"In jeden ordentlichen Haushalt gehört auch ein Bücherschrank oder ein Regal mit Büchern", liest man unter dem Stichwort "Bücher". Dem ist nichts hinzuzufügen, außer dass es geziemend wäre, wenn sich unter besagten Büchern auch das hier besprochene befände.
Ror Wolfs alter ego Raoul Tranchirer informiert in der erweiterten Neuauflage seines "Ratschlägers für alle Fälle" über so grundlegende Dinge wie "Conrads Schwitzmantel", "Morgenerbrechen", "Schluchzen und Zucken" oder "Leber", weiß Neues zu sagen z.B. über den Zusammenhang zwischen "Sprache und Behaarung", und wie es sich für eine Enzyklopädie gehört, wird das Ganze großzügig mit Querverweisen versehen und alphabetisch geordnet. Hinzu kommen über 200 ebenso wunderbar skurrile Collagen, die ein wenig an Max Ernst erinnern und den surrealen Touch des "Ratschlägers" würdig abrunden.
Ror Wolf hat sich schon länger auf die "Kleine Form" einerseits und die enzyklopädische Darstellung andrerseits eingeschossen, und hier trifft er grandios ins Schwarze. "Raoul Tranchirers vielseitiger großer Ratschläger" ist ganz im Ton der enzyklopädischen Hausbücher des 19. Jahrhunderts gehalten, aber das Wissen, das hier vermittelt wird, entwaffnet durch grandiose Nutzlosigkeit, macht den Alltag mehr oder weniger deutlich zum absurden Panoptikum, in dem "Regenbrause" und "Tod" gleichberechtigt erwähnt werden und wo der Sinn fürs Skurrile zur Höchstform aufläuft, wo immer wieder ein mörderischer Plauderton fröhliche Urständ feiert. Die Erläuterungen zu den Stichworten entsprechen dieser Vorgabe; so liest man etwa unter "Schlaflosigkeit": "Die Behandlung der Schlaflosigkeit, also das Einschläfern schlafloser Personen, findet auf einer anderen Seite statt." Diese "andere Seite" muss sich in einem anderen Buch befinden. Die herrlich absurde und wunderschön anzuschauende Ratschläger-Enzyklopädie ist ein Hingucker allererster Sahne.
Und hier noch ein dringender Rat an die "Geiz ist geil"-Fraktion: "Raoul Tranchirers vielseitiger großer Ratschläger für alle Fälle der Welt" ist in der gebundenen Hardcover-Version nicht nur ein intellektueller Genuss, sondern auch ein optischer und haptischer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Taschenbuch-Ausgabe ähnliches Vergnügen bereiten könnte. Eine dermaßen sinnfreie Enzyklopädie über "alle Fälle der Welt" sollte einem schließlich schon ein klein wenig wert sein.