"Ich starre darauf hin, ob er sich nicht hebt,
der Vorhang, dahinter mein Leben lebt,
meines Lebens Gehalt, meines Lebens Gebot -
und doch: mein Tod."
Rainer Maria Rilke (1875-1926) wird von Lou Andreas-Salomé (1861-1937) gewürdigt, einer Frau, die wie keine andere ihn kannte, ihn, der in tiefer Liebe ihr zugeneigte und sie doch ohne auf Dauer angelegte Beziehung zu ihm. Trotz all dieser Vorzüge emotionaler Betroffenheit erkennt man eine durchaus distanzierte Haltung von Lou. Sie entwickelt ihr Bild aus den Erzählungen des Maltes, aus dem wunderbaren Stundenbuch, entstanden im Zuge gemeinsamer Reisen nach Russland (1899 u. 1900) und vor allem aus den wehmütigen, erdentzogenen, engelsgleichen Elegien und den Sonetten des Orpheus, wie den wunderbaren Briefausschnitten, geschrieben aus den Fluchtpunkten jeder Reise, den Augenblick und dessen Empfindung betreffend.
Für Lou war dieser Dichter ein großer. Während das durchschnittliche Menschenschicksal sich zu allmählicher Anpassung ausgleicht, kommt es beim außerordentlichen zur Fragwürdigkeit des Lebens, so verstehen und lesen wir Lous Weltsicht. Diese Außenordentlichkeit Rilkes ist es, die Lou den Gedichten entlockt und mit ihren Gedanken und Empfindungen warmherzig und überlegt distanziert ergänzt. Ein einziges Mal redet sie von "Rainer", sonst heißt es "Rilke" oder "der Dichter". Und doch nimmt sie seine Briefe an sie, die darin enthaltenden Gedanken und verknüpft sie mit den sehnsuchtsvollen Versformen. Sei es die Liebe, sei es der Glaube, sei es sein Selbst - in allem steht ein Zweifel am Leben und eine Hinwendung zum Tod. Ihm gelingt ein Leben in fragender Zerbrechlichkeit und einem vorgestellten Gehen auf Krücken. Und doch entdeckt Lou gerade in diesen Feststellungen das beständige Verrücktsein in die Tiefe des Lebens und den darin enthaltenden Fragen. In aller Schwäche, die sie zweifelsfrei in Rilke entblößt, macht sie ihn zum gerade Stärksten in der Hinwendung zur Dialektik des Lebens zwischen Leben und Tod. Alles, was hier zu lesen ist, wirkt wie ein nachträgliches Zwiegespräch, es ist, als wenn neue Fragen gestellt und posthume Antworten notwendig werden für sie, der Frau, die zeitweise an seiner Seite ist. Für den Leser wirkt diese Schrift wie eine Nabelschau, es wird sehr deutlich, wie Rilke in seiner Zerbrechlichkeit wirkte und wie er begreift, dass das nur äußerliche Wahrnehmen jedes Innere verkümmern lässt.
Hesse schrieb einmal, dass er es nicht für Zufall halte, dass der Dichter Rilke in seiner Zeit an Wichtigkeit zugenommen habe. Und auch stellte er fest, dass der Rilke-Kult nicht eine Folge weiblicher Verehrung sei, sondern dass vielmehr Rilke in einer Zeit der Gewalt und der brutalen Machtanbetung Vorbild für eine geistige Elite werden konnte, weil er das Wesen der Zartheit, der Schwäche, der Hingabe und der Demut als Anstoß zu nehmen wusste, aus der Zartheit eine Kraft und aus einer seelischen Gefährdung eine heroische Askese abzuleiten. Und so lesen wir auch bei Lou, dass die Gefährdung in der Trias von Körper, Geist und Seele bei Rilke immer im Körper gelegen habe, dass er letztendlich aus ihm heraus einen geistigen Weltinnenraum geschaffen habe, der die Welt überwindet in eine sehnsuchtssichere Atmosphäre.
weitere Rezensionen dazu
Rilke lesen:
Das Stunden-Buch: Enthaltend die drei Bücher: Vom mönchischen Leben. Von der Pilgerschaft. Von der Armut und vom TodeDie Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge: Text und Kommentar (Suhrkamp BasisBibliothek)Duineser Elegien. Die Sonette an Orpheus (insel taschenbuch)Lou Andreas-Salomé lesen:
Im Kampf um Gott: RomanAus fremder Seele: Eine Spätherbstgeschichte~~