viel Wodka die Kehle runtergeflossen, wir haben jetzt 2012 und in der Zwischenzeit hat Tua diesen Stil spürbar weiterentwickelt. RAUS ist nicht mehr wie DEIN LÄCHELN.
RAUS ist wesentlich ausgereifter und cleverer konstruiert. Tuasound wird kombiniert mit Dubstep. Vieles funktioniert dabei ohne Text. Ob die Texte nun besser oder schlechter sind, als das was Tua bisher so gerappt hat, mag ich nicht beurteilen. Meiner Meinung nach hat beides seine Berechtigung in seiner jeweiligen Sparte und sowohl gerappt als auch gesungen, schafft es Tua immer wieder mich abzuholen. Es hält sich da die Waage zwischen Er-spricht-aus-was-ich-denke und Faszinierend-ihm-zuzuhören. Zum Gesang auf der EP lässt sich allerdings sagen, dass ich finde, dass er richtig eingesetzt und richtig dosiert wurde. Irgendwie passt da alles und irgendwie ist Tua der erste Künstler, der es geschafft hat, dass häufige Verfremdung der Stimme (durch Talkbox, Vocoder, Autotune oder wasauchimmer) mir nicht auf die Eier geht. Da bin ich normalerweise sehr empfindlich, aber bei Tua stört mich das irgendwie gar nicht, weil das alles so passt. Ich hab das Gefühl, da ist alles an seinem Platz und es gehört tatsächlich zum Gesamtkonzept und zum Gesamtkunstwerk und es fügt sich einfach so natürlich in die Musik ein, dass ich selbst ein wenig überrascht bin.
Fazit: Es gibt schnellere Songs, es gibt langsamere Songs, es gibt einen Bonussong, es gibt eigentlich alles, was das Herz begehrt und das in einer Qualität, die der Name "Tua" verspricht und auch hält. Mir egal, ob er singt oder rappt oder nur produziert, er ist ein begnadeter und unfassbar kreativer Musiker, der uns bitte noch lange erhalten bleiben und noch viele Werke dieser Art schenken möge. Und auch wenn die EP als Ganzes exzellent ist, komme ich nicht umhin einen Song besonders hervor zu heben, nämlich VADATA. Denn der hat mir echt die Schuhe ausgezogen und ich finde, da hört man einen Tua, wie man ihn wirklich noch nie zuvor gehört hat! Ganz großes Kino für die Ohren.