Der britische Komponist Ralph Vaughan Williams ist heute fast in Vergessenheit geraten. Dabei schrieb er einige herausragende Orchesterwerke und Kammermusiken, formte nachhaltig die britische Volksmusik durch seine Verarbeitung zahlreicher folkloristischer Elemente und war einer der bedeutendsten und originellsten Komponisten und Dirigenten des 20. Jahrhunderts überhaupt. Der Stil des britischen Meisters ist geprägt von einer Melange aus Spätromantik, gemäßigter Moderne und impressionistischen Elementen.
Mit seinen neun Sinfonien leistete er einen beträchtlichen Beitrag zur Erneuerung dieser Gattung und zur Herausbildung einer original britischen Sinfonik, denn sogar Edward Elgar wartete ab, bis Vaughan Williams seine erste Sinfonie veröffentlicht hatte, bis er selbst einen Beitrag einbrachte. In einer Zeit voller Kriege und internationaler Konflikte versuchte man immer wieder, seine Sinfonien als ein Echo auf diese Ereignisse zu sehen, worüber Vaughan Williams sich aber oft ärgerte und echauffiert fragte, ob man keine Musik um ihrer selbst willen komponieren könne. Fakt ist aber, dass er zumindest in einigen seiner Kompositionen die Zeitgeschichte reflektierte.
Wie bereits erwähnt beschäftigte sich Vaughan Williams zeitlebens mit britischen Volksliedern. Einige dieser Lieder über die Seefahrt und das Meer verarbeitete er zu seiner ersten Sinfonie, A Sea Symphony", einer Sinfoniekantate. Dieses enorme, bombastische Werk ist gleich eine seiner besten Kompositionen überhaupt. Der majestätische erste Teil befasst sich mit einem Loblied auf die Meere und Schiffe. Der langsame zweite Teil erzeugt eine berückende Szenerie nachts am Strand. Im Scherzo geht es um die Wellen und das grandiose Finale nimmt sich die Erforschung der Welt zum Thema. Der wunderbar zur Schau gestellte Forschungsdrang und die unentwegte Leidenschaft machen diese Sinfonie unvergesslich. Der Hörer erlebt hier ein erstes von so vielen niente endings, wie Michael Kennedy, der Verfasser des großartigen einführenden Aufsatzes, zu sagen pflegt.
Als zweite Sinfonie schaffte er eine Hommage an sein geliebtes London, A London Symphony". Das nostalgische Läuten des Big Ben und das nächtliche Schwelgen des zweiten Satzes und der Nocturne können aber nicht über die stille Kritik dieses Werkes hinwegtäuschen, wenn der Komponist im Furor des ersten Satzes und des marschartigen Finals gewiss auch einige Schattenseiten der Metropole darlegt.
A Pastoral Symphony" reflektiert als einzige Sinfonie Vaughan Williams' willentlich das Geschehen des Ersten Weltkrieges. Über der impressionistischen - Vaughan Williams war einige Zeit Schüler des französischen Meisters Maurice Ravel - Naturbildern schwebt der Atem des Krieges. Das Donnern der Zerstörung legt sich über den süßen, wortlosen Sopran, den der britische Tonsetzer zusätzlich einsetzt.
Die vierte Sinfonie in f moll ist die wuchtigste und brachialste. Der schnörkellose Kopfsatz wirkt teilweise lärmend. Die feine Linienführung geht häufig im aufbrausenden Akzent dieses Werkes unter. Allein das fugierte Finale erschließt sich dem Hörer sogleich.
In seiner fünften Sinfonie in D Dur findet der Komponist zu gemäßigteren, lieblicheren Momenten zurück. Das zarte Preludio mündet in ein wildes Scherzo. Die Romanze ist das Highlight dieses Werkes. Durch den gezielten Einsatz der Holzbläser unterstreicht Vaughan Williams den idyllischen, ländlichen Tonfall. Das mäßig langsame Finale kommt ohne feurigen Höhepunkt aus.
Seine sechste Sinfonie steht im pathetischen e moll. Das bezaubernde Moderato des zweiten Satzes ist das Herz des Stückes. Wieder gibt es ein niente ending in Form eines Epilogs.
Einer der Gipfelpunkte der Sinfonik des 20. Jahrhunderts ist sicherlich Vaughan Williams' siebte Sinfonie, die Sinfonia Antarctica". In bezaubernden Bildern beschreibt der Brite die faszinierende Eiswelt der Antarktis. Durch den Einsatz einer Art Synthesizer werden die klirrend kalten Winde nachempfunden. Um die endlose Weite des kalten Kontinents zu verdeutlichen, setzt der britische Tonsetzer auf einen wortlosen Sopran und einen wortlosen gemischten Chor. Besonders der dritte Satz, der die Landschaft beschreibt, ist in seiner kalten Schlichtheit umwerfend schön.
Genauso wie die Siebente so sind auch die letzten beiden Sinfonien ausgesprochene Spätwerke eines über 80jährigen Greises. Sie sind schlicht, aber dennoch unglaublich komplex und äußerst schwer zu durchdringen. So beginnt gleich die achte Sinfonie in d moll mit einem umfangreichen Variationszyklus ohne zugrunde liegendes Thema. Der bizarre Marsch des zweiten Satzes wirkt befremdlich. Auch das ausdrucksintensive Lento ist stark verkappt. Am Ende dieses gewaltigen Werkes steht eine hehre Toccata, die sämtliches Themenmaterial verflicht.
Seinen Schwanengesang in e moll komponierte Vaughan Williams erst 1957, ein Jahr vor seinem Tod, zu Ende. Vor allem das berückende Andante weiß, in seiner Ausdrucksintensität zu überzeugen. Das kräftige Scherzo steht am Rande der Tonalität. Und wieder beendet der Komponist das Werk leise in einem umfangreichen, extrem komplexen Andante.
Neben den Sinfonien sind auch einige andere Werke auf diesem Box Set versammelt, zum Beispiel die überaus berühmte und berückende Fantasie über ein Thema von Thomas Tallis. Dieses Werk zählt nicht ohne Grund zu den beliebtesten Stücken des britischen Tonsetzers.
Die Norfolk Rhapsody No. 1 ist ein munteres Wechselspiel aus Volksliedhaftem und Pastoralem. In ihr vereint Vaughan Williams Melodik und Raffinesse zu einer Dichtung der Extraklasse.
The Lark Ascending" ist eine fein ziselierte Romanze für Violine und Orchester. Der liebliche Tonfall und die singende Violine erzeugen ein Idyll, das nicht umsonst zu den bekannteren Stücken des Komponisten gehört.
In the Fen Country" ist ein knapp viertelstündiges Charakterstück, das ländliche Idyllen in prächtigen Klangfarben heraufbeschwört.
Der Liederzyklus On Wenlock Edge" für Tenor und Orchester steckt voller nostalgischer, melancholischer Elemente. Auch wenn einiges etwas langatmig wirkt, so überzeugen die sechs Lieder durch ihre schlichte Melodik.
Das London Philharmonic Orchestra unter Bernard Haitink bietet alle Werke eindrucksvoll und technisch perfekt dar. Haitink dominiert sein grandios spielendes Orchester und schafft durch seine scharfe Akzentuierung, sein angenehmes Tempo und seine tiefe Verständnis für das Oeuvre Vaughan Williams' eine farbige, aussagekräftige und nuancenreiche Interpretation. Die verschiedenen Solisten sowie der Chor fügen sich ausgezeichnet in die anspruchsvolle Gesamtleistung ein. Die Aufnahmequalität ist tadellos.
Fazit: Es gibt viel zu erkunden. Jedem dieser herrlichen Stücke ist etwas abzugewinnen. Eine großartige Entdeckungsreise!