Stereoplay
Dem Kollegen André Campra kam 1733 Rameaus erster Beitrag zum Musiktheater wie ein Stück vor, aus dem man zehn Opern machen könne. Un Kollege Christoph Willibald Gluck meinte später, Rameaus Partitur stinke geradezu vor Musik. Der Geruch hat sich dann aber allzu lange verflüchtigt, es brauchte bis 1965, ehe Anthony Lewis die erste Schallplattenaufnahme des Werks herausbrachte. Die war zwar ohne den Prolog eingespielt, hatte aber ihre Qualitäten. Vor allem in Janet Bakers Phädra, die ihren Stiefsohn Hippolytos liebt und bei einer zweideutigen Szene von dem gerade glücklich dem Hades entronnenen Ehemann Theseus überrascht wird. So findet Theseus die Hölle, wie vom antonal (!) singenden Trio der Parzen verkündet, zu Hause. Jeans-Claude Malgoire hatte 1978 in seiner historisierenden Einspielung das Kunststück fertiggebracht, einen seiner sinnlosen Striche in diesem Trio anzubringen. Keine Rede von solcher Willkür bei Marc Minkowski. Er bietet die leicht erweiterte Urfassung - und zwar in so schnellen, nur diesmal bewältigten, Tempi wie Malgoire und mit einem stimmlichen Profil wie Lewis. Mehr noch: Seine Originalklangkollektive entfalten den ganzen inneren Spannungsgehalt dieser Musik zwischen pastoraler Idylle und Weltuntergangstimmung. Jean-Paul Fouchécourt und Véronique Gens sind stilistisch überzeugend das am Ende glücklich vereinte Liebespaar, Russell Smythe als Theseus und Laurent Naouri in drei Götterrollen fehlt es ein wenig an Tiefbaß. Dafür hat Bernarda Fink als Phädra jene - auch in kleinsten Auschmückungen vorhandene - Souveränität, die den unvergleichlichen Geruch dieser Musik auf uns kommen läßt. Sie stinkt nach Qualität.
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