Wenn ein anderer als Götz Aly (z.B. irgendein Abgeordneter) unter der Überschrift „Hitlers Volksstaat" (im Buch S. 230f.) das Folgende geschrieben oder gesagt hätte, stände ihm wahrscheinlich eine Menge Ärger ins Haus: „Heute wird die Rassenideologie des Nationalsozialismus oft als pure Anleitung zu Haß und Vernichtung verstanden. Doch für Millionen Deutsche lag das Attraktive des neuen politischen Programms in dem nach innen gerichteten völkischen Gleichheitsversprechen. Für viele schien die Einebnung der Klassenunterschiede in der Staatsjugend, im Reichsarbeitsdienst, in den Großorganisationen der Partei und langsam selbst in der Wehrmacht fühlbar zu werden. Programmatisch verband die Nazibewegung die soziale mit der nationalen Homogenisierung ... . Demnach durfte ein so genannter Arier bald nach 1933 keine Beziehung mehr mit so genannten Jüdin eingehen, aber erstmals konnte ein Offizier ein Mädchen aus einer Arbeiterfamilien heiraten - vorausgesetzt: Beide Partner erwiesen sich nach erbhygienischen Kriterien als ehetauglich. ... In der Tendenz brach der Begriff Rasse den Begriff Klasse. ... Die Mehrheit der Deutschen empfand die Zeit als Epoche besonders schneller Veränderung, sozialer Umschichtung, breiter Aufwärtsmobilisierung, oft auch hoher individueller Verantwortung. .. Das dritte Reich errang seinen innenpolitischen Zuspruch als das Reich der kleinen Leute und jener deutschen Intellektuellen, die beschlossen hatten, ihren Klassendünkel aufzugeben." Aber Aly kann und darf das sagen, schreiben und drucken, und es ist gut so, daß sich mit einem größer werdenden historischen Abstand eine nüchterne Bilanz der Jahre 1933 bis 1945 abzuzeichnen beginnt. Wer das besser begründet lesen will, der sollte zum 4. Band der „Deutschen Gesellschaftsgeschichte" von Hans-Ulrich Wehler greifen.