Es war einer der wirtschaftlich gesehen wohl klügsten Züge des Disney-Konzerns, als dieser die CGI-Trickfilm-Schmiede Pixar für mehrere Milliarden US-Dollar einverleibte. Die weltweit erfolgreichste und bekannteste Zeichentrick-Zauberbude hat eine lange Traditionsgeschichte und war bis in die 90er Jahre im klassischen 2D-Animationsbereich konkurrenzlos stark und kassenträchtig, aber in der computeranimierten Branche tat sie sich gegenüber der etablierten Konkurrenz eher schwer. "Himmel und Huhn", "Triff die Robinsons", "Tierisch wild", "Bolt"... Eigene Kreationen, die technisch nur solide ausfielen, jedoch bezüglich Story und Witz nicht mal auf halber Augenhöhe mit modernen Klassikern von Dreamworks, Sony Pictures, Blue Sky oder eben Pixar selbst reichten, geschweige denn auf derselben Erfolgsschiene mitfahren konnten. Es fehlte das sichere Händchen auf der inneren wie auch auf der äußeren Ebene. Jetzt, wo man Pixar für alle Zeiten fest im Firmenkader hat, braucht man sich über künstlerisches Top-Niveau und volle Kinokassen wenig Sorgen machen.
Mit dem 50. studiointernen "Animationsmeisterwerk" wollte es Disney dann aber doch nochmal wissen und versuchte sich wieder im CGI-Segment, dazu noch in 3D. Ein ambitioniertes Vorhaben, um das besondere Jubiläum gebührend zu feiern. Wider erwarten ist das Ergebnis einfach große Klasse, denn mit "Rapunzel - Neu verföhnt" beweisen die Damen und Herren im Dienste des Micky Maus-Schöpfers, dass sie es (und damit hatte ich am allerwenigsten gerechnet) auch ohne Pixar drauf haben.
Man ist zurück ins Heimfach gekehrt, in dem Disney seit jeher stark war wie kein anderer: Märchen-Motive. Fabeln, Mythen und alte Erzählungen lagen dem Trickfilmriesen schon immer besser als die Behandlung moderner Stoffe. Der Film hat mit der klassischen Grimm-Geschichte nur die Titelfigur mit ihrem schier endlosen Haarkleid gemein, der Rest ist ein eigens erdachter schneller und urkomischer Abenteuerspaß mit dem Disney-typischen Neuanstrich, der junge und alte Disney-Fans gleichermaßen begeistern kann, wenn nicht gar muss. Alles, was man von Disney gewohnt ist, bekommt man auch, und noch mehr.
"Rapunzel" ist ein absoluter Hingucker, den sogar Pixar nicht besser hätte umsetzen können. Die allerliebst animierten Charaktere und die unbeschreiblich detailverliebten, farbenprächtigen Hintergründe machen genauso schier sprachlos wie alle handgezeichneten Arbeiten des Studios seit "Schneewittchen und die sieben Zwerge". Ob nun die namensgebende Prinzessin, ihr Erretter oder all jene Figuren, die sich ihnen bis zum Happy End in den Weg stellen, jeder von ihnen zeigt eine überaus ausdrucksstarke Mimik und sprüht Ladungen an Emotionen aus. Man schließt sie ins Herz, man lacht über sie oder man fürchtet ihretwegen. Der Disney-Charme der 2D-Ära hat den Sprung in die dritte Dimension ohne Blessuren überstanden. Bravo !
Sehr positiv überrascht war ich aber darüber , dass man das zuckersüß-brave Image - eine Eigenschaft, welche an Disney-Werken so stark haftet wie nichts anderes - ein wenig abgestreift hat und eine Seite von sich zeigt, die man so bisher gar nicht kannte. Der Humor ist so frech und teils anarchisch wie der von Dreamworks, Slapstik-Gags und Dialogwitz ergeben sich im steten Wechsel. Nie altbacken oder gar albern, sondern frisch, schräg und immer passend getimet, mitunter bis zur Schmerzgrenze dessen was die Lachmuskeln ertragen können, woran besonders die tierischen Sidekicks Maximus (das Pferd) und Pascale (das Chameleon) großen Anteil haben.
Bei aller Komik vergisst Disney auch nicht, Zeit für gefühlvolle Momente zu lassen, um immer noch genug Märchenhaftes in "Rapunzel" beizubehalten.
Fazit:
Könnten Sie mich in diesem Moment sehen, ich würde Ihnen mit einen Dauergrinsen begegnen. Seit langem hat mich kein Disney-Film mehr so kritiklos zurückgelassen und kurzweilig unterhalten wie das verföhnte Rapunzel-Märchen. Das Urgestein aller Zeichentrick-Studios hat mit all seiner Erfahrung, all seinen Stärken und neuer Risikobereitschaft einen der schönsten und witzigsten CGI-Animationsfilme der letzten Jahre geschaffen. Weiter so, es warten noch genug andere Kindergeschichten, denen ein ähnliches Update gut stehen würde.