Dieser kleine Roman hat eine weitgehend dialogische Struktur, indem ein Philosoph und der Neffe des berühmten Komponisten Rameau sich über Fragen des richtigen Lebens und der Moral streiten. Dieser Neffe ist ein in Paris stadtbekannter Schmarotzer, der sich bei irgendwelchen Gönnern jeweils satt isst, weil er als witziges Schandmaul eingeladen wird. Gerade hat er zu viel des Guten getan und liegt wieder auf der Straße, als er mit dem Philosophen ins Gespräch kommt, hinter dem wir wohl weitgehend den Aufklärer Diderot vermuten dürfen.
Dieser Philosoph bleibt dem Neffen gegenüber ironisch-höflich, nur manchmal, wenn die Dinge philosophisch geklärt werden müssen, benennt er die Gemeinheit und Verkommenheit des Neffen unverblümt. Man beschimpft sich also keineswegs gegenseitig, sondern es geht Diderot offensichtlich darum, einerseits die Verkommenheit des Neffen, die gleichzeitig die typische Moral jener Gesellschaft vor der französischen Revolution widerspiegelt, zu demonstrieren, andererseits zu studieren, was sie so mächtig macht im Vergleich zu seiner Philosophie der "Tugend" und der Aufklärung. Rameaus Neffe tritt schamlos für seinen Opportunismus ein, er verabscheut die Mittelmäßigkeit und erklärt sich als Zyniker vorbehaltlos für ein gutes Leben in Wohlstand, für die Macht, wozu ihm alle Mittel der Täuschung, des Betrugs recht sind. Er glaubt, dass der Mensch ohnehin von seiner Vererbung her vorbestimmt ist, wie Jacques der Fatalist im gleichnamigen anderen Roman Diderots ist er also Fatalist. Unverkennbar ist der Neffe farbiger, lebensvoller, gewichtiger als der Philosoph geschildert, der zwar immer seine ironische Überlegenheit wahrt, aber dennoch von diesem Mephisto fasziniert ist. Der Philosoph wirkt im Vergleich zu dem genusssüchtigen Parasiten ziemlich blass, passiv und wirkungslos.
Einschränkend: Es ist etwas unrealistisch, dass sich ein solch korrupter Mensch mit der gleichen begrifflichen Schärfe und Ausdauer über seine Mentalität äußert und sich dem Philosophen stellt, er bleibt also zu sehr ein synthetisches Zerrbild. Ebenso ist es so, dass dieser Konflikt heute nicht mehr so brisant ist wie zu der Zeit der Aufklärung, als man gerade anfing an den eigenen Idealen zu zweifeln und die Übermacht der Realität anzuerkennen. Dazu kommt, dass einige Ausführungen eher nur noch von historischem Interesse sind, etwa die über Musik und Sprache. Nichtsdestoweniger verfolgt man als heutiger Leser die Auseinandersetzung überwiegend teils mit Amusement, teils mit Anteilnahme, indem man die Argumente beider Dialogpartner kritisch prüft und mit den heutigen Verhältnissen vergleicht.