Der Roman "Ragtime" (mit dieser Ausgabe für den deutschen Markt wieder veröffentlicht) begründete in den 1970er Jahren E.L. Doctorows Weltruhm; seine halbdokumentarischen Schilderungen fanden Eingang in die seriöse Geschichtsschreibung zum frühen 20. Jahrhundert. Doctorow lässt uns in ein fürwahr illustres Kaleidoskop dieser Epoche blicken; Houdini, Freud, J.P. Morgan und andere heute nicht mehr geläufige "Celebrities" haben darin einen Platz gefunden. Im Mittelpunkt der gleichwohl stark fragmentierten, anekdotischen Erzählung steht Coalhouse Walker, ein moderner Michael Kohlhaas: Einer, der objektiv erlittenes Unrecht mit Feuer und Schwert sühnt und dabei jedes Maß verliert.
Vieles in diesem Roman mag als Metapher auf Phänomene der Moderne gelesen werden; zur Allegorie freilich reicht es nicht, dazu fehlen Doctorow die literarischen Mittel. Und dies durchgängig: Die vielen Hauptsätze, asyndetisch gestellt - sie mögen vielleicht etwas von der viel gescholtenen Neurasthenie moderner Großstadtwelten zum Ausdruck bringen; im Ergebnis aber bleibt der Text einsinnig nüchtern und kühl; den Figuren fehlt es an Leben und Glaubwürdigkeit. Das mag als Charakterisierung des modernen Menschen gedacht sein, aber so recht wirkt das alles nicht überzeugend: mehr gewollt als gekonnt. Möglicherweise hat der Text nach gut dreißig Jahren schon Patina angesetzt, als literarisches Ereignis - anders als Doctorows "Marsch" - geht er heute nicht mehr durch.