"Rattenkönig" spielt Anfang 1945 im japanischen Kriegsgefangenlager Changi in Singapur. Und das wäre eigentlich für mich Grund genug gewesen, dieses Buch nicht zu lesen. Ich mag diese Geschichten, in denen es nur um Leid, Elend, Grausamkeit und Brutalität geht nicht. Nun bin ich aber ein leidenschaftlicher James-Clavell-Fan und hatte mal bei einem Bucheinkauf ohne auf die Inhalte zu achten einfach alle Bücher von Clavell gekauft. Nachdem mich "Rattenkönig" lange Zeit vom Buchregal ungelesen und daher vorwurfsvoll angeschaut hatte, las ich es dann doch. Und ich stellte fest: Es war anders als ich gedacht hatte! Es war genial!
Im Mittelpunkt steht der britische Fliegerleutnant Peter Marlowe, der sich langsam mit einem amerikanischen Korporal anfreundet, den alle nur ehrfürchtig den 'King' nennen. Der King ist der König des Schwarzmarkthandels im Lager. Er ist ein Einzelgänger, mit dem niemand etwas zu tun haben möchte, dessen Nähe aber gleichzeitig gesucht wird, um möglichst von seinen Profiten auch zu profitieren. Marlowe ist der einzige, der den King ohne Vorurteile nur als Menschen sieht. Zwischen den beiden entwickelt sich langsam eine Freundschaft. Der Hintergrund der Geschichte, der Überlebenskampf im Lager, gerät dabei nie in Vergessenheit. Der Kampf un die tägliche Nahrungsration, die völlig unzureichende medizinische Versorgung, das zermürbende Dahinschleichen der Zeit, der innere Kampf gegen die Resignation, die der Anfang von Ende wäre, die Sorge und Ungewißheit über Angehörige und die Alpträume der eigenen Erlebnisse sind immer präsent. Und doch ist es ein Buch, in dem es um das Leben geht. Das Leben, das man sich trotz aller Widrigkeiten einrichtet, mit Lachen und Kartenspiel, mit Theatervorstellungen und Fortbildungskursen, mit (verbotenem) Handel, mit Freundschaften und privaten Fehden.
Hat man einmal angefangen, so legt man das Buch so schnell nicht wieder nieder. Die Charaktere sind schlichtweg brilliant. Clavells Wortgewalt gibt ihnen wundervolle Nuancen. Ich habe auch die englischsprachige Originalausgabe gelesen, in der man oft allein anhand der Wortwahl auf die britische, amerikanische oder australische Nationalität des Sprechers schließen kann.
Ein faszinierendes Buch, bei dem man beim Lesen viel lachen und hintennach viel grübeln kann. Clavell war damals selbst in Changi. Die Geschichte ist freilich erfunden, aber bei den Rahmenbedingungen spürt man förmlich den Atem der Authentizität. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)