... keucht Junkie Ratte, zusammengeschlagen von den Drahtziehern eines Drogenrings, in deren Tarnfirma "Toutes Francaises" er sich geschlichen hat. Dabei wollte er sich in diesem Fall gar nicht am Stoff bedienen, na ja, irgendwie schon, so nebenbei - aber hauptsächlich der verdeckten Ermittlerin des LKA, Charlotte Kamann - genannt Charlie - aus der Patsche helfen, die gerade heimlich in einem Hinterzimmer, im Wettlauf mit der Zeit, Beweise gegen das Drogenkartell sammelt. Durchaus ein Interessenkonflikt für Ratte, der einerseits nach dem Stoff lechzt, andererseits für Charlie Gefühle hegt, die er selbst nicht versteht und kaum akzeptieren kann. Denn mit "Bulletten" lässt sich jemand wie er lieber nicht ein. Oder doch?
Zugegeben, nach der Lektüre der ersten beiden Romane von Mischa Bach hatte ich anfangs etwas Schwierigkeiten mit dem Einstieg in "Rattes Gift". Ja, ich fragte mich tatsächlich, ob ich hier wirklich ein Buch der Autorin von "Der Tod ist ein langer trüber Fluss" und "Stimmengewirr" in den Händen halte, denn dieser Roman führt uns in eine völlig andere Welt. Es ist die Welt der Drogenabhängigen, der Graffity-Sprüher, Punk-Bands und der verdeckten Ermittler, ein Milieu, um das ich bislang - sowohl im wirklichen Leben wie auch in der Literatur - immer einen großen Bogen gemacht habe, und ja, ich hatte zu Anfang Schwierigkeiten, mit dem Anti-Helden Ratte klarzukommen, weil er mir so gar nicht nahe stand. Umso größer war meine Verwunderung, als ich mir beim Weiterlesen eingestehen musste, dass dieser drogenabhängige Punker mir von Seite zu Seite näher kam, sympathischer wurde, und es mir zunehmend gelang, die Welt durch seine Augen zu sehen.
Den Leser dazu zu bringen, sich mit Randgruppen unserer Gesellschaft so identifizieren zu können, wie Mischa Bach das hier tut, ist in meinen Augen hohe Kunst, und so konnte ich nach anfänglichen Einstiegsschwierigkeiten das Buch nicht mehr aus der Hand legen.
Allein das Thema: LKA-Ermittlerin verliebt sich in drogenabhängigen Punker ist gewagt, sehr mutig, und ich war zunächst schon ein wenig skeptisch, ob das funktionieren würde - aber Mischa Bach hat das absolut glaubwürdig umgesetzt. Mitzuerleben wie dieses ungleiche Paar füreinander Gefühle entwickelt, ihre Zerrissenheit und Emotionen in ihrer ganzen Bandbreite nachzuempfinden, ist ein wahres Abenteuer. Wir treffen hier auf zwei Protagonisten, die unterschiedlicher kaum sein können - der verlotterte Junkie, der mit der Punkband "Rotzgeier" auf einem Schrottplatz lebt, auf der einen - die stilsichere Ermittlerin mit ihrer Vorliebe für Kaschmirpullis und Chansons von Patricia Kaas auf der anderen Seite. Auch Charlies Perspektive, der innere Konflikt zwischen Pflicht und Gefühl, wie sie entgegen ihrer eigentlichen Berufung Ratte immer wieder aus der Klemme hilft, ist absolut nachvollziehbar und macht sie für den Leser lebendig und sympathisch. Und obwohl - oder vielleicht gerade weil - es kein klassisches Happy End gibt, gar nicht geben kann, lässt der Roman den Leser tief berührt zurück.
Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber Ratte als Vertreter einer Randgruppe, zu der ich bislang keinerlei Zugang hatte, ist mir im Laufe des Buches ans Herz gewachsen. Seine Dreistigkeit, mit der er am Ende in einem fulminanten Showdown auf seine ganz eigene Art versucht Charlie zu retten, ist ganz großes Kino, gleichermaßen herzergreifend wie komisch.
Mischa Bach hat mit diesem Krimi, der ebenso auch eine ungewöhnliche Liebesgeschichte ist, einmal mehr ihre Vielseitigkeit unter Beweis gestellt. Ein Buch, das einen atemlos zurücklässt - absolut lesenswert!