Hannah Arendt möchte nur Rahels Lebensweg nacherzählen, sich des Psychologisierens und Kommentierens enthalten, was sie allerdings kaum durchhält, besonders des Kommentierens nicht, auch ist ihre Einbettung in die Geschichte, die Romantik und Geschichte des Judentums in Deutschland ergiebig und aufschlussreich. Kennzeichnend ist auch Arendts harter Realitätssinn, der Rahels gesellschaftliche Einbettung (oder besser: mangelnde) und z.B. Varnhagens Umtriebigkeit sehr überzeugend und nachvollziehbar darstellt. Der Hauptvorzug aus meiner Sicht: Arendt führt gut in Rahels Ausdrucksweise und Denkweise ein, indem sie sich so eng an ihre Quellen hält. Der Nachteil: Dieses Umkreisen des Sachverhalts in Rahels Terminologie - und wie es scheint, mit Arendts eigener philosophischer Terminologie - wirkt doch etwas ermüdend und erschwert den Zugang. Sie unterlässt es auch deutlich Akzente zu setzen, stattdessen umschreibt sie Rahels Bewusstseins- und Lebenslagen in vielen Variationen und Wiederholungen. Mich hätte schon interessiert, mehr über Zusammenhänge psychologischer Art zu erfahren, schließlich stellt Arendt diese ja in historischer und sozialer Hinsicht auch her. Also: Wie konnte aus der jüdischen Familie diese ungewöhnliche Frau hervorgehen? Wieso dieser intensive Wunsch der Rahel, am Leben und zwar am Leben der Mächtigen teilzunehmen? Später trennt sich Rahel von der Familie, als sie mit Varnhagen ökonomisch und gesellschaftlich unabhängig geworden ist - warum?