Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 17.10.2002
Penible Ausführlichkeit, so Karl-Markus Gauß, ist die Stärke, vor allem aber die Schwäche dieser Biografie. Die Materialfülle, die allein schon in den unendlich vielen Reisen samt "Bettgeschichten", "Affären", "innigen Liebesbeziehungen" und "platonischen Freundschaften" Rilkes liegt, sind aus seinen diversen Briefwechseln minuziös von Freedman herausdestilliert, meint Gauß. Was ihm aber gänzlich fehlt ist "innere Entwicklung", Gewichtung und Analyse, klagt der Rezensent. Auffallend bleibt immerhin auch in der materialreichen Nachzeichnung für Gauß der "nicht eben sympathisch" anmutende Zug schon im jungen Rilke, pausenlos nach Gönnern und - möglichst adeligen - Geldgebern zu suchen und seine Überzeugtheit von sich als großem Künstler. Total verwundert ist Gauß über die "gravierende, unverständliche Fehleinschätzung" Freedmans, der Prag für ein "provinzielles Nest" hält und daher den kulturellen Nährboden des Dichters nicht ernsthaft würdigen kann.
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Ralph Freedman hat sich dem Leben dieses Dichters - das reich ist an äußeren Stationen, an Begegnungen, an abrupten Veränderungen, Leiden und Freuden - und dessen wirkungsmächtigem Werk aus doppelter Distanz genähert: Mehr als 70 Jahre nach Rilkes Tod sind die Dokumente seines Lebens, eigene und fremde, dem forschenden Biographen größtenteils verfügbar; und von Amerika aus gesehen ist der kosmopolitische Rilke, der in deutscher und französischer Sprache schrieb, ein Dichter und Repräsentant Europas.
Wie schon in seiner Biographie "Hermann Hesse. Autor der Krisis" geht es Freedman um den Menschen, der hinter dem Werk und den öffentlichen Masken verborgen ist.
Er wagt dabei mitunter überraschende Rückschlüsse von der Dichtung auf den Menschen und umgekehrt; so sieht er Leben und Werk, insbesondere des jungen Dichters, von einer Grundkonstellation bestimmt: dem Kontrast zwischen der tristen Heinrichsgasse in Prag, in der er geboren wurde, und dem prächtigen Palais in der benachbart en Herrengasse, in der die wohlhabende Familie seiner Mutter lebte, zu der er nie ganz gehörte.
Freedman schildert das Leben des jungen Rene Rilke, der sich, nach einer schweren Kindheit in der gestörten Ehe seiner Eltern und in Militärschulen, früh zum Dichter bestimmt fühlte und seine ganze Kraft immer ausschließlicher auf ein Ziel zu richten begann: ein Dichter von Rang zu werden. Ob er als Halbwüchsiger mit einem Kindermädchen durchbrennt, sich verlobt und entlobt, die Lebensorte, die Universitäten und die Liebschaften wechselt, verschiedenste Brotarbeiten übernimmt oder Sponsoren umwirbt, er hat dabei letztlich eines im Blick: das Wachsen seines dichterischen Werkes. Das zweite Buch von Freedmans Rilke-Biographie folgt den Spuren des reifen Dichters. Biographisch sind es die Jahre nach der Trennung von Auguste Rodin im Jahr 1906 und der immer ausschließlicheren Orientierung auf das eigene Werk.
Von den nun entstehenden Meisterwerken machten ihn 'Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge' (1910), vor allem aber die 'Duineser Elegien' und 'Die Sonette an Orpheus' (1923) über die Grenzen des deutschen Sprachraums hinaus berühmt. Hinter dem Werk dieser Jahre steht ein an Höhen und Tiefen reiches, rastloses Leben. Zeiten höchster Schaffenskraft wechselten mit solchen langer, oft jahrelanger, zermürbender Schaffenskrisen; sie wurden verstärkt durch äußere Ereignisse und durch persönliche Umstände: die durch Weltkrieg und Revolution erzwungene Übersiedlung in die Schweiz und den Beginn seiner schweren Krankheit. Freedman macht den schmerzlichen Ablösungsprozeß deutlich, den Rilke, und mit ihm seine Partner, in diesen Jahren durchlief: "Jenes Alleinsein, in dem ich mich seit zwanzig Jahren befestige, darf nicht zu einer Ausnahme werden, zum Urlaub", schrieb er 1921, "es muß das Grundbewußtsein bleiben, in das ich immer zurückkehren kann: als zu dem Ort, an den ich gehöre."
Zeiten höchster Schaffenskraft wechselten mit solchen langer, oft jahrelanger, zermürbender Schaffenskrisen; sie wurden verstärkt durch äußere Ereignisse und durch persönliche Umstände: die durch Weltkrieg und Revolution erzwungene Übersiedlung in die Schweiz und den Beginn seiner schweren Krankheit. Freedman macht den schmerzlichen Ablösungsprozeß deutlich, den Rilke, und mit ihm seine Partner, in diesen Jahren durchlief: "Jenes Alleinsein, in dem ich mich seit zwanzig Jahren befestige, darf nicht zu einer Ausnahme werden, zum Urlaub", schrieb er 1921, "es muß das Grundbewußtsein bleiben, in das ich immer zurückkehren kann: als zu dem Ort, an den ich gehöre."