Nehmen wir einmal an, sie würden ein Buch von einem Menschen lesen, dem ein Raucherbein amputiert werden musste und er würde ihnen das als gute Lösung für das Problem des Rauchens verkaufen. Oder, sie hören von einem Alkoholiker, der sich eine neue Leber leisten kann und das als gute Idee bei Alkoholismus preist. Fänden Sie das gut? Ich nicht. Ich fände das ein Dokument der Selbstverstümmelung.
Iris Paul-Feußner ist achtzehn als sie bulimisch wird. Nein, so formuliert sie es nicht, aber ja, sie war bulimisch und weil sie nicht erbrach hat das ihre Umgebung nicht gemerkt. Die meisten bulimischen Frauen würden so enden wie sie, wenn sie nicht zu der verzweifelten "Lösung" des Erbrechens greifen würden. Kurzum, sie hatte die Heißhungerattacken einer Bulimikerin. Jemand der so schwer krank ist wie sie, kann medikamentös behandelt werden. Aber das wird sie nicht. Sie gerät in die Therapeutenkaste, der sie ja dann auch selbst angehören will und da ist alles "rein psychisch" und wird als "rein psychisch" behandelt. Und zwar in, wie sie selbst sagt "hunderten" von wirkungslosen Therapiestunden.
Hunderte von wirkungslosen Therapiestunden sind der eigentliche Skandal in diesem Buch und dieser Skandal wird in einem kleinen Nebensätzchen erwähnt und dann nicht weiter ausgeführt. Hunderte von wirkungslosen Therapiestunden sorgen dafür, dass sie mit 36 Jahren und nach 18 Jahren Bulimie mit 170 !! Kg Körpergewicht noch ein halbes Jahr zu leben hat und beginnt, im Internet nach Lösungen zu recherchieren. Und da findet sie eine Erklärung, die sie aus der Therapeutenkaste befreit und wieder handlungsfähig macht. Sie leidet angeblich unter Adipositas und die Gene von Adipösen sorgen dafür, dass der Darm irgendwie nicht richtig arbeitet und daher hat man dann immer Hunger und isst zuviel. Die Gene hat sie von der Mutter und mit 18 begann also dieses Genmaterial wie sie sagt "zu ticken" und daher wird sie krank. Gegen Gene kann man bekanntlich nichts machen. Und daher legitimieren die Gene das, was dann kommt. Ohne Magenop bin ich kein normaler Mensch, wie sie selbst sagt.
Die Lösung ist ein Schlachtfest. Ich kann es nicht anders formulieren. Das Buch wäre erträglich, wenn Sie wenigstens folgendes sagen würde: Ich bin ohne eine Magenoperation nicht von meiner Bulimie losgekommen, weitere hunderte wirkkungsloser Therapiestunden konnte ich mir aus Zeitgründen nicht leisten und sterben wollte ich auch nicht. Eine Magenop ist genauso eine Lösung wie die Amputation eines Raucherbeins. Bevor man stirbt, macht man sehr viel.
Ich finde die OP völlig legitim, das ist nicht meine Kritik. Meine Kritik ist, wie sehr sie ihre Lösung idealisiert. Auftreten eine Reihe von gut gebauten Chirurgen und mit denen ist sie gut Freund und liebt deren mechanistisch-reduktionistisches Weltbild. Und die tun, was Chirurgen können. Sie schneiden. Pommi hilft den Dickies.
Mit einem operierten Magen, der entschieden verkleinert worden ist, nimmt sie 90 Kilo ab und damit ist sie immer noch übergewichtig, aber nicht mehr so viel, dass man ihr auf der Strasse hinterherstarrt und sie hat wieder eine Lebenschance. Es ist sehr verständlich, dass sie diese Veränderung genossen hat. Leider hängt ihr dann die Haut in Fetzen vom Körper und die Chirurgen tun weiterhin was sie können. Gut das der Mann Steuerberater ist, ein Arbeiterhaushalt hätte sich das wohl nicht leisten können. Wie auch immer, seitenweise wird geschildert, wie letztlich jeder Zentimeter ihres Körpers zurechtgebastelt wird, bis es sogar dem behandelnden Arzt zuviel wird und er das Skalpell aus der Hand legt.
Es ist angemessen, dass man Menschen, die einem geholfen haben, dankbar ist. Aber sie versucht das als kollektive Lösung zu verkaufen. Wäre es das. dann müsste letztlich jede bulimische Frau ein Mangenband bekommen. In Wahrheit ist es keine Lösung. Sie ist eine süchtige Frau, die sich aufrichtig bemüht hat und der die behandelnden Therapeuten nicht geholfen haben. Das ist der Skandal. Aber auch das verleugnet sie. Angeblich macht erst die Magenop möglich, dass auch therapeutisch etwas neues mit ihr passiert...Erst jetzt!!!entdeckt sie, dass sie immer nach Essen süchtig war. "Eine Dünne in der Haut einer Dicken." Die allermeisten bulimischen Frauen sind nicht dick, dick sein ist eine Folge dieser Essstörung, wenn man nicht erbricht. Erst jetzt wird ihr klar, dass sie gegen die Angst gegessen hat und gegen sonstige ungute Gefühle. Erst jetzt dämmert ihr langsam, dass sie esssüchtig war. Jetzt ist sie auf Entzug.
Aber sie bleibt eisern bei der Erklärung, die ihr das Leben gerettet hat, auch wenn sie letztlich falsch ist. Die Gene waren es. Wie sehr viele Menschen übersieht sie, dass eine genetische Disposition durch eine bestimmte Umgebungserfahrung überhaupt erst aktiviert werden. Eine brilliante Auseinandersetzung mit diesem Thema hat der international bekannte Biologe Bruce Lipton geliefert.
Wäre es so einfach, dann müsste man etwa 60% der Bevölkerung ein Mangenband legen. Man könnte z.B. schon bei Kindern einen Gentest machen und dann gleich routinemäßig den Mangen verkleinern...
Dies ist eine Frau, der ihre "Kollegen" nicht helfen konnten und dann Diagnostik benutzt haben, um ihr dafür die Schuld zuzuschieben. Sie übt durchaus ein bisschen Kritik daran, wie man mit ihr als Adipöse umgegangen ist, aber den Kern des Problems verschweigt sie: Sie wurde achtzehn Jahre lang falsch therapiert, bis es zu spät war. Das - so ihr Weltbild - war aber gar nicht falsch, denn gegen ihre bösen Gene konnten die Therapeuten auch nichts ausrichten.
Ja, jeder hat ein Recht darauf, dass man ihm hilft, nicht zu sterben. Nein, das ist keine Lösung. Vergleichen wir es einmal mit Jo Gabriel, der auch 100 Kilo abgenommen hat, aber in zwei Jahren und der diese Lösung fand, nachdem er einen entscheidenden Bewusstseinswandel gemacht hat. Gabriel erkannte, dass er fett war, weil sein Körper das als sicher empfand und hat sich diesen Ängsten gestellt. Er hat auch keinem Therapeuten mehr sein Schicksal überlassen, sondern Studien gelesen und schließlich eine funktionierende Methode entwickelt. Ich glaube nicht, dass diese Methode allein selgimachend ist. Es gibt auch Menschen, denen Gabriel nicht helfen konnte. Aber Gabriel kam ohne Op und ohne Bodyplastik aus und auch der muss böse Gene gehabt haben.
Das Buch schildert keine Lösung. Wir erfahren nicht viel von der Beziehung zur Mutter, nur dass die anscheinend esssüchtig war, woran die Gene schuld waren und da hat sie es her...
Die Autorin behauptet mehrfach, es hätte keine andere Lösung für die bösen Gene gegeben. Das ist ein banales und reduktionistisches Weltbild. Sie hat sich jetzt auch noch eine Methode schützen lassen, eine "tantrische" Methode. Machen wir mal einen kurzen Ausflug in die Biochemie: Esssucht wie die ihre, beruht auf einem Serotoninmangel, von dem man in den 90er Jahren noch nichts wusste und es gab damals noch keine Serotoninwiederaufnahmehemmer. Sexualität verbessert die Serotoninausschüttung im Gehirn, genau wie genügend Sonne und endgültig heilen tut sie auf einer wunderbaren sonnigen Insel....mit viel Sex. Ohne Zweifel ist das gesünder als ständig zu essen.
Zusammengefasst: Man hätte sie medikamentös behandeln müssen, wenn man sie therapeutisch nicht erreicht. Auch in den 90er Jahren gab es angstlösende Medikamente, aber dafür hätte man ihr Problem erstmal korrekt erkennen müssen. Der erste Skandal sind die hunderten wirkungslosen Therapiestunden. Der zweite Skandal ist die nicht eingestandene Verzweiflung darüber, dass man sie mit einer falschen Therapie bald umgebracht hätte. Der dritte Skandal ist die Begeisterung über das chirurgische Schlachtfest. Und der vierte Skandal ist das Erklärungsmuster mit den bösen Genen, die das Mangeband als einzige Lösung definieren.
Finger weg von diesem Buch.