Im klugen Nachwort von Ulrike Landfester zum Buch "RAHEL. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde" heißt es: "Die Person, die als Rahel dem 'Buch des Andenkens' seinen Haupttitel gibt, hatte weder Romane, Gedichte oder Dramen noch wissenschaftliche Traktate oder politische Streitschriften verfasst, die als Werke hätten publiziert werden können; stattdessen hatte sie Tagebücher und vor allen Tausende von Briefen geschrieben, die aus einem beweglichen, vielgliedrigen Kommunikationsprozess entstanden und zeit ihres Lebens in diesen eingebettet geblieben waren."
Rahel Levin, später Rahel Antonie Friedericke Robert, verehelichte Varnhagen von Ense (geboren 1771, gest. 1833) - man muss sie eigentlich nicht mehr vorstellen. Ihr Name ist illuster und hat eine ganze Epoche der sogenannten Salonkultur ím 19. Jahrhundert geprägt. Ihr Salon war so etwas wie das geistige Zentrum Berlins, in dem sich die Großen ihrer Zeit trafen: Schleiermacher und Fichte, Fouqué und Chamisso, die Brüder Schlegel benso wie Wilhelm von Humboldt und Heinrich Heine und viele andere. Zudem gilt sie - auch ohne eigenständige Werke - als bedeutende Schriftstellerin und Saloniére jüdischer Abstammung. Dies alles ist vielfach dokumentiert und beschrieben - und soll hier nicht aufgearbeitet werden.
Aufmerksam zu machen ist allerdings auf diese Neuerscheinung oder besser: diese Neuauflage. 1833, wenige Tage vor ihrem Todesjahr, erschien der noch von ihr autorisierte und mit ihrem Mann Varnhagen von Ense erarbeitete Band "RAHEL.Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde". Dieses Buch, das als einbändiger Privatdruck und nur für den Freundeskreis gedacht war, war bereits lange in Vorbereitung und versammelte Texte und Briefe Rahels. Eine Freundesgabe also - und danach nicht mehr auf dem Markt.
Umso verdienstvoller die Neuausgabe durch den Berliner Verlag Matthes & Seitz. Natürlich gibt es mittlerweile viele Ausgabe von Briefen und Texten der Rahel Varnhagen - literaturwissenschaftlich aufgearbeitet und kommentiert. Was diese Ausgabe so einzigartig macht, ist die Ursprünglickeit, die Authentizität in Zusammenstellung und Auswahl.
Rahel hat sich selbst widerlegt, wenn sie 1816 formuliert: "Aber schreiben kann ich doch nichts, was Sie zum Druck gebrauchen können. Ich kann nur Briefe schreiben; und manchmal einen Aphorism; aber absolut über keinen Gegenstand... Ich bin doch ein Rebell". Ein Rebell in vieler Hinsicht war sie in jedem Fall und eine großartieg Schriftstellerin. Und sie wusste das. An David Veit am 16. Februar 1805: "Ich bin so einzig, als die größte Erscheinung dieser Erde. Der größte Künstler, Philosoph, oder Dichter ist nicht über mir. Wir sind vom selben Element. Im selben Rang, und gehören zusammen... Mir aber war das Leben angewiesen, und ich blieb im Keim... Damit ein Abbild die Existenz beschließt."
Dieses "Abbild" ist dieses Buch. Und es ist herrlich zu lesen. Rahel ist überall in ihrem "Element" - sei es, wenn es um Alltägliches geht, sei es, wenn es um die großen geistigen Dinge der Welt geht. Liebeskummer und Seelenschmerz finden ihre Erwähnung, Literatur wird rezensiert. Autoren werden gelobt oder getadelt - natürlich auf Augenhöhe.
1801 schrieb Rahel an Gustav von Brinckmann: "Der Mensch als Mensch ist selbst ein Werk der Kunst, und sein ganzes Wesen besteht darin, daß Bewußtsein und Nicht-Bewußtsein gehörig in ihm wechseln." In diesem Sinne war Rahel Varnhagen von Ense selbst "ein Werk der Kunst".