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Produktinformation
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Zwar spielten Raum und Räumlichkeit in Wirklichkeit natürlich nach wie vor eine wichtige Rolle im historischen Weltendrama. Nur, dass man dies näher thematisieren und analysieren könnte, und dass Räumlichkeit ganz generell für die historische Forschung wichtige Erkenntnisse zu liefern vermag, geriet in Vergessenheit. Und je länger dieser Zustand andauerte, desto mehr fiel dieser Vergessenheit auch die Tatsache anheim, dass es schließlich auch "eine Genealogie des Raumdenkens (gibt), die älter ist und mit dem Nazismus nicht das Geringste zu tun hat". Und so ist es kein Zufall, dass Karl Schlögel mit dem Titel Im Raume lesen wir die Zeit den ebenfalls beinahe vergessenen, Ende des 19. Jahrhunderts führenden (und des Nazismus vollkommen unverdächtigen) historisch-politischen Geografen Friedrich Ratzel zitiert.
Schlögel kennzeichnet Ratzels Satz treffend als "das denkbar präziseste Motto für die in diesem Buch unternommenen Versuche und Anläufe, die geschichtliche Welt zu dechiffrieren und zu deuten". Herausgekommen ist ein überaus inspirierendes Plädoyer, die Sinne für die geschichtliche Wahrnehmung zu schärfen. "Man könnte", zeigt sich Schlögel überzeugt, ein Geschichtsstudium streckenweise auch als Schulung der Sinne und als Augentraining absolvieren -- mit Städten und Landschaften als Dokumenten. Etwas zur Anschauung bringen können ist nicht Sache von ein paar literarischen oder rhetorischen Tricks, sondern hat zunächst einmal die Anstrengung, sich eine Sache anzusehen, zur Voraussetzung. Alles bekommt dann ein anderes Aussehen und beginnt zu uns zu sprechen: Trottoire, Landschaften, Reliefs, Stadtpläne, die Grundrisse von Häusern. Was sonst nur als Hilfsmittel in Gebrauch ist -- Kursbücher, Adreß- und Telephonbücher --, gewinnt eine ganz neue Aussagekraft, sobald sie als Dokumente sui generis behandelt und befragt werden."
Was eine so verstandene Geschichtsforschung so alles zu Tage fördern kann, zeigt Schlögel nicht nur in der Sache, sondern auch literarisch überzeugend anhand einiger Dutzend kleiner Studien, Essays und in Zitaten schwelgenden Montagen und Collagen. Texte über Kartografie und Kartografen, Weltbilder und Paradieslandschaften, Strategen an Kartentischen, das Flanieren als Bewegungs- und Erkenntnisform, über Grundrisse, Interieurs, die Poesie des amerikanischen Highways und Topografien des Terrors. Eines der besten historischen Bücher des Jahres! --Andreas Vierecke -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Landkarten, Stadtpläne, Adreßbücher, Fahrpläne: alltägliche Hilfsmittel sind das, mit denen wir nur achtlos umgehen. Karl Schlögel versteht es, sie zum Sprechen zu bringen. Dann erzählen sie vom Raum, von der Zeit und von den Menschen - von der Geschichte also. Sie erwecken Details zum Leben, die der Historiker gewöhnlich übersieht: Highways und U-Bahnhöfe, das Pflaster des Trottoirs und die Passagen des Flaneurs. Und plötzlich wird klar, daß Geschichte nicht von abstrakten Strukturen handelt, sondern immer mit ganz konkreten Orten zusammenhängt, die aufgesucht und erlebt werden wollen.
Das Buch besteht aus ungefähr fünfzig kurzen Texten, wie z. B. über den 11. September, den Fall der Berliner Mauer, Marx' Analyse des Weltverkehrs, das Ghetto von Kowno usw. Zwar ist das Buch nicht frei von Widersprüchen, doch es lehrt uns, die Welt auf neue Weise zu entziffern und entschädigt durch eine dichte Beschreibung des historischen Raums.
Ein Lese- und Denkvergnügen der besonderen Art.
Zeit nun, dass dieser Begriff aus der Mottenkiste geholt wird und anschaulich dargetan wird, warum Geopolitik besser ist als Ihr Ruf. Geopolitik ist nämlich im Sinne Karl Schlögels auch die Wiederentdeckung des Raumes als politischer Begriff, die Wiederentdeckung Ostmitteleuropas, die Wiederentdeckung des Reisenden in Raum und Zeit.
Das Werk ist nicht nur für Historiker zu empfehlen, sondern für alle, die immer schon die Lebens- und Erfahrungswelt unserer osteuropäischen Nachbarn erfahren wollten: Schlögel bereiste wie kein anderer diese "weißen Flecken" und kann uns aus erster Hand berichten.
Dass wir heute von Berlin aus sechs Stunden nach Breslau fahren, wohingegen dies vor 100 Jahren in drei Stunden ging, verrät viel über die Kategorie des Raumes im Osten: Weite Flächen und unbezwingbare Größen. Ein Leben auf den Schienen, ein Leben wie ein Umsteigebahnhof. Wer nur noch den ICE kennt, der sollte zumindest in Gedanken, unter Anleitung Schlögels, den Osten bereisen. Er wird eine Welt entdecken, die verborgen und fremd, uns aber dennoch näher ist, als wir denken.
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