Ich habe meine Schwierigkeiten mit dem Begriff "Soundtrack". Es sind die Schwierigkeiten eines Menschleins, das unter dem Begriff etwas anderes versteht als 99 von 100 CD-Händlern und -Käufern.
Für die Mehrheit des CDs kaufenden Teils der Menschheit scheint der Begriff Soundtrack eine Art Hit-Kopplung zu bezeichnen, die Songs von verschiedenen Bands bezeichnet. Songs, die irgendwann einmal als musikalische Untermalung für einen Film verwendet worden sind. In diesem Sinne sind die Veröffentlichungen zu George Lucas' American Graffiti, zu John Landis' Blues Brothers und zu Quentin Tarantinos From Dusk till Dawn Soundtracks. George Lucas war übrigens der erste, der diese Art der musikalischen Zweitverwertung bestehender Pop-Songs betrieben hat, Quentin Tarantino hat das Lucas'sche Konzept richtig zur Blüte gebracht. Für die Alben zu seinen Filmen hebt Tarantino immer wieder musikalische Schätzchen, die weithin in Vergessenheit geraten sind und die dann plötzlich von einer neuen Generation von Musik-Interessierten wiederentdeckt werden.
Für mich bezeichnet der Begriff Soundtrack allerdings etwas anderes; nämlich nur solche Musik, die eigens für den Film komponiert worden ist. Ein Beispiel? Bitte sehr, gern: Neben Songs von ZZ Top, Stevie Ray Vaughan und Co. tauchen in From Dusk till Dawn Instrumental-Kompositionen eines Herrn namens Graeme Revell auf. Dessen experimentelle Klangkulissen mögen nicht jedermanns Sache sein, in meinen Augen sind sie aber das, was wirklich verdient, als der eigentliche Soundtrack des Films bezeichnet zu werden.
Auf die zum Film veröffentlichte CD hat beides gefunden - Songs, die im Film auftauchen und Instrumentalstücke, die eigens für den Film geschrieben wurden. Das legendäre, hypnotische After Dark der Combo Tito and Tarantula ist übrigens insofern ein Zwischending, als der Song im Film eine eigene Rolle spielt: Es ist das Stück, mit dem die Hausband der dämonischen Rockerkneipe Titty Twister den lasziven Schlangentanz einer Dame mit dem schönen Künstlernamen Santanico Pandaemonium untermalt - "source music" heißen solche Stücke, die aus einer Quelle stammen, die auch tatsächlich Teil des szenischen Geschehens im Film ist.
Manchmal findet solche source music den Weg auf die CD zum Film (wie z. B. der schöne Song "Nights are Forever" aus dem Film "Unheimliche Schattenlichter"), manchmal nicht: "Dissolved Girl" von Massive Attack findet sich nur auf deren empfehlenswerter CD "Mezzanine", nicht aber auf den CDs, die zum Film "Matrix" erschienen sind. Hier ist übrigens wirklich die Mehrzahl richtig, denn neben einer CD mit Rock-Songs, die im Film auftauchen, sind auch die symphonischen Kompositionen eines Herrn namens Don Davis auf CD erschienen: Original Motion Picture Score steht auf dem Cover der CD. Score - unter Filmmusik-Enthusiasten ist das ein durchaus geläufiger Begriff, mit dem zwischen Compilations wie den oben genannten und den meist rein symphonischen Filmmusik-CDs unterschieden wird.
Auch das offizielle Album zu "Rain Man" besteht, leider, zum größten Teil aus bereits zuvor veröffentlichtem Material. Unterm Strich sagt es wahrscheinlich mehr darüber aus, welche Art von populärer Musik sich in den späten 80er Jahren des 20. Jahrhunderts gut verkauft hat als darüber, welche Art von Film Rain Man" ist. Fans der trinkfesten Mädchen-Band Bananarama durften sich über den Beitrag "Nathan Jones" freuen, Fans des Deep Purple-Frontmanns Ian Gillan über "Lonely Avenue", eine Auskopplung aus dem kurz zuvor erschienenen Akustik-Album "Accidentally on Purpose", das das Rock-Urgestein gemeinsam mit Bandkollege Roger Glover eingespielt hatte.
Nun sind Fans von Bananarama selten Fans von Deep Purple, und umgekehrt gilt das mindestens genauso. Und hier liegt auch der Hase im Pfeffer: Die CD "Rain Man" ist eine sehr bunt zusammen gewürfelte Mischung von Songs, die nicht viel gemeinsam haben - außer eben, dass sie, zumindest ein paar Takte lang, auch im Film zu hören gewesen sind.
Der eigentliche Grund dafür, sich diese CD zuzulegen, hat einen Namen, und der lautet Hans Zimmer. Zimmer, der spätestens durch seinen wuchtigen Score zu Ridley Scotts "Gladiator" auch einem breiten Publikum bekannt wurde, hat nämlich für Rain Man" einen Score mit immensem Wiedererkennungswert geschaffen. Viel davon hat zwar nicht den Weg auf die CD zum Film gefunden, aber das lässt sich insofern verschmerzen, als wenigstens das einprägsamste Stück vertreten ist: "Leaving Wallbrook / On the Road" heißt es; eine aus wehenden Synthesizerklängen gewobene Fernweh- und Sehnsuchtsmelodie, die Zimmers Score seinerzeit völlig zu Recht in die Riege der Oscar-Kandidaten katapultierte (gewonnen hat dann allerdings Jazzer Dave Grusin mit seinem Score für "Milagro - Krieg im Bohnenfeld").
Wer das Stück hört, der erkennt es wieder - in den Jahren seit der Leinwandpremiere von Rain Man" im Jahr 1989 ist Zimmers markantes, eingängiges Stück in unzähligen TV-Reisemagazinen verwendet worden; ähnlich oft ist in solchen Formaten allenfalls noch Karl Jenkins' "Adiemus" zu hören. "Leaving Wallbrook / On the Road" war der einzige Grund, aus dem ich mir die CD seinerzeit zugelegt habe, und es ist der einzige Grund, aus dem ich sie auch heute noch manchmal einlege.
R e s ü m e e
Viel Spreu, wenig Weizen: Vom eigentlichen Score, den Hans Zimmer für den Film komponiert hat, haben gerade mal zwei Stücke den Weg auf die CD gefunden. Der Rest ist eine bunte Mischung, von der nicht alles wirklich hörenswert ist.