Neue Zürcher Zeitung
Goetz verpasst Raabe
Beiläufiges anlässlich einer Preisvergabe
Alle lieben Goetz. Wen wundert's, dass er mit Literaturpreisen überhäuft wird. Er sieht gut aus, wirkt trotz fortgeschrittenem Alter immer noch drahtig, hat Geschmack, ist ziemlich schnell und scharfsinnig die Nase im Wind, die Finger auf den Tasten , ausserdem kann er schreiben, was man nicht von allen behaupten kann, die unter dem Signet Popliteratur vermarktet werden, «everybody's darling» also, käme das bei einem Schriftsteller von Format nicht einer tödlichen Beleidigung gleich. Im November 2000 hat Goetz den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis der Stadt Braunschweig erhalten. Kompliment! Dotiert ist er mit 50 000 D-Mark, verliehen wurde er dem Grossmeister bundesrepublikanischer Popliteratur für das als «Roman eines Jahres» konzipierte Internet-Journal «Abfall für alle» (1998). Wer wissen möchte, wie es auf der Festveranstaltung zuging und was Rainald Goetz mit Wilhelm Raabe zu tun hat, dem sei das anzuzeigende Büchlein empfohlen. In ihm meldet sich der Oberbürgermeister der Stadt Braunschweig, Werner Steffens, zu Wort («Eine Stadt findet ihren Autor»), es finden sich der «Text der Verleihungsurkunde» sowie eine Laudatio, die keine sein will, «Keine Lobrede», verfasst und gehalten von Jürgen Kaube. Auch über Wilhelm Raabe und den nach ihm benannten Preis erfährt der Leser Neues. Ingeborg Harms liefert einige spannende Gedanken zur Aktualität Raabes («Der dicke Erzähler»), Horst Denkler hat Daten und Materialien aus seinem Archiv zusammengestellt, eine Chronik des Preises und seiner wechselvollen, politisch alles andere als unbedenklichen Geschichte. Es findet sich in dem Büchlein noch einiges mehr, nicht zuletzt die Rede, mit der Rainald Goetz sich bedankte. Sie ist naturgemäss sehr schnell, erwähnt Wilhelm Raabe mit keinem Wort, setzt sich vielmehr aus Reiseeindrücken zusammen, die Goetz im ICE oder auf einer seiner Stationen zwischen Berlin und Zürich notierte: der schöne weisse lange Hals einer blonden Endzwanzigerin, die Inneneinrichtung des Suhrkamp-Gästehauses, was es mit Houellebecq und anderen auf sich hat und dergleichen mehr. Kleinigkeiten, nichts als Kleinigkeiten, diesmal unter dem Titel: «Reisen: wie ich es hasse». Als ob Goetz dem als kauzig stigmatisierten «Realisten» aus Braunschweig indirekt wenigstens seine Reverenz hätte erweisen wollen. Denn, mit Raabe gesprochen: «Die Welt ist viel trivialer oder, wenn du es auf Deutsch willst, viel nichtsbedeutender, als sie sich einbildet. [. . .] Kleinigkeiten sind's, die uns in die Zeitungen und in die Mäuler der Leute bringen, die uns zu Welteroberern, Dichtern, Künstlern, Mördern, Selbstmördern, Zucht- und Irrenhauskandidaten machen.» Dass das bei Literaturpreisträgern nicht viel anders ist, kann man aus diesem Büchlein lernen. Wolfgang Lange
Kurzbeschreibung
Für sein Buch "Abfall für alle. Roman eines Jahres" erhielt Rainald Goetz im Jahr 2000 den Wilhelm-Raabe-Preis - mit 50.000 Mark eine der höchstdotierten literarischen Auszeichnungen. Der Preis wurde 1932 erstmalig vergeben in Würdigung des experimentierfreudigen Realisten Wilhelm Raabe (1831-1910). Er spiegelt die wechselvolle deutsche Literaturgeschichte wider und ist zugleich ein Teil davon. Seine gewichtige Bedeutung gewann er nach 1946. Preisträger waren u. a. Hermann Hesse, Max Frisch, Uwe Johnson und Hermann Lenz. Nach Jahren der Unterbrechung wurde der Preis nun wieder dank der Initiative des Rundfunksenders DeutschlandRadio und der Stadt Braunschweig vergeben. Ein solches Engagement einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt und einer Kommune ist bislang einmalig. Mit dem Preis soll künftig alle zwei Jahre ein zeitgenössisches, in deutscher Sprache verfaßtes Erzählwerk ausgezeichnet werden, das einen besonderen Stellenwert in der Entwicklung der Autorin oder des Autors markiert.