Zuerst einmal, auch wenn es dem Titel nach so aussieht, dies ist keine "Der Film hält sich nicht ans Buch also ist er schlecht Rezension". Ich werde zwar den Film mit dem Buch vergleichen aber meine Abneigung dem Film gegenüber liegt nicht an mangelnder Treu zur Romanvorlage.
Ich weiß nicht einmal wirklich wo ich anfangen soll zu beschreiben warum der Film nicht gut ist. Ich will einfach nur auf die Punkte eingehen, die mir besonders negativ aufgefallen sind:
1. "Suspension of Disbelieve". Dieser Begriff stammt aus dem Englischen und beschreibt das Akzeptieren von unlogischen oder unmöglichen Situationen in Filmen. Aber dieser Film hat meine Fähigkeiten dazu überreizt.
Es beginnt bei Kleinigkeiten wie Rain's übernatürlicher Fähigkeit Frauen dazu zu bringen ihm zu trauen. Eine Frau steigt aus der Dusche und wird von zwei Männern in ihrem Haus überrascht. Rain erscheint und schlägt die beiden zusammen. Die Frage "Danke für die Hilfe aber wer sind sie, was tun sie hier und warum sollte ich nicht sofort die Polizei rufen?" scheint ihr überhaupt nicht in den Sinn zu kommen. Stattdessen vertraut sie Rain sofort genug um ihm Informationen über ihren verstorbenen Vater zu geben.
Und das Problem steigert sich zu starken logischen Widersprüchen. Holtzer, einer der Antagonisten, arbeitet mit Benny, Rain's Kontaktmann, zusammen. Tatsächlich scheint Holtzer in einer Position zu sein in der er Benny Befehle geben kann. Holtzer will von Kawamura einen Memorystick erhalten. Dabei kommt ihm Rain in die Quere indem er Kawamura tötet. Benny hatte zuvor Druck auf Rain ausgeübt damit dieser Kawamura möglichst bald tötet. Die Frage ist nun, wenn Holtzer Benny kontrolliert und der tot von Kawamura nicht in seinem Interesse liegt, was ist dann da los? warum gibt Benny den Auftrag und übt soviel Druck auf Rain aus und wenn Benny in eigenem Interesse gehandelt hat, warum gibt es dafür keine Repressalien von Holtzer gegen Benny?
2. Unverständliche/ Unnötige Szenen. Manche Leute würden argumentieren, dass eine Adaption eines Buches wegen des größeren Handlungsumfangs schwer bis unmöglich ist. Das ist wahr. Aber warum enthält dieser Film dann statt notwendiger, charaktererklärender Szenen zusätzliche, nicht im Buch enthaltene und unnötige Szenen?
Es gibt eine Szene in der 3 Personen telefonieren. Sie besprechen die kürzlichen "natürlichen" Tode von 3 Bürokraten. Zu diesem Zeitpunkt ist keine der Personen eingeführt worden. Somit können wir den Bezug dieser Personen zur Handlung und ihre Motivation nicht erkennen. Dazu kommt, dass aufgrund der Untertitel nicht klar ist wer was sagt. Es mag an dieser Sache mit den Untertiteln gelegen haben. Aber selbst wenn man das außen vor lässt, warum eine Szene mit unbekannten? Bis man diese Personen einer Fraktion zuordnen kann erinnert man sich kaum noch an dieses Gespräch, da es in dem Moment so unwichtig war.
Oder die Szene mit Midori's Schwester. Diese Person taucht im Buch nicht auf und ihre einzige Funktion ist nach 25 Sekunden erschossen zu werden. Sie hat 6 Worte Text mit Inhalt ("Mein Vater wollte einen Fehler korrigieren"). ich verstehe nicht wozu diese Szene überhaupt eingeführt wurde.
3. Cinematographische Fehlgriffe. Gemeint sind hier schlichtweg schlecht gedrehte oder umgesetzte Szenen.
Nehmen wir die Szene in der Rain auf dem Bahnsteig den CIA Agenten entkommt. Es wird nie gezeigt wie er entkommen ist oder wohin. Es wird mehrmals schnell hin und her geschnitten und dann sieht man den Wutausbruch des leitenden Agenten. Auf dem Bahnsteig war niemand und zumindest einer der CIA Agenten hat Rain die ganze zeit über mit der Waffe in der Hand beobachtet. Es wird nie auch nur im Ansatz erklärt wohin er gegangen ist.
Ein anderes Beispiel ist Kawamura's Tod. Aus dem Buch ist bekannt, dass Rain einen Sender an Kawamura angebracht hat und diesen benutzt hat um Kawamura's Herzschrittmacher auszuschalten. Er hat als Fernsteuerung einen umgebauten PDA benutzt. Im Film sehen wir, wie Rain sein Handy rausholt und dann hat Kawamura einen Herzinfarkt. Es wird nie auf das wie oder warum eingegangen. Auch das anbringen und entfernen des Sensors bleibt aus. Wenn ich das Buch nicht gelesen hätte, hätte ich diese Szene nicht verstanden.
4. Charaktere, die ein untypisches Verhalten aufweisen. Ich will, wie gesagt, nicht auf unterschiede zu Buch eingehen. Ich nehmen die Charaktere hier als neue Figuren, die im besten Fall auf dem Buch basieren aber trotzdem ist zumindest das Verhalten von Rain in sich widersprüchlich.
Zu Beginn des Film wird er verfolgt. Er lockt den Verfolger in eine öffentliche Toilette, schlägt ihn bewusstlos und geht. Warum befragt er ihn nicht? Warum versucht er nicht herauszufinden, wer hinter ihm her ist? Und wenn das nicht möglich ist, warum tötet er den Verfolger nicht um die Anzahl seiner Feinde zu verringern? Dasselbe gilt für die nächsten beiden Konfrontationen. Sowohl die 2 beiden Leute, die in Kawamura's Haus eindringen als auch der Messerschwingende Attentäter, der auf Midori angesetzt ist, überleben ihre Zusammenstöße mit Rain und werden nicht verhört.
Eine "Erwähnung ehrenhalber" verdient hier Gary Oldman als Holtzer. Ein Charakter mit absolut unmotivierten cholerischen Wutausbrüchen, der, wahrscheinlich nicht zufällig, sehr an Stansfield, Oldman's Charkter in "Léon", erinnert.
5. Das Fehlen des inneren Monologs.
In den Büchern wird Rain dadurch greifbar, dass er sich direkt an den Leser wendet. Seine Motive und sein Verhalten wird dadurch klar und erst das macht diesen offensichtlichen Soziopathen zu einer sympathischen Figur. Ohne diese Monologe bleibt Rain eine 2 dimensionale Figur. Es ist auf einer gewissen Ebene schon ein Armutszeugnis, wenn die Hauptfigur eines Films in den ersten 45 Minuten gefühlt 10 Sätze sagt.
Abschließend glaube ich, dass der Schreiber des Skripts, der auch gleichzeitig der Regisseur war, das Buch gelesen hat und entweder nicht verstanden hat oder nicht mochte und nach etwa 200 Seiten aufgehört hat zu lesen. Dann hat er entschieden auf kosten der Charakterentwicklung mehr Actionszenen einzubauen, ist aber daran gescheitert diese durch eine logische Story und sinnvolle Übergänge zwischen den Szenen zu verknüpfen. Um eine niedrigere Altersfreigabe zu erzielen hat er dann noch die grundlegend brutale und düstere Story verfälscht bis der einzige Tod den man sieht Kawamura's Tod durch Herzinfarkt ist (alle anderen werden off-screen umgebracht, durch eine Wand erschossen oder nur verletzt). Als er seinen Fehler bemerkt hat, hat er dann noch versucht die fehlenden logischen Zusammenhänge und Übergänge durch weitere Szenen zu erzeugen, was aber ebenfalls gescheitert ist.
Und so werden wir wohl auf eine gute Verfilmung der Rain Bücher verzichten müssen. Bleibt nur zu hoffen, dass, falls jemals eine Verfilmung der neuen Serie von Barry Eisler geplant wird man diese jemandem mit Talent und Respekt für die Vorlage überlässt.