Carl Rasmussen war Marstals großer Künstler und Marinemaler. Als Sohn eines Schneiders der Nachbarstadt wurde er schon früh von einem Mäzen entdeckt und gefördert. Ihm war es vergönnt, zuerst in Kopenhagen zur Schule zu gehen und danach mit Hilfe eines Stipendiums in die Welt der Maler und Bildhauer einzutauchen. Er verbrachte seine Tage in Paris und Rom, lernte von den Alten und Großen, ohne dabei wahrer Freude zu frönen. Bald nach seiner Rückkehr ehelichte er seine Cousine Anna Egidia, die ihm Zeit seines Lebens eine ergebene Ehefrau und Mutter seiner acht Kinder war, auch wenn sie nur als Ersatz für seine wahre Liebe diente. Doch seine größte Sehnsucht galt Grönland.
Die letzte Reise Rasmussens führt ihn zurück nach Grönland und bildet im Roman die Rahmenhandlung. In Erinnerungen und Rückblenden lässt Jensen uns Leser rasch eintauchen in die Geschichte des Malers, auch wenn er dabei von Anfang bis Ende keine Tiefen zulässt. Eher oberflächlich tümpeln wir dahin und beobachten den "Großartigen" bei seiner Selbstaufgabe, seinem Wunsch, möglichst allen gefällig zu sein und seinen ewig vergeblichen Versuchen, die wahre Seele der Menschen auf die Leinwand zu bringen.
Dass diese Geschichte in Ort und Nebendarstellern an "Wir Ertrunkenen" anbindet, ist ein großartiger Marketing-Gag, so hat er auch mich zum Kauf überredet. Ja, die Geschichte spielt in Marstal; ja, selbst Albert Madsen taucht erneut auf; dennoch wurden die Fäden hier sehr plump geknüpft und es erlaubt sogar dem unaufmerksamsten Leser sich die Protagonisten von "Wir Ertrunkenen" in Erinnerung zu rufen, denn wer erinnert sich nicht an Laurids Stiefeln und James Cooks Schrumpfkopf - hmpfffffff.
Doch selbst wenn man den Vergleich mit seinem großartigen Vorgängerroman vermeidet, lebt "Rasmussens letzte Reise" leider nicht durch geniale Charaktere oder eine spannende Handlung auf. Die wenigen Momente, die sich zu Beginn viel versprechend entwickeln wie der Charakter des Mäzen oder...:
"Wie eine Warnung zogen sich die Gletscher bis hinunter ans Meer. Hier begann das Totenreich. Überall streckte das Eis seine weißen Leichenfinger zur Küste aus, und das bisschen Vegetation, das sich behauptete, schien nichts anderes zu sein als Schimmel, der auf einem Gerippe blüht." S27
... ersticken im Keim der, für mich uninteressanten Biografie eines Malers, der selbst in Dänemark in Vergessenheit geraten ist. Allein die Ehefrau erscheint auf den letzten zehn Seiten als charakterliches Experiment des Autors - leider zu spät.
Resümee: Ein netter Historienroman, ohne wesentliche Spannungsspitzen oder Charakterlichtblicke.